„Türmer will an dasjenige Geld anderer Leute, um sich damit wie Wohltäter aufzuspielen“, sagt Fleischhauer

Bei „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ diskutiert der Juso-Chef Türmer mit dem titelgebenden Journalisten über Verteilungsgerechtigkeit. Arbeitnehmer würden den Reichtum von Milliardären subventionieren, klagt der Politiker. Der Journalist hält dagegen.

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Jan Fleischhauer ist wieder auf Radau aus. In der ersten Staffel hatte er sich mit der Linguistin Reyhan Şahin über Migration gekebbelt, war mit einer SPD-Lokalpolitikerin die Bürgergeld-Reform durchgegangen, hatte eine Mini-Kontroverse mit dem Anti-Wehrpflicht Influencer Simon David Dressler ausgelöst sowie die Mobilitätswende behandelt. Nun ist in dieser Woche „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ mit neuen Episoden gestartet.

Zum Auftakt begrüßte der Journalist einen SPD-Politiker in seinem verriegelten Studio. „Ich treffe heute den großen Arbeiterführer und Juso-Vorsitzenden Philipp Türmer“, erklärte er eröffnend mit ironischem Unterton. Er frage sich, ob diesem überhaupt klar sei, welche „Spur der Verheerungen“ dessen politische Ideen im Staat hinterlassen würden. „Oder ist ihm das egal?“

Türmer erklärte, er sei erschienen, um über das „wichtigste Thema“ überhaupt zu sprechen: Verteilungsgerechtigkeit. „Ich bin der Meinung, dass wir ganz dringend endlich dafür sorgen, dass sich in dem Land wieder Arbeiten mehr lohnt als Erben“, konkretisierte er im Einzelinterview, wobei seine Erwartungen an einer produktiven Debatte überschaubar auszufallen schienen. „Mir wurde im Vorgespräch gesagt, das hier wäre wie in Reality-Shows.“

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Als bürge das Thema nicht ohnehin genug Streitpotenzial, überreichte Fleischhauer seinem Gast auch noch ein provokantes Geschenk. Dem „Che Guevara aus Offenbach“ hatte er ein zum Titel passendes T-Shirt mitgebracht, auf dem das Konterfei des Guerillaführers und eine „Viva la revolución“-Parole gedruckt waren. „Ich habe gewisse Parallelen entdeckt“, begründete Fleischhauer die Wahl seines Mitbringsels. „Akademikerkind wie sie und hat dann über eine Stippvisite bei Karl Marx zum revolutionären Gestus gefunden.“ Vorsichtig wahrte Türmer die Distanz. „Ich werde das jetzt nicht vor der Kamera anziehen.“

Ganz normale Arbeitnehmer subventionieren absurden Reichtum am anderen Ende der Gesellschaft

Bei seiner Bewerbungsrede auf dem Juso-Parteitag hatte sich Türmer noch weniger zurückhaltend präsentiert. Dort habe dieser mit Blick auf Milliardäre gesagt, er wolle, dass „denen das Lachen im Halse stecken bleibt und sie wieder Angst vor uns haben“, beanstandete Fleischhauer. Für ihn sei das „Hatespeech“. Dem SPD-Politiker unterstellte er gar, sich damit an düsteren historischen Vorbildern zu orientieren. „Wir haben nicht so wahnsinnig gute Erfahrungen damit gemacht, bestimmte Gruppen von Menschen zum Feindbild zu erklären.“

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„Ein spannender Move“, konterte Türmer, „weil sie damit quasi die Stärksten in der Gesellschaft zu den Opfern machen.“ Vielmehr bereicherten sich übermäßig reiche Menschen auf Kosten der Allgemeinheit. „Ganz normale Arbeitnehmer subventionieren absurden Reichtum am anderen Ende der Gesellschaft.“ Die aktuell 257 Milliardäre hierzulande sollten sich Sorgen machen, dass ihnen die Sozialdemokratie vier ihrer fünf Jachten abnehmen könnte. „Ich glaube, aktuell haben die überhaupt gar keine Angst mehr davor, dass die SPD die politische Kraft ist, die ihnen mal ein bisschen von ihrem übermäßigen Reichtum abnehmen wird.“

Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass Elon Musk weniger Geld hat, damit ihr das verteilen könnt mit großer Robin-Hood-Geste

Türmer tue so, als hätten besagte Milliardäre das Geld illegal beiseitegeschafft und damit der Gemeinschaft entzogen. „Nee, das ist deren Geld“, insistierte Fleischhauer. „Er will an das Geld anderer Leute ran, um sich damit dann als Wohltäter aufzuspielen. Dagegen habe ich was.“ Seit 2000 Jahren sei bekannt, dass Gesellschaften, die Ungleichheit zuließen, letztlich für alle gerechter ausfielen. „Für mich bedeutet Gerechtigkeit nicht, dass Elon Musk weniger Geld hat, damit ihr das verteilen könnt mit großer Robin-Hood-Geste“, stellte der Journalist klar.

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„Dieser Typ“, betonte Türmer mit Verweis auf ein Porträt Musks an der Studiowand, verdiene in vier Sekunden so viel Geld wie ein durchschnittlicher Mensch im Jahr. Er müsste demnach so produktiv sein wie das ganze Bundesland Niedersachsen. „Eine absurde Vorstellung“, klagte er. „Kein Mensch kann dermaßen produktiv sein.“ Fleischhauer stellte sich schützend vor den Unternehmer. Dieser habe niemandem etwas weggenommen, sondern sei reich geworden, weil Menschen ihm ihr Geld anvertraut hätten. Dem Juso-Vorsitzenden gehe es nur darum, Menschen zu bestrafen, „die was können“.

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Abseits der inhaltlichen Gestaltung der Debatte gelang es dem Team hinter „Keine Talkshow“ erneut mit ihrer Bildsprache innerhalb des eigentlich kargen Studio-Rechtecks zu überzeugen. So saß Fleischhauer eine Zeitlang auf einem Thron, vor dem eine bordeauxrote Absperrkordel gespannt ist. Hinter der Absperrung hockte Türmer auf einem Heuballen. Das war nicht sonderlich subtil, aber amüsant und vor allem ein Ausweis der Selbstironie beider Protagonisten.

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Die Kehrseite besagter Selbstdistanz bestand jedoch darin, dass beide mitunter allzu sehr wie zwei Meinungsmacher wirkten, die sich darüber im Klaren sind, eine Rolle für ihr jeweiliges Publikum einzunehmen. „Manchmal unterstelle ich ihm, dass vieles von dem, was er sagt, vor allen Dingen Sachen sind, um zu provozieren“, resümierte der SPD-Politiker dann auch selbst im Backstage-Interview. „Ich habe hin und wieder einen Treffer gelandet, aber er ist stehen geblieben. Er ist ja nicht auf die Bretter gegangen“, charakterisierte wiederum Fleischhauer den spielerischen Meinungsstreit. „Dass er ein politisches Talent ist, hat man, glaube ich, gesehen.“

Source: welt.de

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