Nach den Angriffen auf Energieanlagen im Nahen Osten schnellen die Gaspreise in Europa nach oben. Im Fokus: das größte Gasfeld der Welt. Für den Weltmarkt ist vor allem der Teil relevant, der zu Katar gehört.
Die Nervosität am Gasmarkt ist hoch. US-Präsident Donald Trump hat Iran mit der vollständigen Zerstörung von South Pars gedroht – dem größten reinen Gasfeld der Welt -, sollte Teheran weiter Katar attackieren. Nach dem israelischen Schlag gegen South Pars hatte Iran Raketen auf Flüssiggasanlagen in Katar abgefeuert.
Die Reaktion an den Weltmärkten folgte prompt: An der Börse in Amsterdam legte die Notierung für den richtungweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF in der Spitze um über 30 Prozent bis auf 74 Euro zu – den höchsten Stand seit Januar 2023. Doch warum reagiert der Gasmarkt so empfindlich?
So wichtig ist North Field für den Weltmarkt
Das Gasfeld South Pars spielt für den globalen Gashandel eine zentrale Rolle – aber nicht etwa, weil Teheran ein großer Gaslieferant wäre. Für den Weltmarkt ist vor allem die katarische Seite entscheidend, die als North Field oder auch North Dome bezeichnet wird: Sie ist eine der wichtigsten Quellen des globalen Handels mit verflüssigtem Erdgas (LNG).
Katar kontrolliert rund zwei Drittel des Feldes, dessen gesamtes Vorkommen auf 51 Billionen Kubikmeter nutzbares Gas geschätzt wird. Das reicht aus, um den weltweiten Bedarf für 13 Jahre zu decken.
Ras Laffan als Schlüssel für Katars LNG-Exporte
Der Staatskonzern QatarEnergy betreibt nach eigenen Angaben 14 Anlagen zur Verflüssigung von Erdgas mit einer Jahreskapazität von 77 Millionen Tonnen. Damit ist das Unternehmen der größte LNG-Produzent der Welt. Verschifft wird das Erdgas in Ras Laffan, dem weltgrößten LNG-Terminal.
Etwa 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Doha gelegen, ist Ras Laffan somit das Herzstück von Katars Energieexportwirtschaft. Hier wird normalerweise das Gas aus dem North Field abgekühlt und per Tankschiff über die Straße von Hormus in die ganze Welt transportiert.
Experte warnt vor „katastrophalem Gaskrisen-Szenario“
Nun aber wurde dieses zentrale Drehkreuz für den globalen Gashandel schwer getroffen. QatarEnergy meldete „umfangreiche Schäden“ und „beträchtliche Brände“ in mehreren Flüssiggasanlagen nach iranischen Raketenangriffen. Die Anleger an den Energiemärkten fürchten weitere Beeinträchtigungen des globalen LNG-Handels – das lässt den Gaspreis nach oben schnellen.
„Wir bewegen uns jetzt geradewegs auf ein katastrophales Gaskrisen-Szenario zu“, sagt Saul Kavonic, Analysechef bei MST Marquee. Die Unterbrechung der LNG-Lieferungen könne je nach Ausmaß der Schäden Monate oder sogar Jahre andauern.
North-Field-Erweiterung für künftiges LNG-Angebot zentral
Dabei gefährdet eine Eskalation des Krieges in der Region nicht nur die aktuelle Gasversorgung. Das Gasfeld North Field spielt auch für das künftige Angebot von Erdgas auf den Weltmärkten eine zentrale Rolle.
Im November hatte der CEO von QatarEnergy, Saad al-Kaabi, noch angekündigt, dass das Mega-Erweiterungsprojekt North Field in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 mit der LNG-Produktion beginnen werde. Bis 2027 solle es dann die volle Kapazität erreichen und die LNG-Produktion von QatarEnergy von 77 auf 126 Millionen Tonnen pro Jahr steigern – das entspricht einem Plus von 85 Prozent. Die Erweiterung umfasst auch den Bau von sechs LNG-Verarbeitungsanlagen in Ras Laffan.
Die Internationale Energieagentur IEA sieht den Ausbau von Katars North Field als einen der wichtigsten Treiber des künftigen globalen LNG-Angebots – doch die Zukunft des Mega-Projekts ist nun ungewisser denn je. Kein Wunder also, dass die Märkte auf die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten so sensibel reagieren.
Das „Gas-Paradox“ des Iran
Unterdessen konnte Iran seine reichhaltigen Gasvorkommen bislang nicht in Exportstärke ummünzen. Hintergrund sind Sanktionen, fehlende Technologie und jahrelange Unterinvestitionen. Die Folge: Ein Großteil des Gases wird im Inland verbraucht, rund 80 Prozent des in Iran genutzten Erdgases stammen aus South Pars.
Die Forscher des Center on Global Energy Policy“ der Columbia University beschreiben dieses Missverhältnis denn auch als „Natural Gas Paradox“ von Iran: gewaltige Reserven – aber nur begrenzte Exportfähigkeit.
Source: tagesschau.de