TV-Serie „56 Days“: Wer lockt hier wen in die Falle?

Am Anfang steht das Ende: In einem schicken Apartment in Boston wird in der Badewanne eine Leiche gefunden, offenbar in einem Säurebad. Wer die oder der Tote ist, ist nicht mehr zu erkennen. „56 Days“, adaptiert von Lisa Zwerling und Karyn Usher nach dem gleichnamigen Roman von Catherine Ryan Howard, rahmt seine Handlung weniger mit der Frage nach dem Täter, sondern nach der Identität des Mordopfers.

Eine heiße Affäre, ein Psychotrip, ein Betrug

Es zeichnen sich einige Kandidaten ab, während diese Serie in acht Episoden auffächert, was sich in den acht Wochen zuvor in dieser Wohnung und der Umgebung ereignet hat. Eine heiße Affäre, ein psychedelischer Trip, ein großer Betrug und ein Erpressungsversuch sind darunter, und man bleibt als Zuschauer eine ganze Weile darüber im Unklaren, wer hier eigentlich wem nachstellt. Nur so viel wird schnell deutlich: Beinahe alle Figuren spielen ein doppeltes Spiel.

Da sind Ciara (Dove Cameron) eine püppchenhafte Schönheit mit aufreizend lasziver Art, und Oliver (Avan Jogia), ein attraktiver junger Kerl mit Schmachtblick und offenbar privilegiertem Hintergrund, zwischen denen die Funken stieben, als sie sich im Supermarkt über den Weg laufen. Oder war das gar kein Zufall? Da ist die geheimnisvolle Jane Miller (Kira Guloien), Olivers Nachbarin, die dunkle Warnungen vor ihm abgibt. Da ist der fischige Gebäudemanager Kevin (Matt Murray), der sich voller Geltungssucht der Polizei andient und mehr zu wissen scheint, als er zugibt. Und da sind die Polizisten, die spröde Lee Reardon (Karla Souza) und ihr misanthroper Partner Karl Connolly (Dorian Missick), deren Frotzeleien nur halb kollegial gemeint sind und die ebenfalls ein paar Leichen im Keller haben.

„Könnte dies endlich der Zauber sein?“

Was als erotischer Thriller zwischen Ciara und Oliver beginnt – „Könnte dies endlich der Zauber sein?“, fragt ein Poster in Pastellfarben, das mehrfach in den Blick rückt –, nimmt bald andere Form an. Ciara zieht nach kurzem Zögern bei Oliver ein, als ihr abgewracktes Apartment renoviert werden soll, aber die Beziehung ist schwieriger als vermutet.

Er kommt aus einer vermögenden und einflussreichen Familie und macht als Schützling eines alten Freundes seines Vaters in einem Architekturbüro Karriere; sie stammt aus einfachen Verhältnissen und versucht, das Haus ihrer alkoholkranken Mutter Kristi (Jennifer Ferrin) und ihrer älteren Schwester Shyla (Megan Peta Hill) vor dem Zugriff der Bank zu retten.

Nach ein paar verliebten Tagen kommt es zum Streit: Er beschuldigt sie, ihn auszuspionieren: Was will sie an seinem Safe? Warum unterbricht sie eine Sitzung mit seinem Psychotherapeuten Troxler (Patch Darragh), der ihm mit seinen mysteriösen Schlafstörungen hilft? Und warum gibt es keine Spur von ihr im Internet? Sie wirft ihm vor, Dinge vor ihr zu verbergen und sich von anderen steuern zu lassen. Wieso zahlt er immer nur bar? „Ich mag keine Geheimnisse“, sagt sie zu ihm. „Ich mag Offenbarungen. Geheimnisse sind zerstörerisch.“ Aber auch Ciara vertuscht einige dunkle Wahrheiten über ihre Vergangenheit.

„56 Days“ nimmt sich Zeit mit den Offenbarungen, und neben der Rätselei über Hintergründe und Motive der Figuren speist sich das Vergnügen daraus, dass dieser Achtteiler sehr schön anzusehen ist. Boston hat hier wenig von dem graublauen Schmuddelcharme, den man aus Filmen mit Ben Affleck oder Mark Wahlberg kennt, sondern besticht dank der Produktionsdesigner Guy Lalande und Zoë Sakellaropoulo durch markante Farben, klare Formen und viele spiegelnde Flächen der Büro- und Apartmenttürme der Besserverdiener. Jede einzelne Figur ist faszinierend – ganz besonders Ciara, die wechselweise an Jessica Rabbit und Bette Davis erinnert. Die Akteure dieser Story tragen stilvolle Tätowierungen und sitzen in lichtdurchfluteten Cafés und eleganten Bars, und nicht nur Ciara, Oliver und Jane, sondern noch die beiden Polizisten, ganz besonders Connolly, stechen durch ausgesuchtes Modebewusstsein hervor (Kevin setzt mit einer unvergesslichen Weste einen Kontrapunkt). Sogar die Leiche in der Badewanne ist mit beachtlicher ästhetischer Finesse ins Bild gesetzt.

Besonders zu Beginn scheint das absichtsvoll überhöht. Die Versionen, die manche der Figuren von sich präsentieren, wirken, als entstammten sie einem sorgfältig kuratierten Instagram-Feed, samt pointiert gesetzter Mimik und Intonation. Erst allmählich kommen die Menschen hinter den Masken zum Vorschein, und das ist sehenswert realisiert. Das Gelingen eines Mysterythrillers freilich bemisst sich auch in seiner Auflösung, und wiewohl diese hier mehrere weitere unerwartete Wendungen nimmt, dürften sich die Geister über das Finale von „56 Days“ scheiden.

56 Days startet am Mittwoch bei Amazon Prime Video.

Source: faz.net