Trotz Weimerscher Einmischung wurde mit Prinz Eisenherz die richtige Buchhandlung geehrt

Nein, nein, es geht nicht um die Comicfigur! König Artus mag darüber vergrämt sein, aber sein Nachruhm vergeht ohnehin nicht. Heute begebe ich mich auf eine Zeitreise in das Jahr 1977, als ich – frisch aus Tübingen nach West-Berlin umgezogen, noch auf der Suche nach einer eigenen Wohnung, in der Wohngemeinschaft von Peter Hedenström in der Potsdamer Straße unverhofft mit einer Frage bzw. einem Angebot konfrontiert wurde, das mir erstaunlich schien: ob ich mir vorstellen könne, an der Seite von Egmont Fassbinder die Leitung des Verlags rosa Winkel zu übernehmen.

Ich war doch nach Berlin gezogen, um mein Studium der Politikwissenschaft fortzusetzen und mit einem Diplom zu beenden (das fand erst glückliche sieben Jahre später statt). Was ich damals nicht ahnte: dass Peter selbst mit anderen Plänen unterwegs war, die im Jahr darauf endlich Gestalt annahm: der Gründung des ersten schwulen Buchladens in Westdeutschland (als ob es so etwas im Osten je gegeben hätte!).

Das erste Ladenlokal befand sich in der Bülowstraße, gegenüber von einer verluderten einstigen Shell-Tankstelle, die zu einem Playground für den Nachtverkehr mit brasilianischen Tunten umgewidmet worden war. Heute befindet sich nach der wunderbaren Konversion, die dem Galeristen Judin zu verdanken war, in dem Servicegebäude der Tankstelle das „Zeit-Café“.

Lassen wir den unwürdigen Staatsminister beiseite!

Wo einst die Zapfsäulen standen, schwimmen nun Kois im Teich. Ihr Dasein hat sich noch nicht zu meinem Graureiher aus dem Nelly-Sachs-Park herumgesprochen, ich werde es ihm auch nicht verraten. Heute befindet sich der Buchladen, nach Umzügen in die Lietzenburger und Bleibtreustraße im Golfstrom der Motzstraße, umgeben von Nachtverkehrsadressen, deren Kundschaft immer mal wieder vor dem Schaufenster des Buchladens die neuesten Auslagen bestaunt.

Unvergessen der Abend, an dem der Ethnopsychoanalytiker Fritz Morgenthaler seine damals heiß diskutierten Beiträge für die Zeitschrift „Psyche“ zur Diskussion stellte. Das war ein Abend, der in etwa dem Erhalt der zwei Steintafeln mit den zehn Geboten durch Moses auf dem Berg Sinai zu vergleichen war. Morgenthaler teilte den versammelten Gästen mit, was sie vermutlich schon immer wussten, ohne es zu ahnen: dass ihnen ihre Autonomie besonders wertvoll war.

Das hat sich nun auch (erneut) zu der Jury herumgesprochen, die heuer mit der Aufgabe befasst war, neben den preiswürdigen auch die drei preiswürdigsten Buchläden der Republik zu bestimmen. Lassen wir den unwürdigen Staatsminister beiseite, der der Jury ins Geschäft gepfuscht hatte. Wolfram Weimer wird eh bloß ein has-been gewesen sein (Futur zwo), wenn er endlich aus dem Amt geschieden ist.

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Prinz Eisenherz bekommt 25.000 Euro zugesprochen

Unter den gekrönten Buchläden gibt es drei, deren Angebot als so wertvoll erachtet worden ist, dass sie mit 25.000 € beglückt werden. Damit haben sie beim Prinz Eisenherz genau die richtigen gekrönt. Unvergessen zahlreiche beglückende Lesungen, Ausstellungen und Diskussionen, die auch dann, wenn sie Anlass zu heftigstem Streit gaben, dazu beitrugen, der Meinungsbildung und der ästhetischen Bildung auf die Sprünge zu helfen.

Gelegentlich hatte ich selbst die Ehre, solche Abende zu moderieren, was immer zu einer Herausforderung geriet, denn wenn es den geliebten Schwestern an einem nicht mangelt, dann ist es ihre Gabe, gepfeffert zu streiten. Ich komme aus diesem Grund auf den Abend mit Fritz Morgenthaler zu sprechen, der damals gerade eine Ausstellung mit Bildern in der Galerie am Savignyplatz eröffnet hatte. Es ging um seine Beiträge in der Zeitschrift Psyche, in denen er dargelegt hatte, wie es dazu gekommen sein mag, dass in der Konstitution homosexueller Männer die Ausbildung ihrer Autonomie besonders auffällt.

Das war psychoanalytisch eine Sensation sondergleichen, weil über viele Jahre hinweg die psychische Konstitution homosexueller Männer eher wie eine buchhalterische Aufzählung von Defiziten dahergekommen war. Sich dem Gesetz zu stellen, sei es nun dem des Alten Testaments oder dem des Strafgesetzbuchs, erfordert nun einmal die Herausbildung eines Eigensinns, der uns nicht zu nehmen ist.

Ein denkwürdiger Abend in der Buchhandlung

Morgenthaler kam an diesem Abend in einem abgetragenen Pelz-Ledermantel in den Laden, unter dem er den bei ihm üblichen Blaumann trug, in dem er als Maler seinem Geschäft nachging. Als er dann aber auf der kleinen Treppe stand, von der herab er wie von einem Altar zu uns noch nicht berufenen Jüngern sprach, vollzog sich von einer zu anderen Sekunde eine Metamorphose, die ihn in einen zivilgesellschaftlichen Propheten unserer Zeit verwandelte.

Bei manchen Gästen dieses Abends erzeugte diese Autorität unbändigsten Zorn, weil ihr nicht zu entgehen war. Sie bestätigten in der heftigen Diskussion (und in den nicht eingestandenen Gefühlen), was Morgenthaler als Psychoanalytiker herausgefunden hatte. Der Zürcher Autor Federico Angst, der 1977 im Buchhandel unter dem Pseudonym „Fritz Zorn“ uns mit dem Buch Mars beglückt hatte, war Analysand bei Morgenthaler.

Der Blaumann verwandelte Morgenthaler in einen Handwerker, in einen Seelenklempner, in einen Propheten, der uns ungefragt in das Stammbuch schrieb, was uns nicht zu nehmen sein wird, auch wenn wir uns dessen damals nicht bewusst gewesen sein mögen. Weiterhin ad multos annos, Prinz Eisenherz!

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