Trotz Eskalation: Warum sich die Huthi aus dem  Irankrieg heraushalten

„Wir haben unseren Finger am Abzug“, hat der Anführer der Huthi-Rebellen im Jemen gedroht. Das war in den ersten Tagen des Irankrieges. „Jeden Moment“, sagte Abdulmalik al-Huthi, könne seine Bewegung zuschlagen, sollte es die Lage erfordern. Die Rebellenbewegung, die von Iran unterstützt wird, wäre ein effektiver Verbündeter in der Strategie Teherans, die ganze Region zu destabilisieren und den Preis für die USA in die Höhe zu treiben.

Die Gruppe könnte der Weltwirtschaft erheblichen Schaden zufügen. Das iranische Regime blockiert schon die Straße von Hormus, einen strategisch wichtigen Seeweg, ein Nadelöhr des Öl- und Gastransports. Die Huthi bedrohen mit ihren Drohnen und Raketen eine weitere Meerenge: den Bab al-Mandab, auf Deutsch Tor der Tränen, das jedes Schiff durchqueren muss, das den Suezkanal passieren will.

Arabische Golfstaaten und deren Ölanlagen wären ebenso ein mögliches Ziel der Huthi, die auch schon Drohnen und Raketen auf Israel abgeschossen hatten. Aber den Drohungen des Huthi-Anführers sind bislang keine Taten gefolgt. Der Irankrieg eskaliert, die Hizbullah in Libanon und irantreue Milizen im Irak haben eingegriffen – die jemenitische Rebellenbewegung hat noch keinen Finger gerührt.

Kein Geschöpf Irans wie die Hizbullah

Die Huthi präsentieren sich noch immer als loyaler Akteur der „Achse des Widerstands“, einer vom iranischen Regime angeführten Allianz, die Israel vernichten und die Amerikaner aus der Region vertreiben will. Das Verhalten der Gruppe offenbart indes eine der großen Schwächen des Bündnisses: Viele seiner Akteure verfolgen in der Heimat Eigeninteressen, die dann, wenn Iran direkt bedroht wird, schwerer wiegen. Die Huthi haben laut Einschätzung von Experten verschiedene Gründe für ihre Zurückhaltung.

„Für die Huthi hat es derzeit Priorität, ihre Stellung innerhalb des Jemens zu konsolidieren“, sagt Adam Baron, Jemenexperte von der Denkfabrik New America. Sie haben dort einiges zu verlieren – oder zu gewinnen. Die frühere Rebellenbewegung kontrolliert die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordjemens.

Saudi-Arabien, das die Huthi über Jahre erbittert bekämpft hatte, strebt nach Deeskalation und einem gesichtswahrenden Ausweg aus dem komplizierten Jemenkonflikt. Die Huthi können darauf hoffen, dass der reiche Nachbar den Frieden mit finanziellen Zuwendungen vergütet, die sie dringend brauchen können. Die Aussicht darauf, so heißt es von mehreren Beobachtern, wollten sich die Huthi nicht verderben, indem sie das Königreich gegen sich aufbringen.

Das Verhältnis der Huthi zu Teheran ist auch anders als das der Hizbullah zur Islamischen Republik. Anders als die libanesische Schiitenorganisation sind die Huthi kein iranisches Geschöpf. Sie hängen auch nicht so sehr am Tropf Teherans. Anfangs verbanden die Huthi mit dem iranischen Regime nur lose Kontakte, später eine begrenzte Zweckgemeinschaft. Sie wuchs im Verlauf der vergangenen Jahre zu einer von (auch ideologisch) zunehmender Nähe und wechselseitigem Nutzen geprägten Waffenbrüderschaft.

Schmerzhafte Erinnerung an amerikanische Luftangriffe

Die Huthi profitierten von iranischen Waffenlieferungen und iranischer Expertise, gerade mit Blick auf ihr Raketen- und Drohnenarsenal. Sie inszenierten sich aber immer auch als nationaler jemenitischer Akteur. Die Gefolgschaft der als stur geltenden Gruppe hatte immer Grenzen.

Als die Huthi im Herbst 2023 begannen, den internationalen Schiffsverkehr zu terrorisieren – und das zum Akt der Unterstützung der Hamas und der palästinensischen Sache stilisierten – war das iranische Regime angesichts der Eskalationsrisiken skeptisch. Aber die Huthi sahen Nutzen in ihrer Machtprojektion im Roten Meer. Und sie konnten auf diese Weise an Popularität in der jemenitischen Bevölkerung gewinnen, in der die Palästinafrage großes emotionales Gewicht hat.

„Jetzt ist das anders – mit einem Kriegseintritt zum Schutz des iranischen Regimes würden sich die Huthi unbeliebt machen. Denn gegenüber Iran gibt es große Ressentiments“, erklärt Farea Al-Muslimi, Jemenfachmann von der Denkfabrik Chatham House. Die eigene Propaganda zeugt davon. In einem Video wird die Einheit der Achse beschworen, werden Drohnen in zackigen Manövern und Raketenschwärme gezeigt. Aber die Stoßrichtung ist auch klar: Es geht um den Kampf gegen Israel und um die Sache der Palästinenser.

Dass die Kosten hoch sein können, wenn man sich mit den USA und Israel anlegt, haben die Huthi ebenfalls erfahren.  Die heftigen Luftangriffswellen von vor etwa einem Jahr hat die Gruppe noch in schmerzhafter Erinnerung. Manche Beobachter glauben, die Huthi könnten sich trotz allen Widerwillens irgendwann zum Eingreifen gezwungen sehen. Farea Al-Muslimi ist überzeugt: „Wenn sie nicht selbst angegriffen werden, halten sich die Huthi aus der Sache heraus.“

Source: faz.net