Eine Stunde später als gewohnt begann diesmal „Hart, aber fair“, die Montags-Talkrunde in der ARD. Und das, weil in den sechzig Minuten zuvor erst noch der neue Film von Stephan Lamby ausgestrahlt wurde, „Die Vertrauensfrage“: Eine Rekonstruktion der Ereignisse seit dem Bruch der Ampelkoalition im November 2024. Und weil Lambys Film auf die jüngsten Ereignisse im Bundestag Ende Januar zugelaufen war, als ein Antrag der Union und ihres Kanzlerkandidaten Merz zur Abweisung von Asylsuchen an deutschen Außengrenzen mit den Stimmen der AfD angenommen wurde, musste man sich eigentlich schon wieder darauf gefasst machen, dass auch diese neue Ausgabe von „Hart, aber fair“ nur ein Thema kennen würde: Migrationspolitik.
Dann kam es doch etwas anders, aber letztlich ist das eine genauso beunruhigende Nachricht: Dass es inzwischen eine Überraschung geworden ist, wenn vier Politikerinnen und Politiker im Bundestag vertretener Parteien für eine Stunde miteinander streiten, ohne dabei den Eindruck zu vermitteln, dass die Antwort auf alle Fragen deutscher Politik in der Einwanderungssteuerung liegt. Kann es sein, dass der Name der AfD kaum zweimal in diesen sechzig Minuten fiel? 23 Stunden, nachdem im „TV-Duell“ zwischen den Kanzlerkandidaten Scholz und Merz sich beide noch darum gestritten hatten, wer noch härter abgeschoben hat oder abschieben würde?
„Der Vierkampf: Wer schafft es in den Bundestag?“, das war die Frage, die sich „Hart, aber fair“ und der Moderator Louis Klamroth an diesem Montag nach dem Zweikampf zwischen den beiden Kanzlerkandidaten von CDU und SPD stellten. Und damit erklärte sich auch die Auswahl der Gäste: Christian Lindner von der FDP, Jan van Aken von den Linken, Dorothee Bär von der CSU und Sahra Wagenknecht von der Partei, die ihren Namen trägt.
Damit Christian Lindner nicht so allein ist
Wobei: So ganz erklärte es die Titelfrage dann wieder doch nicht. Denn wenn man den jüngsten Umfragen glaubt, kämpfen zwar FDP, BSW und die Linke um den Einzug in den nächsten Bundestag, Bärs CSU allerdings muss nicht bange sein. Aber vielleicht sollte der ehemalige Finanzminister von der FDP nicht so ganz allein auf der einen Seite der Gästeplätze sitzen, vor allem, weil er und seine Partei in den sechzig Minuten zuvor in Lambys Film nicht gerade geschont worden waren für ihre Rolle beim Platzen der Ampel.
Fast klang es so, als wollte Bär Lindner neben sich trösten, als sie von Klamroth eingangs gefragt wurde, ob auch sie (wie Merz und Scholz) ganz gut ohne die FDP im neuen Bundestag klarkommen würde. „Ich persönlich würd‘ mich freuen, wenn die FDP reinkommt“, sagte die CSU-Politikerin, „aber jeder kämpft für sich allein.“
Langwieriges Ding, diese Politik, hat viel mit Zahlen zu tun
Bürgergeld, Mindestlohn, Schuldenbremse, Steuererhöhungen, Steuerentlastungen, Waffenlieferungen an die Ukraine – darum ging es in diesen sechzig Minuten „Hart, aber fair“. Und die vier und ihr Moderator stritten in einer Kleinteiligkeit um Sozialpolitik, die bei aller Bereitschaft zur Eskalation („Es haben viel zu viele Menschen unter Christian Lindner gelitten“, Jan van Aken) und Banalität („Leistung muss sich wieder lohnen“, Dorothee Bär) und Demagogie („Dass wir das Geschlecht zu einer Frage der Gemütsverfassung machen, was man einmal im Jahr ändern kann, das halte ich für absurd“, Sahra Wagenknecht) aber dann doch fast schon angenehm daran erinnerten, was für ein mühsames und langwieriges Ding die Politik ist. Hat viel mit Zahlen zu tun. Die Auseinandersetzung um die richtige Höhe des Lohnabstands beim Bürgergeld eignet sich nicht so gut für Szenenapplaus.
Beim „TV-Duell“ zwischen Scholz und Merz am Abend davor hatten die beteiligten Redaktionen von ARD und ZDF es fertiggebracht, die brennende Frage, was gegen Erderwärmung und für Umweltschutz zu tun ist, auf das ironisierte Format einer Raterunde zu bringen: Würden die Kandidaten Atomkraftwerke wieder anstellen, ja oder nein? Auch das Verfahren wiederholte sich bei „Hart, aber fair“ wieder, also: Umweltpolitik im Schnelldurchgang, als eine von vielen Fragen zu verschiedenen Themen mit der berühmten Bitte um kurze Antwort. „Soll Deutschland 2045 klimaneutral werden?“, fragte Klamroth also, eine eigenartige Formulierung, als ginge es da tatsächlich noch um Sollen statt um Wollen.
Dass aber an diesem Montagabend dann tatsächlich etwas länger über Klimapolitik geredet wurde, als es vierundzwanzig Stunden zuvor Merz und Scholz noch getan hatten, lag aber nur daran, dass diesmal nicht zwei, sondern vier Leute darauf antworteten. Es war trotzdem viel zu kurz. Offenbar ist die Frage, wie sie sich zur Klimapolitik stellt, gerade einfach nicht so wichtig für eine deutsche Partei, um es in den Bundestag zu schaffen. Warum das so ist, wäre mal ein gutes Thema für eine Talkshow im Wahlkampf 2025.
Source: faz.net