„Tutti a casa!“ Schon wieder eine Fußball-WM ohne Squadra Azzurra! Wie Italien leidet

Unsere Autorin fährt zu Ostern nach Italien – und sucht Leichtigkeit. Aber dessen Fußball-Nationalmannschaft der Männer hat gerade zum dritten Mal in Folge eine Weltmeisterschaft verpasst: „Apokalypse!“ Ist der italienische Fußball tot?


Italiens Fußball-Nationalmannschaft der Frauen schied bei der letzten Weltmeisterschaft 2023 zwar in der Vorrunde aus – hatte sich aber immerhin qualifiziert (im Bild die Spielerinnen Arianna Caruso und Barbara Bonansea beim 1:1 gegen Dänemark am 7. März in Vicenza).

Foto: Imago/Gribaudi/ImagePhoto


Es ging gut los. Die Frisur von Mittelstürmer Retegui saß perfekt und Verteidiger Federico Dimarco kam mit frischen Tattoos zum Match. Gegen Bosnien ging es für Italien um alles – die Teilnahme an der Fußball-WM im Sommer. Schon im Vorfeld war Alarmstimmung. Trainer Gennaro Gattuso erklärte, er werde die Verantwortung übernehmen müssen. So oder so.

Dann Nachspielzeit, beim Stand von 1:1, Elfmeterschießen. Ohne Drama geht’s nicht. Italiens Torwart Gianluigi Donnarumma zerknüllte filmreif einen Spickzettel des bosnischen Torhüters. Trotzdem verlor Italien 1:4. Und war fassungslos.

„Es tut wirklich weh“, sagt Gennaro Gattuso

Die kommende WM, in den USA, Kanada und Mexiko, findet ohne Italien statt. Auch für deutsche Fans wird es weniger unterhaltsam. Aber für die Italiener? Eine ganze Generation wächst heran, ohne je Italien bei einer WM erlebt zu haben. Der Trainer weinte nach dem Spiel. Die italienische Presse drehte durch: „Apokalypse“. „Albtraum“. „Fluch“.

Tutti a casa – Alle nach Hause, forderten die großen Zeitungen. Und meinten damit den Rücktritt des Präsidenten von Italiens Fußballverband. In Deutschland wäre das längst geschehen.

Salvini, Renzi und das halbe Parlament forderten den Rücktritt von Präsident Gravina

Italiens dramatisches WM-Aus hat es auch in diedeutschen Nachrichten geschafft; so viel emozione! Ein grauhaariger, braungebrannter italienischer Sportjournalist sagte, der Fußball stehe symbolisch für den Zustand des Landes. „Wir leben in einem permanenten Notzustand, in der Politik, im Sport, in der Gesellschaft.“ Man hangele sich von einer Katastrophe zur nächsten.

Gabriele Gravina, seit 2018 der Präsident des italienischen Fußballverbandes, dachte zuerst überhaupt nicht daran, aufzuhören. Er klebte an seinem Stuhl. Und wurde schnell zum Politikum. Lega-Chef Matteo Salvini, der linksliberale Matteo Renzi und das halbe Parlament forderten seinen Rücktritt.

Italiens erste Olympia-Medaillegewinnerin im Boxen reagiert scharf

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel antwortete Gravina dann auf die Frage, warum Italien in allen anderen Sportarten gewinnt, aber nicht im Fußball folgendermaßen: „Fußball ist ein Profisport, die anderen sind Amateursportarten“, daher könne man sie nicht miteinander vergleichen. Die Frage kam aufgrund der jüngsten Erfolge der Italiener bei den letzten Olympischen Winterspielen oder den Erfolgen von Tennisstar Jannik Sinner auf.

Welche Hybris, welche Arroganz – war er stärker als die Götter?

Irma Testa, die erste italienische Boxerin, die bei Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen konnte, äußerte sich in den sozialen Medien scharf: „Wir sind die wahren Profis, wir kämpfen und gewinnen für das Trikot und unser Land und schauen zu, wie die millionenschweren Fußballspieler sich blamieren.“ Trotzdem sei die gesamte Nation damit beschäftigt, Fußball zu schauen.

Gravina und Sportchef Gianluigi Buffon sind zurückgetreten

Gravinas Rücktritt war nach diesem Statement nur noch eine Frage der Zeit. Politiker aller Lager, von Salvini bis Renzi, hatten diesen zuvor gefordert. Gravina, der 2025 mit fast 99 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden war, der Kopf des Systems, der Verhinderer von Reformen. Woher kommt dieser Realitätsverlust? Diese Unfähigkeit, zu handeln und eine Entscheidung zu treffen?

Trainer Gattuso zog schneller die Reißleine und mit ihm Torwartlegende und Sportchef Gianluigi Buffon. Wird es an den verkrusteten Strukturen etwas ändern, die bereits Fußballikone Roberto Baggio angeprangert hat?

Und was macht der Tifoso? Der vergisst die Niederlage sehr schnell, er denkt sofort ans nächste Spiel. Das seines Lieblingsvereins. Italien ist seit dem Mittelalter ein Paese communale, ein Land der Gemeinden. Dort werden innige (Fußball)-Feindschaften gepflegt, zwischen Pisa und Livorno zum Beispiel.

Italiener sind eigentlich keine Nationalisten. Schlecht für Giorgia Meloni.

Ich fahre Ostern hin und es wird hoffentlich so sein wie immer: erst in die Kirche, dann in die Bar. Da werden sie sich überschlagen mit ihren gewagten Thesen und ihrem Aberglauben. Der italienische Fußball ist tot? Ach was. Nach dem Ende kommt die Auferstehung. Il Rinascimento.

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