Türkei heute: Das Klima in dieser Türkei ist gallig und vergiftet

In Istanbul steht gerade der stärkste Gegner Tayyip Erdoğans vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft behauptet, Ekrem İmamoğlu, der ehemalige Oberbürgermeister von Istanbul, sei der Begründer und Kopf einer kriminellen Vereinigung, mit der er die Stadt finanziell ausgebeutet haben soll. Auch Bestechung, Betrug, Erpressung, Geldwäsche und Spionage wird dem Oppositionspolitiker der CHP vorgeworfen. Das Verfahren zählt über 140 Anklagepunkte, 4600 Verhandlungstage sind angesetzt.

Würde das Gericht jeden Tag zusammenkommen, dauerte der Prozess ganze zwölf Jahre. In einem weiteren Verfahren geht es um die Aberkennung von İmamoğlus Universitätsabschluss. Er ist in der Türkei die Voraussetzung, um für das Präsidentenamt zu kandidieren, und İmamoğlu ist fest entschlossen, das auch aus dem Gefängnis heraus zu tun. Jüngste Umfragen zur Präsidentenwahl zeigen ihn trotz seiner Inhaftierung als einen der aussichtsreichsten Herausforderer von Staatspräsident Erdoğan.

Die Wunden und der Hass

Die Gesellschaft der Türkei ist in Lager gespalten, durch tiefe politische und ideologische Gräben voneinander getrennt, die auch durch Stadtviertel, Nachbarschaften, Familien verlaufen. Der 54 Jahre alte İmamoğlu gilt als Brückenbauer für eine demokratische Türkei. Als er am 19. März 2025 festgenommen wurde, gingen Konservative, Progressive, Rechte, Linke, Alte und Junge, Religiöse und Säkulare gemeinsam auf die Straße, mit der Generation Z an vorderster Front, um gegen seine Festnahme zu protestieren.

Niemand hatte sich ein solches Wir nach der gewalthaften Niederschlagung der Gezi-Revolte 2013 noch vorstellen können. Wie unterschiedlich die nebeneinander existierenden Realitäten sind, in denen die Menschen sich eingerichtet haben, welche historischen und politischen Bedingungen sie formten und welche Ereignisse Spuren, auch Wunden und Hass hinterlassen haben, davon handelt das Buch „Jeder Atemzug ein Fest. Reportagen aus der Türkei“ der Journalistin und Islamwissenschaftlerin Ceyda Nurtsch.

Ceyda Nurtsch: „Jeder Atemzug ein Fest“.Westend Verlag

Es beginnt mit einem historischen Überblick, der zentrale politische und gesellschaftliche Wegmarken der türkischen Geschichte skizziert, die in den insgesamt fünf Reportagen und Porträts vertieft werden. Die Autorin nimmt ihre Leser mit nach Bursa, in das Haus der ehemaligen Bankangestellten Saadet, die als Beamtin ihre Religiosität nur im Privaten leben konnte, bis Erdoğans AKP das Ruder im Land übernahm. Wie die meisten Frauen in der Türkei, die unter der Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Leben litten, wurde sie zu einer glühenden Erdoğan-Anhängerin. Mittlerweile übt sie aber auch Kritik.

In Istanbul trifft Ceyda Nurtsch, die in Deutschland und der Türkei zu Hause ist und unter anderen für Qantara, Deutschlandfunk und das ZDF arbeitet, den alevitisch-kurdischen Bauunternehmer Kasım, der erst in der Schule Türkisch lernte und im osttürkischen Erzincan aufwuchs, bis seine Eltern auf der Suche nach einem besseren Leben nach Istanbul zogen. Der armenischen Silberschmied Nişan Bey hat dort ein Geschäft im Basar und betont zunächst, niemals wegen seiner Herkunft ausgegrenzt worden zu sein – er sei schließlich Türke. Dann aber berichtet auch er von Diskriminierungserfahrungen. Eine weitere Station ist eine in den 1950er-Jahren gegründete Ferienkolonie am Marmarameer, in der die höhere Mittelschicht der jungen türkischen Republik Familienurlaub machte. Die Anlage ist genauso in die Jahre gekommen wie viele der damaligen Überzeugungen, deren Fluchtpunkt die Lehren Atatürks waren.

Vielfalt als Gefahr

Der verordnete dem Land nach dem Ende des Osmanischen Reiches moderne Gesetze, Frauenrechte, die Abschaffung des Kalifats, säkulare Erziehung, die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Leben – alles im Namen einer Nation, die der Staat erst schaffen musste. Die ständisch-religiöse Ordnung, die Christen, Juden und anderen Minderheiten eigenständige Lebensbereiche garantierte, wurde abgeschafft, die Existenz des kurdischen Volkes und anderer Minderheiten verleugnet, ihre kulturelle Identität und Selbstbestimmungsbestrebungen gewalthaft unterdrückt.

Die Vielfalt wurde nie als Reichtum begriffen, sie galt als Gefahr: Die Nationalisten bedienten die Klaviatur der Verschwörungstheorien, und das Türkentum wurde grotesk überhöht. Über Jahrzehnte hinweg kontrollierte ein autoritärer Säkularismus den Islam, der die Religion und religiöse Symbole komplett aus dem öffentlichen Leben verbannte. Dennoch blieb die Religion das wichtigste Bindemittel der überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft. Erdoğan und seine AKP holten sie in die Öffentlichkeit zurück und machten die kulturelle und politische Rückbesinnung auf das Osmanische Reich zur Priorität.

Wie fatal das Ausbleiben eines echten Bekenntnisses zur gesellschaftlichen Heterogenität für ihr Leben ist, davon berichten Ester und ihr Mann Murat, ein Rechtsanwalt, der noch als junger Erwachsener nach seinem jüdischen Großvater Moshe den Namen Moris trug. Dann wollte er nicht länger als Jude erkennbar sein und erwirkte vor Gericht eine Namensänderung in Murat. In der Türkei ist Antisemitismus besonders in nationalistischen und islamisch-konservativen Kreisen tief verankert. Schätzungen sprechen von etwa 20.000 Juden, die es noch in der Türkei geben soll. Die meisten von ihnen sind sephardische Juden, deren Vorfahren im 15. Jahrhundert aus Spanien flohen.

Ester und Murat erzählen vom Aufwachsen in einem jüdischen Mikrokosmos, den es damals in Istanbul rund um den Galataturm gab. Zu Hause wurde Ladino gesprochen, das Djudeo-Spanisch, das nach der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel entstand und sich unter Einflüssen von Hebräisch, Türkisch, Griechisch und Arabisch zu einer eigenständigen Sprache entwickelte. Draußen sollten die Kinder nur Türkisch reden, um nicht als Juden aufzufallen.

„Weiße Türken“

Der stärkste Text des Buches ist das Porträt der Ferienkolonie, in deren Gegenwart und Geschichte die Autorin tief eintaucht und dadurch dem Leser eine Sphäre des Privaten öffnet, die für die städtische und kemalistische Mittelschicht über Jahrzehnte hinweg fest zum Leben dazugehörte. In der familiengeführten Anlage „Alis Ferienbungalows“ findet sich jedes Jahr während der Sommermonate ein fester Stamm von Gästen ein, manche seit sechzig Jahren, manche Familien in vierter Generation. Der gemeinsame Nenner der ersten Urlauber sei die geteilte Überzeugung gewesen, das Rückgrat der jungen Republik zu sein. „Ein kleiner homogener, in sich geschlossener Kosmos, dem in den 1990er-Jahren die türkische Soziologin Nilüfer Göle ein Etikett verlieh: Weiße Türken.“

Ceyda NurtschNikola Tacevski

Die politischen und ideologischen Machtkämpfe im Land machten vor dem Camp halt, bis „die Mauern aus Sand, hinter denen man sich hier eingerichtet hatte“, zu bröckeln begannen. Erdoğans „neue Türkei“ hielt Einzug, in Gestalt von Männern mit dichten Bärten und verschleierten Frauen, die nicht schwimmen konnten und im kniehohen Wasser nur auf und ab waten – AKP-Wählerinnen wie Saadet aus Bursa. „Nedo und die andern schauten vom Strand aus zu und schüttelten den Kopf. ‚Na gut, das ist Demokratie, aber wir haben hier eine andere Tradition.‘“ Die einen tragen ein Kopftuch, die anderen ihre republikanische Gesinnung zur Schau: „Bei Facebook setzt man demonstrativ ein TC vor seinen Namen: Staatsbürger der unteilbaren Türkiye Cumhuriyeti. Die Älteren tragen den Schriftzug der Unterschrift des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk als Aufkleber am Auto, die Jüngeren als Tattoo am Oberarm. Mit Religion will hier niemand etwas zu tun haben.“ Der politische Islam sei das Schlimmste, das ihnen passieren konnte, sagt eine Urlauberin.

Das gesellschaftliche Klima in der Türkei ist aggressiv und vergiftet. Unter vielen Intellektuellen dort ist es mittlerweile Konsens, dass die kemalistischen Dogmen und die Folgelasten der versuchten ethnischen Homogenisierung einer Normalisierung des politischen Lebens im Wege stehen. Obwohl es noch immer kaum Schnittmengen zwischen den einzelnen Realitäten gibt, sieht Ceyda Nurtsch feine Risse: „Die Polarisierung hat ein Haltbarkeitsdatum“, schreibt sie. Man liest ihr Buch mit großem Gewinn, ärgerlich ist allerdings das stellenweise lieblose und schlampige Lektorat. Man sollte das Buch aber deshalb nicht zur Seite legen. Denn nach der Lektüre ist einmal mehr klar, warum das landesweite Aufbegehren für Ekrem İmamoğlu unbedingt als Signal gelesen werden muss, dass in der Türkei viele die Grabenkämpfe leid sind. Es ist der erste Schritt, um die pluralistische Gesellschaft zum Strahlen zu bringen.

Ceyda Nurtsch: „Jeder Atemzug ein Fest. Reportagen
aus der Türkei“.
 Westend Verlag, Frankfurt 2026, 160 Seiten, 18 Euro.

Source: faz.net