Der Politik-Analyst Michael Lange hat Zohran Mamdanis Sieg bei den Bürgermeisterwahlen korrekt vorausgesagt. Ein Gespräch über die Gründe von Mamdanis Erfolg, wie viele Trump-Wähler Mamdani gewählt haben und andere Überraschungen der Wahl
Mamdani-Unterstützer:innen in New York
Stephanie Keith
Zwei Tage vor der Bürgermeisterwahl in New York veröffentlichte der Politikanalyst Michael Lange eine große Wahlprognose – nicht nur darüber, wer insgesamt die Wahl gewinnen würde, sondern für jeden Bezirk, Stadtteil und sogar Block. Lange ist in New York City geboren und aufgewachsen. Er sagte den Sieg von Zohran Mamdani korrekt vorher, aber unterschätzte Andrew Cuomos starkes Abschneiden etwas. Lang versteht es, statistische Fakten und Trends in anschauliche Sprache zu kleiden: Er prägte etwa den Ausdruck „Commie Corridor“, also den Kommunisten-Korridor, für die Stadtregion, die große Teile von Brooklyn und Queens umfasst, wo Mamdani am besten abgeschnitten hat.
Herr Lang, Zohran Mamdani hat im Vergleich zu den demokratischen Primaries 500.000 Stimmen dazugewonnen, das war wesentlich für seinen Sieg. Woher sind diese zusätzlichen Stimmen bekommen?
Michael Lang: Er hat die Koalition aufgebaut, die die Linke schon immer aufbauen wollte: Sie ist multiethnisch, sie ist jung, sie besteht aus Mietern und Menschen, die unter den hohen Lebenshaltungskosten leiden. Im Vergleich zur Vorwahl hat er sich bei den schwarzen und hispanischen Wählern, den Arbeitern und der Mittelschicht deutlich verbessert. Außerdem hat er seine Basis aus liberalen Progressiven, jungen Linken, Muslimen und asiatischen Einwanderern weiter ausgebaut. Ohne diese Zugewinne hätte er nicht gewinnen können.
Es gab auch einige Trump/Mamdani-Wähler – ist das ein großer Trend?
Das ist definitiv eine reale Entwicklung, die sich allerdings auf Latinos, Einwanderer aus Südasien und Muslime aus der Arbeiterklasse beschränkt. Wähler in Einwandererhochburgen, die letztes Jahr für Trump gestimmt hatten, stimmten dieses Jahr für Mamdani. Aber ich würde nicht sagen, dass er weiße Wähler aus der Arbeiterklasse und MAGA-Wähler für sich gewinnen konnte.
Es gab eine extrem hohe Wahlbeteiligung. Wem hat das geholfen?
Beiden Seiten. Die Wahlbeteiligung war deutlich höher als ich erwartet hatte. Ich dachte, wir würden vielleicht über 2 Millionen kommen, aber es sind fast 2,3 Millionen – das sind verdammt viele Wähler. Es gab eine ordentliche Anti-Mamdani-Fraktion, die mobilisiert wurde, aber auch die Mamdani-Anhängerschaft war motiviert, und das reichte zum Sieg.
Curtis Sliwa, der republikanische Kandidat, ist komplett eingebrochen.
Er hat in keinem Bezirk einen einzigen Wahlkreis gewonnen. Nicht einmal in Tottenville auf Staten Island, einem Viertel, in dem 88 Prozent für Trump gestimmt haben. Das hat mich wirklich überrascht. Cuomo war stark in sehr weißen Vierteln, in sehr wohlhabenden Vierteln und in sehr religiös-jüdischen Vierteln und gewann dann auch all diese Republikaner auf Staten Island hinzu, bei denen die Wahlbeteiligung sehr hoch war. Ich glaube, viele Republikaner haben taktisch gewählt. Das taten sie schon, bevor Trump seine Unterstützung für Cuomo erklärte, aber das hat definitiv geholfen. Es hätte sogar das Blatt wenden können, wenn Mamdanis Koalition nicht gewachsen wäre.
Was ist mit Ihrem viel zitierten „Kommunisten-Korridor“ – wie war die Unterstützung für Mamdani in diesen Teilen von Brooklyn und Queens?
Ich glaube, dass der Kommunisten-Korridor in einigen Gegenden wie Astoria oder Greenpoint, wo mehr ältere weiße Einwanderer leben, etwas verwässert wurde. In Astoria zum Beispiel haben sich die griechischen Vermieter und Hausbesitzer alle für Cuomo entschieden. Es gab also einen gewissen Widerstand. Aber nein, größtenteils ist der Commie Corridor ein weiterer wichtiger Grund für Zohrans Sieg – er lag in Fort Greene, Clinton Hill und Bushwick zwischen 77 und 83 Prozent in den Umfragen.
Im Vorfeld der Wahl haben wir darüber berichtet, ob Mamdani bei den jüdischen New Yorkern punkten konnte. Gibt es Anzeichen dafür, dass dies der Fall war?
Es gibt Stadtteile mit vielen säkularen und eher progressiv eingestellten Juden – wie Park Slope und Morningside Heights –, in denen er gut abgeschnitten hat. Aber in den wohlhabenden jüdischen Gemeinden wie der Upper East Side spielte seine Haltung zu Israel definitiv eine Rolle. Ähnlich verhält es sich in den eher mittelständischen jüdischen Gegenden wie Forest Hills, Rego Park oder Spuyten Duyvil und Riverdale in der Bronx – sie alle neigten zu Cuomo. Und auch die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion im Süden Brooklyns waren ziemlich überzeugte Cuomo-Anhänger. Aber Mamdani gewann mit großem Vorsprung in den progressiveren jüdischen Stadtteilen und sogar in Teilen der Upper West Side [wo es mehr reformorientierte und konservative Juden gibt].
Hat Mamdani die politische Bedeutung New Yorks neu definiert? Wird der „Commie Corridor“ zu einer Basis für linke Kandidaten?
Ja, es ist kein Zufall, dass einige der wichtigsten politischen Führer der Linken aus einer Handvoll Stadtteilen in Brooklyn, Queens und der Bronx stammen. Ich bin sicher, dass wir davon noch mehr sehen werden – Menschen aus diesen Stadtteilen werden auf nationaler Ebene aufsteigen. Aber ich denke, dass jede Stadt in Amerika ihren eigenen „Commie Corridor“ haben kann. Städtische Gebiete sind die Epizentren der linken Macht in Amerika – weil sie jung sind, weil die Menschen dort zur Miete wohnen und weil sie Orte sind, an denen die Menschen unter den Ungleichheiten leiden, mit denen wir konfrontiert sind.