Die Station F kann sich vor Anfragen kaum retten. In der einstigen Güterumschlagshalle im 13. Pariser Stadtbezirk, die seit bald neun Jahren den weltgrößten Start-up-Campus beherbergt, stehen Gründer Schlange. Rund 1000 Jungunternehmen können hier gleichzeitig für bis zu zwei Jahre unterkommen, nur Partnerkonzerne wie Google, Apple, LVMH und seit Neuestem Open AI gastieren dauerhaft. Wer rein will, muss sich auf Programme bewerben und eine harte Selektion durchlaufen. Die Ablehnungsquote liegt bei 90 bis 95 Prozent.
Nikolai Fomm hat einen Schreibtisch in der knapp 50.000 Quadratmeter großen Halle ergattert. Der Deutsche ist Mitgründer des Pariser Start-ups Corma, das die Softwareumgebung von Unternehmen managt, und nennt die Präsenz in der Station F „ein Qualitätssiegel“. Das hiesige Netzwerk biete Gründern viele Vorteile, auch wenn es sprachlich-kulturell französisch dominiert sei. „Das hier ist ein Brennpunkt, wo alles zusammenkommt“, sagt Fomm. Es gebe wenig Berührungsängste, man komme mit Investoren und Konzernen gut in Kontakt.
Rund 8,1 Milliarden Euro an frischem Geld
Viele deutsche Gründer schauen schon seit Jahren neidisch nach Frankreich und vor allem Paris. Dort ist ein Start-up-Ökosystem entstanden, das gerade in hochinnovativen Bereichen wie Künstlicher Intelligenz (KI) floriert. Das geschah mit politischer Unterstützung bis hinauf zu den Staatspräsidenten François Hollande und Emmanuel Macron, die sich als Geburtshelfer der Station F betätigt haben.
Milliardenhohe Förderpakete wurden seither geschnürt. Die Regulierung ist start-up-freundlich, etwa mit Sonderregeln für die Einstellung nicht europäischer Fachkräfte. Mit Alan und Hugging Face hat die Station F auch schon zwei Start-ups hervorgebracht, die heute mit einer Milliardenbewertung sogenannten „Einhorn“-Status genießen.
Aber auch die großen Forschungs- und Wissenschaftszentren, privaten Kapitalgeber und Konzerne, die im zentralistischen Frankreich fast alle in Paris sitzen, machen den Standort attraktiv. Im letzten „Startup Heatmap Europe Report“, für den Techgründer befragt wurden, holte er gegenüber London und Berlin auf. Die Datenplattform Dealroom kürte Paris in ihrem letzten Ökosystem-Index sogar erstmals vor London zum „Global European Tech Champion“.
Rund 8,1 Milliarden Euro an frischem Geld haben französische Start-ups nach neuen Zahlen im vergangenen Jahr eingesammelt, vorn steht Europas KI-Hoffnungsträger Mistral AI mit 1,8 Milliarden Euro. Das war in einem nicht ganz leichten Wagniskapitalmarkt etwas mehr als 2024.
Die Molltöne überwiegen
Zahlen wie diese mögen überraschen, stehen sie doch in starkem Kontrast zu den vielen schlechten Nachrichten, die sonst aus Frankreich dringen – seien es die politische Blockade, die hohe Staatsverschuldung oder die Krise und Proteste der Landwirte.
Da passte die jüngste Meldung der Statistiker ins Bild, wonach der Geburtenrückgang andauert und erstmals seit 1945 mehr Menschen in Frankreich starben, als zur Welt kamen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs zwar auch vergangenes Jahr um voraussichtlich 0,9 Prozent. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen die Molltöne. Nach Schätzung der Notenbank kostete die politische Unsicherheit schon mindestens 0,2 Prozentpunkte Wachstum.
Der von der Minderheitsregierung von Premierminister Sébastien Lecornu diese Woche auf den Weg gebrachte Staatshaushalt trägt zudem gerade in Wirtschaftskreisen nicht dazu bei, die Stimmung zu heben. So werden darin vor allem Unternehmen zur Kasse gebeten.
Großkonzerne müssen demnach ein weiteres Mal eine Sonderabgabe zahlen, obwohl diese im vergangenen Jahr explizit nur einmalig erhoben werden sollte. Zahlen sollen die Abgabe diesmal etwa 300 Unternehmen, einbringen soll sie 7,3 Milliarden Euro. Zudem ist die versprochene Senkung der gewinnunabhängig erhobenen Produktionssteuer abgesagt.
Fünf Prozent Haushaltsdefizit
„Wieder einmal bricht der Staat sein Wort“, echauffierte sich Patrick Martin, der Präsident des größten Arbeitgeberverbands Medef in der Zeitung „Les Echos“. Frankreich spiele mit dem Feuer, während die USA und Deutschland die Steuerlast senkten. „Große Unternehmen werden radikale Entscheidungen treffen müssen mit Folgen für Investitionen und Beschäftigung“, betonte Martin.
Strukturelle Einsparungen gebe es keine, insbesondere nicht bei den Sozialausgaben. Und tatsächlich gibt es im neuen Haushalt kaum Ausgabenkürzungen. Das gilt ebenso wie die Aussetzung der jüngsten Rentenreform als Konzession von Lecornu an die Sozialisten, die sonst gemeinsam mit den Parteien links und rechts außen die Regierung gestürzt hätten.
Mit knapp 132 Milliarden Euro soll Frankreichs Staatsdefizit in absoluten Zahlen nahezu unverändert bleiben. Dass es prozentual in diesem Jahr trotzdem leicht von 5,4 auf fünf Prozent des BIP sinken soll, liegt am erwarteten Wirtschaftswachstum; das ursprüngliche Ziel von 4,7 Prozent Defizit ist längst vom Tisch.
Ungewissheit über die Zeit nach Macron
„Sozialismus 1 – Frankreich 0. Das ist das Endergebnis der viermonatigen Haushaltsdebatte, in der jede politische Partei versucht hat, ihre Wählerschaft zu bedienen, ohne ernsthafte und strukturelle Anstrengungen zur Sanierung der öffentlichen Finanzen zu unternehmen“, kommentierte Bruno Cavalier, der Chefvolkswirt der Privatbank Oddo BHF. Notenbankchef François Villeroy de Galhau beklagte mehrfach öffentlich, dass die Parteien Politik für Senioren statt für junge Menschen machten.
Spurlos geht auch an der Pariser Start-up-Szene nicht vorbei, dass der wirtschaftsliberale Reformkurs in der Steuer- und Arbeitsmarktpolitik aus den ersten Jahren von Macrons Präsidentschaft vorüber ist. Sorgen bereite den Gründern vor allem die Ungewissheit über die Zeit nach Macron, heißt es im Umfeld von Station F – in den Umfragen für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr führen aktuell die Rechtspopulisten.
In das allgemeine Mollkonzert will Julie Huguet, die dem staatlichen Start-up-Förderprogramm French Tech vorsteht, dennoch nicht einstimmen. Das Ökosystem aus 18.000 Jungunternehmen schaffe 450.000 direkte Arbeitsplätze und sei leistungsstark und gut entwickelt. Huguet preist vor allem die hohe Innovationskraft in strategischen Sektoren wie KI, Quantenphysik, Raumfahrt und Cybersicherheit.
Damit ist sie nicht allein. Unter Investoren werden aus diesen hochinnovativen Bereichen neben Mistral aktuell etwa auch Aqemia (Pharma), Isentroniq (Quantencomputer) und das Start-up Altrove, das kritische Rohstoffe künstlich herstellen will, heiß gehandelt. „Schweden und Frankreich sind führend bei der Finanzierung von Deep-Tech-Start-ups“, heißt es in einem Ende Oktober veröffentlichten Standortvergleich von McKinsey.