Trotz Irankriegs: Panik an den Märkten bleibt aus – doch die Luft wird dünner

Die vielleicht alarmierendste Nachricht der zu Ende gehenden Börsenwoche stammt vom Mittwoch. Die Finanzagentur der Bundesrepublik Deutschland scheiterte daran, Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit im geplanten Volumen zu platzieren. Fünf Milliarden Euro sollten in der routinemäßigen Auktion untergebracht werden, gezeichnet wurde nur für 4,5 Milliarden Euro. Bislang verkauften sich Bundesanleihen wie geschnitten Brot. Die Bundesrepublik Deutschland, von den drei großen Ratingagenturen mit der Bestnote „AAA“ für höchste Bonität bewertet, musste sich bislang wenig Sorgen um die Refinanzierung ihres – wachsenden – Schuldenbergs machen. Aber das war vor dem Ausbruch des Irankriegs am 28. Februar, seitdem stehen die Finanzmärkte Kopf.

Da ist der Ölpreis der Nordseesorte Brent, der am Freitagnachmittag bei 99,48 Dollar je Fass zu 159 Litern lag. Die konzertierte Aktion der 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA), gleich 400 Millionen Barrel der strategischen Reserven freizugeben, verpuffte am Mittwoch. Ob es den derzeit recht volatilen Ölpreis überhaupt nennenswert beeinflusst hat, ist nur schwer abzuschätzen. Dabei fiel die Freigabe doppelt so hoch aus wie 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, als 182 Millionen Barrel aus der strategischen Reserve freigegeben wurden. Seit der Gründung der IEA 1974 sind zuvor erst fünf Mal strategische Ölreserven freigegeben worden.

Öl seit Jahresbeginn 40 Prozent teurer

Innerhalb eines Jahres legte der Preis für den Schmierstoff der Wirtschaft um über 40 Prozent zu. Was nicht nur Verbraucher an der Tankstelle schmerzhaft zu spüren bekommen. „Bleibt die Straße von Hormus blockiert, wird der Tag kommen, an dem sich auch ein Anstieg über 120 Dollar nicht mehr aufhalten lässt. Der Markt verliert seine Puffer“, sagte etwa Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, am Freitag.

Und an den Märkten, die am Anfang noch einen zeitlich begrenzten Konflikt erhofft hatten, macht sich zunehmend die Erkenntnis breit, dass es bei der durch die iranischen Revolutionsgarden als blockiert erklärten Straße von Hormus um mehr geht als allein um Öl. Durch die Meerenge zwischen Iran und dem Oman in unmittelbarer Nähe der Vereinigten Arabischen Emirate wird viel mehr transportiert, was für Weltwirtschaft und Lieferketten unentbehrlich ist, als bloß Öl.

Auch das Gros an Schwefel, ein unverzichtbarer Rohstoff für diverse Produktionsschritte in der Chip- und Bat­terieherstellung, wird durch die Meerenge transportiert. Ein Mangel könnte also auch die Automobil- und die Tech-Industrie belasten. Auf Letztere wartet aber noch ein größeres Problem: Helium. Qatar kann nicht mehr liefern. Und gut 40 Prozent des globalen Heliumbedarfs stammen aus dem Golfanrainerstaat. Helium ist unverzichtbar bei der Herstellung von Lithographiegeräten für die Chipproduktion. Es dient zur Kühlung, denn bei der Produktion ist Temperaturstabilität entscheidend. Und Taiwan, Zentrum der globalen Halbleiterindustrie, hat noch ein weiteres Problem. Das Land braucht Gas zur Stromproduktion, hält aber nur Reserven für knapp ein Dutzend Tage vor.

Das deutsche Börsenbarometer Dax steht am Freitagnachmittag bei 23.598 Zählern fast unverändert zum Schluss vom Donnerstag und auch seit dem ­vergangenen Freitag. Daran konnte auch die Kurzrally am Dienstag nichts ändern, als kurzfristig Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende aufflammten.

Source: faz.net