Bald jährt sich zum 40. Mal die verheerendste technologische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts: der Reaktorunfall von Tschernobyl. In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 kam es im rund 100 Kilometer nördlich von Kiew gelegenen Atomkraftwerk zum Super-GAU – zum größten anzunehmenden Unfall. Der Kern des vierten Blocks schmolz, ein Reaktorbrand schleuderte radioaktive Partikel in die Atmosphäre, die sich durch Windströme auch bis ins geteilte Deutschland ausbreiteten. 31 Menschen starben unmittelbar, Tausende an den Folgen der Strahlung. Unzählige weitere trugen langfristige gesundheitliche Schäden davon. Bis heute existiert eine 30 Kilometer weite Sperrzone rund um das Kraftwerk, weite Flächen um Tschernobyl werden für viele Generationen kontaminiert bleiben.
Arte und die ARD präsentieren nun zwei neue, überaus sehenswerte Dokumentarfilmproduktionen. Am Montagabend zeigt die ARD den Film „Tschernobyl 86“ von Volker Heise, der vollständig auf Archivmaterial beruht. Bemerkenswerterweise kommt er ohne Erzählerstimme aus, die Bilder sprechen für sich. Es ist erschütternd, die Einsatzkräfte am Unfallort mit provisorischen Stoffmasken statt adäquater Schutzausrüstung arbeiten zu sehen. Sie lächeln in die Kamera, begreifen sich als Helden. Später, im Krankenhaus, erkennt man die Körper der Verstrahlten, die sich buchstäblich auflösen.
„Man hätte viel früher evakuieren müssen“
Heise und seinem Team gelingt eine instruktive Chronik der Ereignisse – erzählt durch ein collageartig montiertes Mosaik damaliger Fernsehbeiträge, vorwiegend aus der Sowjetunion, der Bundesrepublik und der DDR, ergänzt um internationales Material sowie Aufnahmen aus ukrainischen Archiven. Der Film bedient mehrere Ebenen zugleich. Er schildert den Hergang der Katastrophe und reflektiert die medialen und gesellschaftlichen Reaktionen. Während der Reaktorunfall in der Bundesrepublik große Besorgnis auslöste und der Anti-Atomkraft-Bewegung Auftrieb gab, versuchten die politischen Führungen des Ostblocks, das wahre Ausmaß zu verschleiern. Moskau sprach von westlicher Übertreibung im Zeichen angeblicher antisowjetischer Hysterie und ließ die Menschen im Unklaren. Die wenige Kilometer vom Unfallort entfernte Stadt Prypjat wurde erst am zweiten Tag evakuiert. Die Maiparade in Kiew ordnete Gorbatschow an, um den Schein der Normalität zu wahren, und setzte damit wissentlich Bürger der tödlichen Strahlung aus.
„Man hätte viel früher evakuieren müssen. Aber Informationen zurückzuhalten war unsere übliche Praxis“, sagt der damalige Energieminister Witalij Skljarow beschämt in die Kamera. Die dreiteilige Arte-Dokuserie „Tschernobyl – der Insiderbericht“ von Tom Cook und Erica Jenkin rekonstruiert mithilfe von Augenzeugen wie ihm minutiös die Ereignisse. Olena Mokhnyk war damals acht Jahre alt und lebte in Prypjat. In der Schule seien am Tag des Unfalls Jodtabletten verteilt worden – ohne jede Erklärung. Die Kinder warfen diese kurzerhand in die Toilettenschüssel. Als vorzeitig Schulschluss verkündet wurde, freuten sie sich über das schöne Wetter. Dass die Umgebung zu diesem Zeitpunkt schon stark radioaktiv belastet war, hatte ihnen niemand erzählt.
Sergey Belyakov traf nach der Katastrophe als Oberleutnant der 25. Brigade der Chemieabwehr ein. Er koordinierte die Einsätze der sogenannten Liquidatoren, die radioaktiven Schutt vom Dach des Kraftwerks räumten – ausgerüstet mit Bleischürzen und einfachen Atemmasken. „Das war im Grunde alles, was wir hatten“, erzählt er. Für jeden Einsatz blieb kaum mehr als eine Minute, länger hätte man die Strahlung nicht ertragen. Sechsmal sei er selbst auf dem Dach gewesen. Danach habe er kaum noch atmen können, sei körperlich wie seelisch am Ende gewesen. Trotz späterer gesundheitlicher Probleme bereue er nichts. Der Einsatz sei notwendig gewesen.
Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen
Ein weiterer Zeuge ist der damalige Chefingenieur von Tschernobyl, Nikolai Steinberg. Es berichtet, wie die sowjetische Führung die Fehler am Abschaltsystem des Reaktors zu vertuschen versuchte und stattdessen dem Personal alle Schuld zuschrieb. Die Wahrheit kam erst durch eine unabhängige Untersuchung ans Licht, an der auch er beteiligt war. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen, die Sowjetunion zerfiel wenige Jahre nach dem Reaktorunfall – nicht zuletzt wegen ihres Umgangs mit der Katastrophe.
Die beeindruckende Dokuserie führt bis in die Gegenwart, denn Tschernobyl ist mitnichten Geschichte. Zu Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 besetzte die russische Armee das Gelände für mehrere Wochen. Russische Soldaten hoben Schützengräben im verseuchten Boden aus. Am 14. Februar des vergangenen Jahres war Tschernobyl in den Schlagzeilen, als eine russische Drohne den Sarkophag des havarierten Reaktorblocks beschädigte, der den Strahlenaustritt verhindern soll. Kiew sprach von Nuklearterrorismus. Die Gefahr von Tschernobyl wird die Welt noch lange begleiten.
Tschernobyl 86 – Der Super-GAU läuft in der ARD-Mediathek und am Montag um 23.05 im Ersten.
Tschernobyl – Der Insiderbericht läuft in der Arte-Mediathek und am Dienstag ab 20.15 Uhr.
Source: faz.net