Trumps Eskalation: Kriegszeiten

„Trump: Ajatollah Chamenei ist tot“ steht unten auf dem Bildschirm bei MSNBC, ein Foto des iranischen Führers wird eingeblendet. Am Tag des amerikanischen Angriffs auf Iran laufen hinter der Bar in einem Kino in Boston die Bilder ohne Ton. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Später beim Portugiesen in der Vorstadt Woburn drehen sich die Gespräche der in Hörweite sitzenden Gäste um alles Mögliche, nur nicht um den Krieg, den Donald Trump gerade begonnen hat: Schneeschippen, Proteinbedarf, Urlaub auf Hawaii.

Nein, die Amerikaner reden jetzt nicht alle über den Angriff. Aber das lässt noch nicht den Schluss zu, dass sie sich nicht für die außenpolitische Eskalation interessieren oder sie gar mehrheitlich gutheißen würden. In den sozialen Medien zeigt sich das deutlicher, nicht nur an den Diskussionen, die jetzt in Trumps MAGA-Bewegung zwischen Isolationisten, Interventionisten und „Trump wird schon recht haben“-Loyalisten ausbrechen. Bei Instagram zum Beispiel geht es auch unter vermeintlich unpolitischen Influencerinnen seit Monaten immer wieder um die Proteste in Iran, werden Videos von Frauen ohne Kopftuch geteilt, ruft man zwischen Kosmetiktipps zu Spenden für „Frau, Leben, Freiheit“ auf.

Skeptische Amerikaner

Aber auch das bedeutet nicht, dass die meisten Menschen den Militärschlag begrüßen. Im Gegenteil, Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass die Amerikaner einer Intervention mehrheitlich unsicher bis ­ablehnend gegenüberstanden, bevor Trump sie vor vollendete Tatsachen stellte. Ja, es kann beklemmend sein, „den Amerikanern“ wie auch sich selbst dabei zuzusehen, wie das Alltagsgeschehen einfach weitergeht. Aber ohne diese vermeintliche Gleichgültigkeit, die auch eine Erschöpfung und Ablenkung ist, hätten auch die imperialen Strategien anderer US-Präsidenten nicht so gut funktioniert.

Die Vertreter des Rechts des Stärkeren konnten sich auch immer die geographische Distanz zunutze machen, das Gefühl relativer Unverwundbarkeit durch mangelnde Nähe ist unter Amerikanern weit verbreitet. Protest gegen die Politik des „Empire“, die Trump auf die Spitze treibt, gab es aber immer, wenn auch in kleinerem Maßstab als etwa gegen den Vietnamkrieg. Auch jetzt werden mancherorts Amerikaner dagegen auf die Straße gehen, erst recht, weil Trumps Militärschläge politisch und rechtlich auf so umstrittener Grundlage stehen.

Aber solange nicht massenhaft eigene Soldaten in einem Krieg sterben oder versehrt zurückkehren wie aus Vietnam, wird es wohl keine Protestbewegung geben, die größer wäre als die, die es gegen Trumps Innenpolitik schon gibt. Für viele Menschen fühlt es sich erst einmal so an, als sei diese Eskalation, trotz ihrer weltpolitischen Bedeutung, nur ein weiteres Glied in einer langen, erschöpfenden Kette von Ereignissen. Übermorgen kann sie von den näch­sten Schlagzeilen über eine andere, wieder gegen die eigene Bevölkerung gerichtete Zumutung abgelöst werden.

Die Arroganz, mit der viele Menschen in Europa auf das Ausbleiben spontaner Massenerhebungen gegen Trump blicken, ist wohlfeil und unhistorisch. Wenn man sich darüber wundert, dass viele Amerikaner einfach hinnehmen, was ihr gewählter Präsident macht, hilft es, die deutsche Brille abzusetzen. Oder sie erst recht aufzusetzen und sich zu erinnern, dass unsere Groß- und Urgroßeltern auch meist einfach ihr privates Leben weitergelebt haben, bis es nicht mehr ging – wenn sie nicht ohnehin mit Jubeln beschäftigt waren.

Source: faz.net