TU München: „Wir erleben verdongeln echten Boom c/o den Tech-Start-ups“

Herr Schönenberger, die deutsche Wirtschaft hat ein Jahr zum Vergessen hinter sich, mit Stellenstreichungen und Krisengipfeln. Wie ist die Neujahrsstimmung bei Ihnen, am Gründerzentrum der TU München?

Für uns war 2025 ein Rekordjahr, in dem wir mehr als tausend Teams unterstützt haben. Wir erleben einen echten Boom bei den Tech-Start-ups. Da kommen viele Firmen hervor, die hochtechnologisch sind, die neue Produkte bauen und kräftig wachsen können. Das wollen wir fortsetzen, darauf freuen wir uns.

Warum bekommt der Rest der Republik so wenig vom Gründer-Boom in München mit?

Es fühlt sich so an, als gebe es da zwei verschiedene Welten. Einerseits die trübe Lage im Rest des Landes, andererseits dieser Aufbruch, den wir hier wie in einem kleinen Paradies sehen. Und jetzt stellt sich die zentrale Frage, welche Richtung wir in Deutschland nehmen: Schaffen wir ein neues Wirtschaftswunder – oder fügen wir uns in die wirtschaftliche Verzwergung?

Das Wunder wäre uns lieber. Was ist dafür nötig?

Wir haben so viele großartige Studierende, nicht nur in München, sondern an vielen Hochschulen und Forschungseinrichtungen im ganzen Land. Wir müssen es bloß schaffen, dass sich von ihnen viel mehr aufmachen und eigene Firmen gründen. Um mal eine Zahl zu nennen: Wenn das jeder dreihundertste Student im Jahr wagen würde, dann wären wir eine der innovativsten Nationen der Welt. Problem gelöst.

Bislang ist die Gründerquote viel niedriger. Es traut sich nicht einmal jeder Tausendste.

Das zeigt: Wir kratzen gerade mal an unserem Potential. Solange nur die Exoten gründen, nutzen wir das Talent und die Kraft, die in unserer Gesellschaft stecken, viel zu wenig.

Was hält die anderen davon ab, sich ans Gründen zu wagen?

Die häufigste Antwort darauf lautet in allen Befragungen: Ich weiß vom Gründen nichts, ich kenne keine anderen Gründer. Der Kern unserer Arbeit ist es deshalb, möglichst viele Studenten mit Gründern zusammenzubringen.

Sie haben bald 25 Jahre Erfahrung mit dem Gründerzentrum der TU München. Wie schätzen Sie die Studenten ein, die heute zu Ihnen kommen: Sind sie fauler oder fleißiger, mutiger oder ängstlicher als ihre Vorgänger?

Das ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Es gibt welche, die das Risiko meiden. Aber dann gibt es auch mindestens 30 Prozent, die etwas bewegen wollen, die Ideen haben, die ambitioniert sind und die Welt verbessern wollen. Auf diese 30 Prozent sollten wir uns konzentrieren, dann werden sie die anderen in der Gesellschaft mitziehen.

„Ein Feuerwerk der Kreativität und der Innovation“: Der Eingang zum „Urban Colab“ des Münchner GründerzentrumsMaria Irl

Ruiniert Tiktok die Aufmerksamkeitsspanne, ChatGPT das Denkvermögen der jungen Leute?

Davon ist hier wenig zu sehen, im Gegenteil. Mein Eindruck, zum Beispiel von den jährlich hundert Teilnehmern an unserer „Entrepreneurial Master Class“, die ihre Abschlussarbeit zu ihrem unternehmerischen Thema schreiben, ist unglaublich positiv. Das ist ein Feuerwerk der Kreativität und der Innovation.

Schreibt die Businesspläne nicht längst die Künstliche Intelligenz?

Ich habe meine Facharbeit noch auf der Schreibmaschine getippt. Dann kam der Computer, und plötzlich ging es viel besser und schneller. Jetzt gibt es wieder so eine Veränderung, ein neues Werkzeug, um besser und effizienter zu werden, um beispielsweise Marktanalysen schneller und gezielter als früher zu machen. Aber der kreative Kern, die unternehmerische Energie – das liegt noch immer bei den Leuten, in ihren Köpfen.

Die TU München hat rund 50.000 Studenten. Aus welchen Fächern, mit welcher Motivation kommen die eifrigsten Gründer zu Ihnen?

Früher waren es vor allem die Betriebswirte, denen es ums Geldverdienen ging. Das hat sich gewandelt. Ein Start-up soll heute etwas Großes bewirken, die Welt zum Besseren verändern. Das hat den Naturwissenschaftlern, den Technikern, auch den Geisteswissenschaftlern das Gründen schmackhaft gemacht. Oft treten sie inzwischen als interdisziplinäre Teams an, nicht mehr als Einzelkämpfer, wie das mal üblich war. So kommen wir auf mehr als 140 Gründungen im Jahr, rund drei pro Woche.

Manche davon erreichen eine Milliardenbewertung wie die Softwareschmiede Celonis, andere straucheln, wie der Flugzeugbauer Lilium; beide aus München. Wie lässt sich vorhersagen, welches Start-up Erfolg hat?

Es kommt auf die Energie und Kompetenz der Gründer an. Darauf, dass sie wirklich als Team auftreten, sich gegenseitig verstärken. Das ist der Kern der Sache, um den herum eine große Firma mit sehr vielen Mitarbeitern aufgebaut werden kann. An dieser Stelle vielleicht auch noch ein Satz zur Arbeitskultur: Die erfolgreichen Firmen werden nicht in 35-Stunden-Wochen geschaffen. Sondern von Menschen, die da eine unglaubliche Leidenschaft und auch enorm viel Zeit reinstecken.

Zurzeit streichen die Autobranche und die Chemieindustrie viele Stellen. Wie sollen ein paar Hightech-Start-ups mit ihren ITlern diesen Verlust ausgleichen?

In der Frage steckt ein Missverständnis. Es geht bei unseren Start-ups ja gerade nicht nur um IT, sondern um produzierendes Gewerbe. Zwei Beispiele: Isar Aerospace baut Raketen, Proxima Fusion entwickelt einen Fusionsreaktor. Das ist Hardware. Dafür braucht man Metallbauer, Elektroniker, Handwerker, die komplexe Maschinen in höchster Qualität herstellen können. Die Zukunft für den Standort Deutschland liegt nach meiner Überzeugung genau darin, dass wir die vorhandene Kompetenz aus der Industrie mit den neuen, innovativen Produkten der Start-ups verbinden.

Wie sehen Sie die Rolle der etablierten Industrieunternehmen dabei? Machen die mit, trotz eigener Sorgen?

In genau diese Falle, dass die Industrie aufgrund der angespannten Lage aufhört, in die Zukunft zu investieren, dürfen wir jetzt nicht tappen. Wir beobachten es schon auch mit Sorge, dass an vielen Stellen zu langsam und zu zaghaft entschieden wird, und wir treten dafür ein, die Dinge mit Mut und Engagement voranzutreiben. Die Etablierten müssen dafür die Ideen der Jungen aufnehmen, um sich aufzufrischen und zu beschleunigen. Unser Münchner Modell zeigt, dass das funktioniert, dass man so wirklich in eine positive, dynamische Wertschöpfungsspirale kommen kann.

In München haben Sie dafür beste Voraussetzungen, mit Unterstützern wie der BMW-Erbin Susanne Klatten und den Strüngmann-Brüdern, die hinter Biontech stehen. Aber wer ist im Rest der Republik dazu bereit?

Schauen Sie sich an, was Dieter Schwarz in Heilbronn macht, was Hasso Plattner in Potsdam macht, was Michael Otto und die Joachim-Herz-Stiftung in Hamburg machen. Alles Beispiele, in denen starke Familien mit ihren Stiftungen und Unternehmen Hand in Hand mit Hochschulen zusammenarbeiten. Darüber freuen wir uns. Je mehr starke Partner in Deutschland und Europa, desto besser! Mein Traum ist ein Netzwerk aus solchen Clustern, die sich gegenseitig helfen, und genau das entsteht gerade mit den sogenannten Start-up-Factories, die das Wirtschaftsministerium fördert.

Wie viel Staatsgeld braucht es dafür?

Oft geht es dabei in erster Linie nicht einmal ums Geld. Sondern darum, wie verschiedene Stellen, die es schon gibt, besser zusammenarbeiten können. Unsere Master Class, die ich erwähnt habe, kann jede deutsche Hochschule morgen einführen, ohne dass es einen Cent mehr kostet! Und es ist ja auch nicht so, dass ein Gründerzentrum wie unseres ein Fass ohne Boden wäre, in das du immer mehr reinschmeißt und wo nichts liegen bleibt. Mit jedem Erfolg, mit jedem Arbeitsplatz, der neu geschaffen wird, füttert sich diese Maschine selbst. Das bedeutet Wachstum, es ist eine unglaubliche positive Kraft.

Was wünschen Sie sich dafür von der Bundesregierung?

Der Staat als Kunde ist enorm wichtig: Er sollte gezielt von jungen deutschen Unternehmen kaufen. Außerdem sollte er den Weg für mehr Wachstumskapital frei machen. Bisher profitieren deutsche Rentner überhaupt nicht direkt vom Erfolg unserer Start-ups, weil die Versicherungen und Pensionsfonds nicht einfach in sie investieren können. Stattdessen gehen die Renditen an Grundschullehrer in Kanada und Feuerwehrleute in Kalifornien, deren Versorgungswerke genau das mit großem Erfolg tun. Wir sollten auch selbst an unsere unternehmerischen Kinder glauben! Und schließlich: Es darf nicht mehr so viel Zeit kosten, alle bürokratischen Pflichten zu erfüllen, um ein Unternehmen zu gründen.

Wie lange dauert das jetzt?

Im Durchschnitt sechs Wochen für eine GmbH. Die Regierung hat sich das Ziel „Start-up in a day“, also „Start-up in einem Tag“, gesetzt. Das ist ehrgeizig, aber kein Naturgesetz spricht dagegen. Und mit Karsten Wildberger, Dorothee Bär und Katherina Reiche sind drei Minister angetreten, die sich wirklich dahinterklemmen. Da muss sich in dieser Legislaturperiode etwas tun.

Deutschland hatte schon mal ein besseres Image in der Welt. Zieht es noch kluge Köpfe zu uns, die sich in ihrer Heimat nicht wohlfühlen?

Sie strömen täglich bei uns durch die Türen. Europa ist wirklich ein Sehnsuchtsort für viele kreative Menschen, sei es aus Amerika oder aus Asien. Wir sind ein lebenswertes Land, ein lebenswerter Kontinent. Damit ziehen wir die besten Talente dieser Welt an. Unsere Aufgabe ist, dass diese Menschen auch Teil der Wertschöpfung bei uns werden und damit richtig viel Geld verdienen.

Es ist lange her, dass Erfindungen aus Deutschland die Welt veränderten. Steckt das überhaupt noch in uns?

Da bin ich zuversichtlich. Ich nenne noch einmal Proxima Fusion. Wenn es uns in Deutschland gelingt, das erste Fusionskraftwerk in der Welt zu bauen, haben wir eine der größten Erfindungen dieses Jahrhunderts geschafft.

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