TV-Serie „Kacken an welcher Havel“: Das ist mal eine wirklich irre Serie

Es passiert nicht oft, dass man bei Serien immer mal wieder auf Pause drückt, um sich zu fragen: Was habe ich hier eigentlich gerade gesehen? Wie viele Ideen waren das gerade pro Minute? Geht es mir gut, oder ist das ein Fiebertraum? Und ist das womöglich Veronika Ferres’ beste Rolle in sehr langer Zeit, wobei die Latte zugegeben gar nicht so hoch hängt? Ob „Kacken an der Havel“ eine gute Serie ist, trauen wir uns an diesem Punkt nicht zu entscheiden, der interne Bewältigungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Aber einen enormen Schauwert hat die Sache in jedem Fall.

Das liegt weniger an der Handlung als vielmehr daran, dass in eine Folge mehr Einfälle gepresst werden, als manche Serie pro Staffel aufweist. Die Geschichte handelt von dem erfolglosen Rapper Toni (Fatoni, oder bürgerlich: Anton Schneider), der aus Berlin in sein Heimatdorf in Brandenburg zurückkehrt, ohne allen zeigen zu können, dass er es geschafft hat. Das ist natürlich eine Schmach für den hauptberuflichen Hilfspizzabäcker, der sich sein Leben auch anders vorgestellt hat.

Wo bleibt das Hitmaterial?

Anlass ist der Tod seiner Mutter Wera (Ruth Reinecke), einer einstigen DDR-Diskuswerferin und Abschleppunternehmerin, die beim Retten einer Ente aus einem Baum gefallen ist. Im schönen Kacken erwarten ihn zudem seine Schwester Nancy (Jördis Triebel), die Dorfpolizistin, sein junger Stiefvater Johnny Carrera (Dimitrij Schaad, der die Serie zusammen mit seinem Bruder Alex Schaad konzipiert hat), dazu unüberschaubar viele Nichten, die Jugendliebe Jana (Hannah Ehrlichmann) und – das ist einigermaßen unerwartet – sein Sohn Charly Schrammel (Amadeo Leo Arndt).

Charly ist 13, spielt in der Schulband, bewältigt gerade seine erste Jugendliebe mit der Thereminspielerin Sascha und wünscht sich einen Vater. Das, was er mit Toni bekommt, entspricht allerdings nicht seinen Vorstellungen. Und als Toni doch noch einmal bei einem Label eine Chance erhält, steht er enorm unter Druck, Hitmaterial abliefern zu müssen. Nun stürmt alles auf ihn ein: der neugewonnene Sohn, die Versagensangst, der heftig trauernde Johnny, der alte Freund Herr Paule, heute Lehrer und Leiter der Schultheatergruppe, und Tupac, das verwaiste Entenküken.

„Ich bin nur ein Loser ausm Kuhkaff“

Und schließlich dieses ganze absurde Universum Kacken, mitsamt Veronika Ferres als Veronika Ferres als Bürgermeisterin, die einen Personenkult betreibt, der vage an Nordkorea erinnert. Allein die unzähligen Ölschinken der liebenden Führerin in Schule und Amtsstuben, die unkommentiert im Hintergrund hängen, zeigen, mit wie viel Liebe zum grotesken Detail diese Welt ausgestattet wurde. Und dann hat man Matthias Brandt als Labelchef Dr. „Diggity“ Drehws noch nicht gesehen.

Am Ende kulminiert alles bei einer Schultheaterpremiere, gegeben wird die Bühnenadaption des Films „Armageddon“, den Toni sehr liebt. Noch mehr aber liebt Toni Rap. Dass er Charly genauso sehr liebt wie Rap, findet er erst im Laufe der neun Folgen heraus.

Eine ernsthafte Hip-Hop-Serie wie das von Netflix schändlicherweise nach einer Staffel abgesetzte „Skylines“ ist die Comedy „Kacken an der Havel“ nicht. Am Anfang sieht man Toni einmal beim Battlerap – „Ich dachte immer, ich werd irgendwann wie Tupac. Doch kuck mich an, ich bin nur ein Loser ausm Kuhkaff“ – und dann bekommt er am Ende natürlich noch irgendwie seinen Hit. Doch noch häufiger ertönt Charlys Elektroorgel, und der Soundtrack ist auch eher eklektisch. Gründe, die Serie einzuschalten, gibt es auch ohne Rap einige. Der groteske Witz, die liebevolle Ausstattung – und nicht zuallerletzt Veronika Ferres. Dass wir das einmal schreiben würden, das hätten wir auch nicht gedacht.

Kacken an der Havel startet am Donnerstag bei Netflix.

Source: faz.net