TV-Serie mehr als Kunstraub: Wer hat den Caravaggio zerstückelt?

Im Jahr 2023 wurde im Oratorium von San Lorenzo in Palermo das zeitgenössische Werk „Caravaggio Desmembrado“ des spanischen Künstlers Javier Carpintero ausgestellt. In der Online-Kunstpublikation „Finestre sull’Arte“ ist die etwa drei mal zwei Meter große Hommage zu sehen. Es handelt sich um eine nach Abbildungen hergestellte Hommage an Caravaggios Altarbild „Christi Geburt mit den Heiligen Laurentius und Franziskus“ (1609), ein Werk mit überwältigend dramatischer Hell-und-Dunkel-Wirkung.

Eines der bedeutendsten Bilder Caravaggios

Das Original ist eines der bedeutendsten Bilder in Caravaggios ohnehin schmalem Werk – oder war es vielmehr, denn es handelt sich bei ihm um einen der größten Verluste der Kunstwelt. Das Bild ist verschollen, wurde mutmaßlich zerschnitten, an Schweine verfüttert, als Bettvorleger benutzt oder verbrannt, wie es in immer neuen, mehr oder minder glaubwürdigen Zeugenaussagen in den vergangenen Jahrzehnten hieß. Bis 1969 hing es in der Kirche San Lorenzo. Über dem Altar platziert, schien es gleichsam auf seine Betrachter herabzustürzen. Carpinteros „Caravaggio Desmembrado“ führt einen Teil seiner Rekonstruktion in Quadraten aus, die sich aus der beschädigten Leinwand lösen, zerlegt das Bild, lässt die abgetrennten Teile dreidimensional aus dem Rahmen schweben und gen Boden sinken. Es ist eine Verlustanzeige.

Der Diebstahl und die anschließenden Ereignisse in ihrer bis heute andauernden Rätselhaftigkeit sind ein überaus dankbarer Stoff auch für fiktionale Spekulationen. Die italienisch-schweizerische Serie „Das Caravaggio-Komplott“ bei Arte zeigt das auf äußerst sehenswerte Weise. In dem Sechsteiler von Fulvio Bernasconi (Regie) und Maria Roselli, Mattia Lento und Thomas Ritter (Drehbuch) verbinden sich Mafiathriller, Kunstgeschichte und zeitgenössisches sizilianisch-schweizerisches Familiendrama mit Kunstmarktgeschacher und der Begierde Vermögender, ein Kunstwerk zu besitzen, nach dem alle Welt sucht.

Es geschah in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1969

In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1969 wurde Caravaggios „Christi Geburt“ von unbekannten Tätern mit Rasierklingen aus seinem Rahmen geschnitten und gestohlen. Es ist immer noch verschwunden. Als mutmaßlicher Auftraggeber des Diebstahls wurde schnell die Cosa Nostra, die sizilianische Mafia, gehandelt. Der Pfarrer von San Lorenzo berichtete von zwei Erpresserbriefen, die ihn erreichten, und dem Widerstand der Kunstbehörde, die einen Deal ablehnte. Anzunehmen ist, dass das Bild Jahre später in die Schweiz geschmuggelt wurde. Ein Kunsthändler aus Lugano sei involviert gewesen. Vermutet wird, dass die schwer beschädigte Leinwand zerteilt war. Der Engel links oben, Maria in der Mitte, das neugeborene Kind am unteren Bildrand – die wertvollsten Teile des unschätzbaren Werks – könnten der Besitzgier von Kunstliebhabern zum Opfer gefallen sein. Gerichtsfest ist das alles nicht, aber es reicht für die mitreißende Spekulation auf der Basis von Fakten, die „Das Caravaggio-Komplott“, eindrücklich gefilmt (Kamera Pascal Walder) und mit wirkungsvollem Sound akzentuiert (Musik Adrian Frutiger), darbietet.

Anna Romano (Gaia Messerklinger) präsentiert Kommissar Cavadini (Alberto Malanchino) Fotos des gestohlenen Caravaggio.hugofilm features/RSI

Als Anna Romano (Gaia Messerklinger) aus Mailand nach Lugano zurückkehrt, weil ihr Vater Antonio (Filippo Luna) eben mit seinem Auto aus dem See gefischt wurde, kehren Erinnerungen wieder. An eine Kindheit, die zunächst unbeschwert familiär war, künstlerisch und kreativ geprägt, bis der Vater 1993 von einem Tag auf den anderen verschwand, noch manchmal Karten und Geschenke schickte, bis auch das aufhörte. Anna und ihr Bruder Francesco (Luca Filippi) gingen unterschiedlich damit um. Sie wurde Investigativjournalistin, er Junkie, eine verkrachte Existenz. Nun muss die Familiengeschichte neu geschrieben werden, mithilfe des Kommissars Andrea Cavadini (Alberto Malanchino) oder, wie Anna meint, auf eigene Faust. Die Spur führt nach Palermo, dem Herkunftsort der Romanos, und zurück nach Lugano. Der beste Freund von Vater Antonio, Saro Savoca (Fabrizio Ferracane), lebt nun mit der Mutter Caterina (Sandra Ceccarelli) in der Familienvilla voller Kunst. Bei der Herzogin Maria (Esther Gemsch), einer großen Kunstsammlerin, geht Caterina ein und aus.

Spuren führen zum geraubten Caravaggio, denn Antonio war nicht nur selbst Maler, sondern Kunstsachverständiger. Ein Antiquitätenhändler und sein Privatbankier versuchen Annas Nachforschungen zu stoppen, notfalls mit Gewalt, während aus Palermo Inspektor Guerrini (Michele Venitucci) anreist. Es scheint, als wolle die Cosa Nostra endgültig alle möglichen Zeugen zum Schweigen bringen. Dann scheint es, als habe Anna auf der lebensgefährlichen Suche nach den Mördern des Vaters den Caravaggio entdeckt und als ließe sie sich mit dem Schweizer Kommissar ein, um an Informationen zu kommen. „Das Caravaggio-Komplott“ macht seine faktenbasierten Rätsel durchweg glaubwürdig: So könnte es gewesen sein.

Das Caravaggio-Komplott läuft an diesem Donnerstag und am 12. März, jeweils ab 21.50 Uhr bei Arte, und in der Arte-Mediathek.

Source: faz.net