„Hillary Clinton spricht bei Sandra Maischberger über Epstein-Vorwürfe“, so oder so ähnlich titelten die Medien vor der Ausstrahlung der ARD-Sendung. Und tatsächlich konnte man die Pressemitteilung, mit der die jüngste Maischberger-Ausgabe im Vorfeld beworben wurde, so verstehen, als konzentriere sich die Sendung am Mittwoch auf die Veröffentlichung der Epstein-Unterlagen und die Rolle der Clintons vor ihrer baldigen Aussage vor dem Kongress. Das Interview mit der ehemaligen US-Außenministerin, Präsidentschaftskandidatin und First Lady führte Maischberger zwei Tage vor der Sendung und spielte den Mitschnitt am Mittwoch als Aufzeichnung ein.
Wer nur für Erhellendes zum Epstein-Fall einschaltete, dem hätte die Pressemitteilung auch gereicht. 22 Minuten lang dauert das Gespräch. Maischberger fragt nach Clintons Erlebnissen im Bordbistro der Deutschen Bahn, es geht um Donald Trumps Politik und den Ukrainekrieg, den wachsenden Graben zwischen Europa und den USA und, ach ja, am Ende ist noch zweieinhalb Minuten Zeit für das Epstein-Thema. Sie und ihr Ehemann hätten „nichts zu verbergen“, sagt Clinton angesichts der baldigen Aussage im republikanisch dominierten Kongress, die leider gegen ihren Willen nicht öffentlich stattfinde. „Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel.“ Wer sehr wohl etwas zu verbergen habe, das seien US-Präsident Trump und seine Regierung, die sich monatelang gegen eine Veröffentlichung der Epstein-Akten gewehrt hätten.
Clinton: Habe Epstein „nie getroffen“
Sie selbst habe Epstein „nie getroffen“, sagt Clinton, deren Name in den veröffentlichten Epstein-Akten nicht auftaucht. „Jemand sagte, ich hätte ihm einmal bei einem Empfang die Hand geschüttelt, aber daran kann ich mich nicht erinnern.“ Ihr Ehemann Bill habe Epstein nur getroffen, weil der „ein Flugzeug zur Verfügung gestellt hat, um Wohltätigkeitsprojekte zu besuchen“, und das Jahre vor der Verurteilung des Sexualverbrechers, der 2019 tot in seiner Gefängniszelle gefunden wurde.
Wie passt die vermeintlich lose Verbindung zu den Fotos aus den veröffentlichten Epstein-Akten? Sie zeigen den ehemaligen Präsidenten im Swimmingpool mit Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell, im Whirlpool neben einer Person mit unkenntlich gemachtem Gesicht sowie im Flugzeug mit einer ebenfalls unkenntlich gemachten Frau, um die er den Arm gelegt hat. Maischberger fragt nicht nach, Hillary Clinton hätte wohl sinngemäß geantwortet: alles nur ein Versuch des Trump-Lagers, die Demokraten mit Schmutz zu bewerfen.
Damit hat sie einerseits recht. Trump versucht seit Monaten, die Aufmerksamkeit im Epstein-Fall auf Bill Clinton zu lenken, und betont immer wieder, der ehemalige demokratische Präsident habe den Sexualstraftäter viel besser gekannt als er. Andererseits zeigen auch die Clintons bisher weniger Interesse an der Aufklärung der Öffentlichkeit als an parteipolitischen Spielchen à la ‚Wie du mir, so ich dir‘. Ihre unter Strafandrohung erzwungenen Aussagen vor dem Kongress wollen die Demokraten damit kontern, Trump vorzuladen, sobald sie wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus stellen. Das Ehepaar Clinton freue sich darauf, „einen Präzedenzfall zu schaffen, der für alle gilt“, schrieb der Sprecher des früheren Präsidenten auf X.
Bill Clinton und seine Glaubwürdigkeit
Weder gegen Trump noch gegen Bill Clinton gibt es handfeste Vorwürfe von Epsteins Opfern, in dessen Verbrechen verwickelt gewesen zu sein, es gilt die Unschuldsvermutung. Wohl aber wurden beiden Präsidenten in anderen Fällen von mehreren Frauen sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Um Bill Clintons Glaubwürdigkeit ist es nicht gut bestellt, weckt die anstehende Aussage unter Eid im Kongress doch Assoziationen an seine Affäre zu Monica Lewinsky. Monatelang hatte er das Verhältnis zu seiner Praktikantin geleugnet, das Amtsenthebungsverfahren wegen Meineids und Justizbehinderung scheiterte 1999 im Senat. Schon damals ging es weniger um Wahrheitsfindung als um die Parteizugehörigkeit, in dieser Hinsicht ist Washington sich treu geblieben.
Wenn man sie nicht öffentlich aussagen lasse, werde sie das eben hinter verschlossenen Türen tun, sagt Hillary Clinton zum Schluss. „Ich glaube, das ist ein bewusster Versuch, Trump zu schützen – wovor, das kann ich ihnen nicht sagen.“ Der Regierung werde es jedenfalls nicht gefallen, was sie zu sagen habe. Dem Zuschauer gefällt das alles auch nicht, weil ihn das Gefühl beschleicht, dass das bisher Bekannte in diesem abscheulichen Skandal nur die Spitze des Eisbergs ist.
Source: faz.net