TV-Serie „Heated Rivalry“: Sie sind Gegner hinaus dem Eis, Liebhaber in welcher Nacht

Zwei rivalisierende Eishockeyspieler verlieben sich ineinander: Das ist die schlichte Prämisse von „Heated Rivalry“, einer sechsteiligen Serie von Jacob Tierney, die sich auf die ersten beiden Romane einer Reihe der Kanadierin Rachel Reid stützt. Der großspurige Ilya Rozanov (Connor Storrie) führt die Boston Raiders an, der stille Shane Hollander (Hudson Williams) ist Kapitän der Montreal Metros, und im Kampf um Pokale und andere Ehren werden die zwei aufsteigenden Stars von der Presse und den Fans zu Rivalen stilisiert. Tatsächlich aber schlittern Ilya und Shane in eine stürmische Liebesaffäre, die ihre Karrieren begleitet und in der von Männlichkeitsgehabe dominierten (fiktionalen) Eishockeyliga MLH eine Unmöglichkeit darstellt.

Aber die Serie, die zwischen 2008 und 2017 spielt, dreht sich zunächst nicht so sehr um Homophobie (auch wenn Ilya in seiner russischen Heimat Gefängnis oder Schlimmeres droht und unausgesprochen klar ist, dass ein Coming-out das Karriereende bedeuten würde), sondern um die unwiderstehliche sexuelle Anziehung zwischen den beiden, die sich nach einander verzehren und sich bei jedem heimlichen Rendezvous in Hotelzimmern die Klamotten vom Leib reißen. Ilya ist der dominantere, erfahrenere, Shane ist zunächst zurückhaltend, verunsichert.

Auf Watchparties und im Wohnzimmer

Aber er lässt sich von dem Russen anleiten, der trotz seiner großen Klappe und seinem Hang zu Sticheleien großen Wert auf Konsens legt und viel feinfühliger agiert, als man vermuten würde. Die Sexszenen sind bei aller Direktheit die vielleicht geschliffensten des jüngeren Fernsehens: sexy, leidenschaftlich und zugleich ausgesprochen zärtlich – und sehr, sehr geschmackvoll inszeniert. Ihre Allgegenwart ist indes bald auch einigermaßen ermüdend.

Aber sie sind der Grund dafür, dass die Serie des kanadischen Streamingdienstes Crave, die im November auf HBO Max debütierte, via Instagram und Tiktok zum Kultphänomen wurde. In queeren Kneipen in Seattle, Montreal, Boston, New York, Washington D.C. und anderen nordamerikanischen Städten fanden zahllose Watchparties statt, Fans öffneten ihre Wohnzimmer, als andere in Schneestürmen steckenblieben oder Bars wegen Überfüllung die Türen schlossen. Die Romane von Rachel Reid, eine Eishockeyfanatikerin und scharfe Kritikerin der Homophobie des Sports, waren vorübergehend vielerorts ausverkauft.

Um Eishockey geht es eher weniger

Wer fürs Eishockey zuschaut, ist hier falsch. In erster Linie geht es um die erotische Anziehung zwischen zwei schönen jungen Männern, die nicht voneinander lassen können und deren verbotene Affäre lange das Eingeständnis echter Liebe verdrängt. Es knistert zwischen den beiden Schauspielern, und die zahllosen Sexszenen sind explizit, aber ansprechend gefilmt, in warmem Licht und mit Betonung der muskelbepackten jungen Körper.

Genau das Richtige also für öffentliche Aufführungen, aber auch für private Screenings. Längst hat die Serie nicht nur die queere Community für sich eingenommen, sondern auch ein heterosexuelles Familienpublikum. Bei ihrem Auftritt bei den Golden Globes im Januar („Heated Rivalry“ war als kanadische Produktion nicht nominiert) grüßten Connor Storrie und Hudson Williams augenzwinkernd jene Zuschauerschaft, welche das Stück „bestimmt gesehen“ hatte: „Hi moms! Hi daughters!“ HBO hatte da schon eine zweite Staffel seiner zur Zeit erfolgreichsten angekauften Serie bekanntgegeben.

Erst allmählich entfaltet sich in „Heated Rivalry“ eine umfangreichere Geschichte, in der es bald doch um Schwulenfeindlichkeit geht. Ilya finanziert daheim in Moskau die Großmannssucht seines Bruders Alexei (Slavic Rogozine) und steht unter der Knute seines vaterlandsliebenden Vaters Grigori (Yaroslav Poverlo). Shanes Mutter (Christina Chang), hat ein scharfes Auge auf die lukrativen Werbeverträge ihres Sprösslings, sein Vater (Dylan Walsh) ist ihm sehr verbunden, ihn zu belügen schmerzt Shane ganz besonders.

Um ihre Affäre zu verbergen, schicken Ilya und Shane einander Textnachrichten als „Lily“ und „Jane“, und allein Ilyas Freundin Svetlana (Ksenia Daniela Kharlamova) und ein oder zwei andere aufmerksame Frauen in ihrem Dunstkreis kapieren, was wirklich los ist. Auch das Coming-out eines Hockey-Kollegen in einer etwas gezwungen wirkenden Episode über eine zweite schwule Liebesstory (auch sie basiert auf Reids Romanen) macht die Dinge für Shane und Ilya nicht einfacher. Der Frust dar­über bricht sich in einer berührenden Schlüsselszene Bahn, in der Ilya auf russisch Shane sein Herz ausschüttet, auch wenn dieser kein Wort versteht.

„Heated Rivalry“ ist eine große Lovestory wie die von Ennis und Jack in Ang Lees „Brokeback Mountain“. Dass diese, 25 Jahre später angesiedelt, ihren Protagonisten noch immer ein groteskes Versteckspiel abverlangt, ist mindestens so bemerkenswert wie der viele Sex.

Heated Rivalry läuft bei HBO Max und ist im Angebot von Amazon Prime Video und RTL+.

Source: faz.net