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US-Präsident Trump behauptet, „die niedrigsten Preise für Medikamente“ verhandelt zu haben. Recherchen von NDR, WDR, SZ und New York Times zeigen dagegen: Alle neuen Vergleichspräparate sind in Deutschland billiger.
US-Bürger leiden seit Jahren unter den hohen Preisen für Medikamente. Präsident Donald Trump hatte immer wieder versprochen, das zu ändern. Im Februar hat die US-Regierung deshalb mit Trumprx.gov eine Webseite veröffentlicht, die verspricht, dass „die Zeiten der Preisabzocke durch die großen Pharmaunternehmen“ vorbei seien.
Der US-Präsident habe „das gesamte Gewicht und die Macht der Vereinigten Staaten von Amerika genutzt, um sicherzustellen, dass jeder Amerikaner die niedrigsten Preise für verschreibungspflichtige Medikamente in der entwickelten Welt erhält“. Jeder US-Bürger könne über die Webseite nun Medikamente weit unterhalb des offiziellen Listenpreises bestellen.
In einer gemeinsamen Recherche haben NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und New York Times nun alle Medikamentenpreise der Website TrumpRx analysiert und sie mit den bekannten Preisen in Deutschland verglichen. Insgesamt waren auf der Trump-Seite Anfang März 43 unterschiedliche Wirkstoffe gelistet, für 26 davon gibt es vergleichbare Packungen in Deutschland. Fast alle werden in Deutschland von den Krankenkassen bezahlt, nur bei zwei Präparaten handelt es sich um Abnehmspritzen, die man selbst bezahlen muss.
Mehr als die Hälfte der Vergleichsmedikamente teurer
Von den 24 vergleichbaren Wirkstoffen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, sind weiterhin mindestens 13 teurer als in Deutschland. Also mehr als die Hälfte. Bei zehn Generika-Medikamenten ist dagegen der Listenpreis in Deutschland höher. In einem Fall, beim Kortisonpräparat Cortef, ist die niedrigere Stärke in Deutschland billiger, die höhere Dosierung bei TrumpRx.
Besonders auffällig ist das Ergebnis, wenn man sich nur die sechs patentgeschützten Medikamente im Vergleich anschaut: Jedes einzelne davon ist teurer als in Deutschland. So kosten zum Beispiel zwei Injektionen des Wachstumshormons Ngenla (60 mg) in Deutschland 2.450 Euro, auf TrumpRx dagegen umgerechnet 4.673 Euro – mithin 2.223 Euro mehr als in Deutschland.
Das Medikament Xeljanz (240 ml) gegen chronisch-entzündliche Erkrankungen kostet auf TrumpRx umgerechnet 2.161 Euro, die vergleichbare Menge in Deutschland 791 Euro. Damit ist das US-Medikament 1.370 Euro teurer. Forxiga (10mg) für Diabetiker kostet auf TrumpRx 153 Euro, in Deutschland kostet die vergleichbare Menge 81 Euro. Forxiga ist damit auf TrumpRx 72 Euro teurer.
US-Listenpreise zuvor stark überhöht
Mit den Ergebnissen konfrontiert, stellt das Weiße Haus die von NDR, WDR, SZ und New York Times ermittelten Preise nicht infrage. Dennoch habe „kein Präsident so viel für die Senkung der Preise für verschreibungspflichtige Medikament erreicht (…), wie Präsident Trump“, teilt ein Regierungssprecher per E-Mail mit. Schließlich müsse man die Preise am Bruttoinlandsprodukt messen. Die jetzt erzielten Rabatte seien zudem „nur der Anfang“.
Grundlage der Auswertung von NDR, WDR, SZ und New York Times ist eine bisher unveröffentlichte Preisanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), die die Trump-Preise mit deutschen Preisen verglichen hat. Instituts-Chef Helmut Schröder sagt: „TrumpRx lässt Trump als Dealmaker glänzen, weil damit den pharmazeutischen Herstellern hohe Rabatte abgerungen werden“. Doch diese hohe Rabatte zeigten eher, wie überhöht die US-Listenpreise zuvor waren.
Der Bevölkerungsmediziner Ameet Sarpatwari von der Harvard-Universität hält Trumps angebliche Super-Preise für eine Augenwischerei. „Die Behauptung der Trump-Regierung, dass die Amerikaner das beste Angebot erhalten, ist eindeutig falsch“, sagt er. Die Ergebnisse zeigten, dass mehr Transparenz darüber erforderlich sei, wie die Trump-Preise im Vergleich zu anderen Ländern abschneiden. „Es ist sehr einfach, die Öffentlichkeit über Arzneimittelkosten in die Irre zu führen“, so der Harvard-Mediziner. Auch Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der TU Berlin betont: „Intransparenz ist immer schlecht für die Käufer oder für die Versicherten.“
Preise bei abgelaufenem Patentschutz günstiger
Tatsächlich sind Arzneimittelpreise in nahezu allen Industriestaaten ein großes Geheimnis. Die Pharmakonzerne legen offenbar Wert darauf, dass nicht öffentlich wird, was Krankenkassen in den einzelnen Ländern tatsächlich bezahlen, um in jedem Land die beste Verhandlungsposition zu haben. In Deutschland ist zuletzt die Ampelregierung unter Olaf Scholz (SPD) der Pharmaindustrie entgegengekommen und hat ihr ermöglicht, die mit den Krankenkassen verhandelten Preise geheim zu halten.
Einzelne Medikamente auf TrumpRx sind im Vergleich tatsächlich günstiger als in Deutschland. Ein Beispiel: der Wirkstoff Adalimumab für Patienten mit chronischen Entzündungen, besser bekannt unter dem Markennamen Humira. In Deutschland kostet eine Injektionslösung des Pfizer-Präparats 647 Euro, auf der TrumpRx-Webseite dagegen nur umgerechnet 175 Euro. Warum der Preis in Deutschland so viel höher ist, wollte der Pharmakonzern Pfizer nicht konkret beantworten. Grundsätzlich habe Pfizer die Preise für TrumpRx „im Durchschnitt um 50 Prozent gesenkt“, teilte eine Unternehmenssprecherin mit.
Allerdings handelt es sich bei allen Medikamenten, die auf TrumpRx günstiger erscheinen, um Präparate, deren Patentschutz abgelaufen ist und die Nachahmerfirmen wie Ratiopharm, Hexal oder Stada günstig kopieren können. Bei diesen sogenannten Generika darf jede Krankenkasse in Deutschland Rabatte verhandeln. Wie hoch diese Rabatte sind, ist aber wiederum geheim: weder die Kassen noch die Pharmafirmen geben darüber genaue Auskunft. Laut Kassen-Insidern sind Rabatte von 50 Prozent und mehr keine Seltenheit.
Abnehmspritzen in den USA mit am teuersten
Anders ist es bei patentgeschützten Medikamenten: Hier dürfen die Krankenkassen keinen Rabatt verhandeln, es gibt bundesweite Festpreise. Patentgeschützt sind auch die heiß diskutierten Abnehmspritzen Wegovy und Mounjaro, bei denen Trump sich ebenfalls rühmt, in Deals mit den Pharmafirmen die günstigsten Preise weltweit erzielt zu haben.
NDR, WDR, SZ und New York Times haben Reporter in Japan, der Schweiz, Frankreich, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Italien und Kanada in Apotheken geschickt, um die tatsächlichen Preise für Abnehmspritzen zu recherchieren. So ist die beliebte 1mg-Spritze Wegovy für umgerechnet 142 Euro am billigsten in Japan zu haben, am teuersten ist sie in Kanada mit 327 Euro. Die USA sind bei Wegovy mit 303 Euro am zweitteuersten, in Deutschland kostet die Spritze 172 Euro.
Ganz ähnlich ist es bei Mounjaro (5 mg): Auch diese Abnehmspritze ist im Vergleich der neun Industrieländer in den USA am zweitteuersten. Am günstigsten ist Mounjaro erneut in Japan (135 Euro), am teuersten in Italien (349 Euro). Auf TrumpRx kostet die Spritze umgerechnet 347 Euro, in Deutschland lediglich 277 Euro.
Der Pharmakonzern Eli Lilly, der Mounjaro herstellt, argumentiert auf Anfrage ähnlich wie das Weiße Haus: Weil das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland und anderen Ländern niedriger sei, seien die Preise real höher, auch wenn sie niedriger aussähen. Das heißt: 500 Dollar sind für einen Amerikaner weniger Geld als für einen Europäer. Ein anderer Pharmakonzern teilt mit – ohne dass er damit namentlich zitiert werden möchte: „Wir befinden uns in einem Prozess der Neugewichtung, die Preise in Europa werden im Laufe der Zeit steigen, während die Preise in den USA sinken werden.“
Source: tagesschau.de