Trotz AfD: Warum ich Sachsen-Anhalt so sehr liebe

Ich muss es gleich zu Beginn sagen: Ich liebe Sachsen-Anhalt. Das Bundesland beeindruckt mit Weltkulturerbestätten wie dem Bauhaus, Luther und Naumburg. Harz, Börde, Saale und Elbe bieten wunderschöne Naturlandschaften und Sportvereine wie der FCM, Mitteldeutsche BC und SCM sind hier zu Hause.

Auch die Zwillingsbrüder und Wahl-Kalifornier von Tokio Hotel stammen aus Sachsen-Anhalt. Ihre Biografie zeigt jedoch ein Problem des Bundeslandes: Kaum eine andere Region ist im Durchschnitt so überaltert. Viele, vor allem junge Menschen, ziehen weg und kehren selten zurück.

In kaum einem anderen Bundesland stellt sich die Frage nach Gehen oder Bleiben so deutlich. Halle-Neustadt gilt unter uns Sozialwissenschaftler:innen als Inbegriff für schrumpfende ostdeutsche Städte. Die größeren Städte wachsen nur, weil seit 2015 und seit 2022 viele Geflüchtete zugewandert sind.

Junge Menschen kommen zum Studieren in die Hochschulstädte, aber ob sie bleiben, ist ungewiss. Auch die geflüchteten Menschen sehen ihre Zukunft nicht immer in Sachsen-Anhalt, wo sie Alltagsrassismus erleben und ab Spätsommer möglicherweise eine rechtsextreme Beteiligung an der Landesregierung fürchten müssen.

Werden die Union und die Linke vielleicht zusammen regieren?

Über die politische Situation wird aus einer Berliner Perspektive sehr viel diskutiert. Unter welchen Umständen kann es dazu kommen, dass an der vor allem in Sachsen-Anhalt besonders radikalen und korruptionsanfälligen AfD vorbei noch eine Regierung gebildet werden kann? Müssen und werden die Fraktionen von Union und Linke vielleicht zusammen regieren? Was bedeutet das für die Situation in der Bundesregierung und schadet diese Zuspitzung auch den kleinen Parteien von Bündnis 90/Die Grünen und SPD beim Kampf um die 5-Prozent-Hürde?

Spannende Fragen. Was dabei aber nicht untergehen darf, sind die vielen Menschen in Sachsen-Anhalt. Für sie sind das keine abstrakten politiktheoretischen Gedankenspiele, sondern handfeste existenzielle Fragen.

Doch das bedeutet keineswegs Aufgeben. Nehmen wir etwa LAMSA, das Landesnetzwerk Migrantenorganisation Sachsen-Anhalt. Für gut 120 MSOs und Einzelpersonen in ganz Sachsen-Anhalt sind die beiden Geschäftsführer:innen Mamad Mohamad und Mika Kaiyama verantwortlich. Durch ihr breites Netzwerk sind sie in allen Regionen und nicht nur in den beiden Großstädten Halle und Magdeburg verankert.

Sie haben zu den letzten Landtagswahlen Kampagnen umgesetzt, um auf die Nicht-Repräsentation von zugewanderten Personen in Kommunalparlamenten aufmerksam zu machen. Und sie haben sich immer wieder mit dem problematischen Fachkräftemangel Sachsen-Anhalts, vor allem im medizinischen und pflegenden Bereich, auseinandergesetzt, der gerade durch zugewanderte Personen gelöst wird.

Taschenalarme für Betroffene

Nach dem rechtsmotivierten und islamfeindlichen Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg haben sie an ihre Mitglieder Taschenalarme verteilt, weil es im Nachgang zum Anschlag zu rassistischen Übergriffen kam. Die personelle und finanzielle Situation der Migrant:innenorganisation in Sachsen-Anhalt ist durch die aktuelle politische Lage bedroht und sie wird sich nach den Landtagswahlen nicht verbessern. Aufgeben kommt für LAMSA bisher nicht in Frage.

Ein weiteres Beispiel ist die Freiraumgalerie in Halle. Das Künstler:innenkollektiv arbeitet über den Dächern der Neustadt an Kunst im öffentlichen Raum, meist große Wandmalereien an sozialistischen Neubauten, die den Stadtteil Halle prägen. Ein bekanntes Werk befindet sich im Chemnitzer Stadtteil Fritz-Heckert-Gebiet, wo die drei bekanntesten NSU-Rechtserrorist:innen lebten.

Das Wandbild zeigt in Absprache mit den Familien persönliche Gegenstände der ermordeten Personen als Mahnmal. Doch die Freiraumgalerie ermöglicht auch Selbstwirksamkeit, indem sie Treffen mit der Nachbarschaft organisiert und Spiele entwickelt, mit deren Hilfe junge Menschen ihre eigene Nachbarschaft entdecken können. Die Freiraumgalerie veranstaltet große Blockpartys, um generationsübergreifende Community-Arbeit zu fördern.

In meiner Forschung stoße ich immer wieder auf niedrigschwellige Begegnungsorte, vielseitige Kultur und selbstorganisierte Beratungsangebote in vielen Städten in Sachsen-Anhalt. Diese Initiativen bestehen oft ehrenamtlich, sind abhängig von Spenden und chronisch unterfinanziert.

Eine neue Erzählung finden

Öffentliche Gelder werden im vorauseilenden Gehorsam durch die Landesregierung knapper, und das potenzstarke Mäzenatentum ist in dem ökonomisch eher schwachen Bundesland für viele kleine Orte keine Quelle der finanziellen Unterstützung. Trotzdem bestehen diese Initiativen gerade deswegen weiter. Die Perspektive Ost hat einige dieser Initiativen in einem Film porträtiert, der im Hallenser Puschkino gezeigt wurde. Das Kino war voll, die Menschen wollen wissen, was los ist. Auch hier gilt: Aufgeben gilt nicht.

Als letztes Beispiel: Der Oberbürgermeister von Merseburg, Sebastian Müller-Bahr. Er ist zwar Mitglied der CDU, trat aber als Einzelbewerber an und gestaltet seit 2022 aktiv seine Stadt. Merseburg, die Arbeiter-, Hochschul- und Domstadt, hat seit 1990 fast die Hälfte ihrer Einwohner:innen verloren und eine neue Identität gesucht. Müller-Bahr fördert den Aufbau der Infrastruktur, gute Schulen, aktive Jugendclubs und ein Kino.

Ihm ist es wichtig, eine neue Erzählung zu finden und vor Ort sichtbar zu sein. Als ich mit ihm durch Merseburg-Süd fahre, sehe ich einen Stadtteil, der medial als prekär und dreckig beschrieben wird, und habe aber einen ganz anderen Eindruck: aufgeräumt, ruhig, viele Kids auf den Straßen – ein großer Teil mit familiärer Migrationsgeschichte.

Plakate auf Türkisch, Französisch und Deutsch

Hier kann sich bei allen Herausforderungen auch die Zukunft Ostdeutschlands zeigen. Die Kinder grüßen ihn mit leuchtenden Augen. Sie kennen ihren Oberbürgermeister, weil er sichtbar ist, und zusammen mit dem Imam auf großen Plakaten auf Türkisch, Französisch und Deutsch für eine saubere Nachbarschaft wirbt.

Sachsen-Anhalt ist nicht so, wie es sich die Rechtsextremen vorstellen. Schon jetzt ist Sachsen-Anhalt ein Land voller Kultur, Engagement und einer vielfältigen Gesellschaft. Es besteht aber die Gefahr, dass auch progressiv eingestellte Menschen aus Berlin und ost- und westdeutschen Großstädten einen falschen Eindruck von Sachsen-Anhalt bekommen, wenn sie nie dort sind.

Die Menschen hier gestalten ihr Lebensumfeld, sie trotzen in ihrem lokalen Umfeld den Negativerzählungen. Dies darf in der Diskussion über den Rechtsruck und Koalitionsmutmaßungen nicht unsichtbar werden. Die guten Geschichten aus Sachsen-Anhalt zu erzählen, heißt nicht, die Augen vor dem schleichenden autoritären Turn zu verschließen, aber es ist notwendig: Aufgeben der Demokratie ist keine Option.

Daniel Kubiak, Jahrgang 1982, ist Sozialwissenschaftler am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Kubiak ist in Berlin geboren und aufgewachsen und lebt seit neun Jahren im ländlichen Raum in Brandenburg. Er forscht als Sozialwissenschaftler zu Nachwende-Identität, ostdeutscher Migrationsgesellschaft und Erinnerungspolitik. Außerdem ist er Co-Host der Podcasts Berlin.Ost.Migrantisch und Musi*Sociology.

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