Das Vorgehen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellt die Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle auf eine Weise in Frage, die dem Festival und der gesamten deutschen Filmbranche großen Schaden zuzufügen droht
Tricia Tuttle hat Vielfalt und Meinungsfreiheit verteidigt, darunter auch das Recht auf Zurückhaltung
Foto: Ralf Hirschberger/AFP/Getty Images
Es hätte so schön sein können: Nach 22 Jahren gewinnt zum ersten Mal wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären auf der Berlinale. In anderen Jahren wäre der/die aktuelle Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Anschluss damit beschäftigt gewesen, diesen Erfolg für sich zu reklamieren, den Stolz aufs nationale Kino zu pflegen und die Berlinale als das beste Festival der Welt zu preisen.
Wolfram Weimer dagegen hat binnen weniger Tage nicht nur den Erfolg vergessen lassen, er hat dem Internationalen Filmfestival Berlin den wohl größten Schaden seines 76-jährigen Bestehens zugefügt und im Grunde den deutschen Kulturbetrieb mit seinem nie reibungsfreien, aber deshalb auch produktiven Zusammenspiel aus Meinungsfreiheit und öffentlicher Hand regelrecht in Verruf gebracht.
Zwar ist der Stand zuletzt der, dass Tricia Tuttle im Amt bleibt. Doch die letzten Tage mit ihrer sich immer weiter skandalisierenden Debatte darum, wie mit den propalästinensischen Äußerungen eines Preisträgers umzugehen sei, haben ihr den Job noch schwerer gemacht, als er während des Festivals mit seinen Streitereien um Statements und Bekenntniszwang ohnehin war.
Vielleicht sollten vollendete Tatsachen geschaffen werden
Als in den vergangenen Tagen kolportiert wurde – vielleicht sollten Tatsachen geschaffen werden? –, dass Weimer Tuttle entlassen wollte, kam es zum Glück zu sofortigen Solidaritätserklärungen von allen Seiten der Filmbranche. Einen offenen Brief zu Tuttles Unterstützung unterschrieb (mit 700 anderen) nun sogar Tilda Swinton, die in der Woche zuvor noch einen kritischen Brief ans Festival unterzeichnet hatte, in dem der Berlinale Zensur gegen propalästinensische Stimmen vorgeworfen wurde.
Tuttle hatte während des Festivals diesem und anderen Angriffen souverän und doch mit Feingefühl die Stirn geboten; sie hat Vielfalt und Meinungsfreiheit verteidigt, darunter auch das Recht auf Zurückhaltung. Auch nur für Tage das Gerücht wachsen zu lassen, dass man sie dafür abberufen wolle, erscheint in jeder Hinsicht takt- und instinktlos.
Entscheidung zunächst vertagt
Ein Filmfestival wie die Berlinale muss Statements wie das des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung aushalten können. Dass zuletzt mit einem Foto argumentiert wurde, das Tuttle von Alkhatibs Filmteam umringt zeigt, hat Kampagnencharakter. Auch wenn einige Crewmitglieder darin demonstrativ Kufiya tragen, handelt es sich doch um eine Aufnahme, wie sie zur Routine für Tuttle in ihrer Rolle als Gastgeberin gehört. Zurecht wird die Frage gestellt, wer denn den Job der Berlinaleleitung überhaupt noch annehmen wollte, wenn man für sämtliche politischen Nuancen der eingeladenen Gäste verantwortlich gemacht wird.
Dass Weimer die Entscheidung über Tuttle zunächst vertagt hat, statt ihr den Rücken zu stärken, macht ein bisschen fassungslos. „Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, hieß es aus dem Amt des Kulturstaatsministers am Donnerstag.
Wie stellt man sich dort eigentlich vor, was nach einer Entlassung mit der Berlinale passieren würde? Zwar ist die Filmbranche ein legendär, sagen wir: geschmeidiges Milieu, in dem das Kompromisse-Eingehen mit Geldgebern verschiedenster Ausrichtung quasi zum Beruf gehört, aber man kann die Boykott-Aufrufe fast schon am Horizont heraufziehen hören.
Wenn es noch irgendwo in der Debatte um Filme ginge, könnte man es Ironie nennen, dass Ilker Çataks mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Gelbe Briefe ja genau von solchen schwierigen Anpassungsfragen unter sich verschärfenden politischen Umständen erzählt. Çatak selbst war allerdings einer der ersten, die laut werden ließen, dass er nie mehr mit einem Film zur Berlinale kommen würde, wenn man Tuttle jetzt entließe.