Die Reaktion überrascht auch deshalb, da wir mittlerweile so viel gewöhnt sind. Weil es doch nichts Neues mehr sein sollte. Schließlich hat MeToo die britische Künstlerin Tracey Emin längst eingeholt. Seit zehn Jahren wird weibliches Leid ständig im öffentlichen Raum gezeigt. Frauenfeindlichkeit, Missbrauch, Scham, Vergewaltigung, Mikro- und Makroaggressionen gehören zur täglichen Berichterstattung, werden dargestellt und angeprangert.
Warum dann diese viszerale Reaktion? Die große Retrospektive von Emin in der Tate Modern mit dem Titel „Second Life“ reißt einen förmlich auseinander. Schon im Museum muss man sich als Frau mehrfach Tränen wegwischen, und draußen an der frischen Luft, am Südufer der Themse, kommt es dann zu lösenden Schluchzern, während sich nicht nur die Passanten fragen: Was hat sie denn? Man könnte meinen, es läge an der Autorin und ihrer individuellen Tagesform. Es würde hier auch nicht erwähnt, wenn es eine Einzelbeobachtung wäre. Doch auch die Kritikerin des „Guardian“ schreibt, dass sie die Ausstellung als „weinendes Wrack“ verlassen und seit Jahren nicht mehr so viel empfunden habe. Die „Times“ warnt, dass in der Schau „Narben wieder wehtun“.
Tracey Emins Kunst bewegt die Menschen seit Jahrzehnten
Dieses tiefe Mitgefühl des Publikums ist besonders in England erstaunlich, wo Tracey Emin seit Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgt. In den Neunzigerjahren gehörte die Künstlerin zu den sogenannten Young British Artists, den YBAs, die vom abgerockten Londoner East End aus die internationale Kunstwelt aufmischten. Ihr Anführer war Damien Hirst, und ihre Kunst diente keinen hochgeistigen Konzepten, sondern der Produktion von Aufmerksamkeit.
Darin waren sie so erfolgreich, dass ihre Kunst regelmäßig fuchsteufelswilde Kritiken in den Boulevardzeitungen produzierte: Das Spiel der YBAs mit Sex, Perversion, Tod und Entsetzen war so unerhört, dass zeitgenössische Kunst plötzlich landesweit diskutiert wurde: „Vom Adeligen bis zum Bettler, vom Taxifahrer bis zur Hausfrau in der Provinz – alle hatten eine Meinung“, schwärmt der Kunstkritiker Mark Hudson über diese Blütezeit. Kaum ein Werk wurde damals leidenschaftlicher zerrissen als Tracey Emins Installation „My Bed“, die 1999 für den Turner Prize nominiert war: Ihr ungemachtes, von Körperflüssigkeiten beflecktes Bett, umgeben von leeren Wodkaflaschen, vollen Aschenbechern, Tampons, Antidepressiva und anderem Müll. Als die Künstlerin sturzbesoffen aus einer Talkshow torkelte, galt sie endgültig als „It-Girl“ der YBAs, als enthemmte Partyqueen, die den Exzess und die Provokation auf die Spitze trieb, nie zu schlafen schien und auf jeder Feier der Londoner Avantgarde zu finden war.
In diesem sensationslüsternen Lärm ging Emins Werk fast unter. Ihr vermeintlicher Narzissmus, ihr Exhibitionismus, die Schamlosigkeit und sexuelle Inkontinenz wurden je nach Sichtweise entweder als schillernde oder als verkomme Oberfläche wahrgenommen – und nicht als die in Wahrheit treibende Kraft ihrer Kunst.
Doch davon ließ sie sich nicht beirren. Sie machte weiter damit, ihr Inneres mithilfe immer neuer Medien nach außen zu kehren. Sie schuf Installationen, Filme, Texte, Textilarbeiten, Skulpturen und Gemälde, um ihr Leid und ihre Lust darzustellen, die Armut, ihre schlechten Zähne, ihre Abtreibungen und die erlittene Gewalt. Als sie vor sechs Jahren operiert werden musste, nachdem Blasenkrebs diagnostiziert worden war, lotete sie den neuen Schmerz genauso schonungslos aus wie die anderen.
Die Prognose der Ärzte zu ihrer Lebenszeit hat sie schon überschritten
Die monumentale Schau in der Tate Modern bringt nun alles zusammen. Retrospektive kann sie nicht mehr genannt werden, weil Emin schon ihre erste Schau als junge Frau mit typischem Übermut mit „Meine große Retrospektive“ betitelt hatte. Das Motto „Zweites Leben“ spielt auf die Tatsache an, dass die Prognose der Ärzte, wie lange sie noch leben und arbeiten kann, lange schon überschritten ist.
Ihre Selbstzeugnisse in dieser geballten Form könnten langweilen. Schließlich handeln praktisch alle Ausstellungsstücke von Tracey Emin und zeigen Tracey Emin. Doch vielleicht ist es ausgerechnet diese Vielzahl, die offenbart, dass ihr Schaffen weit über die eigene Person hinausgeht. Was Emin ihr Leben lang bearbeitet hat, ist nicht sie selbst, sondern das Menschsein und Frausein an sich.
Und dabei ist sie mit so viel Witz, Humor und Selbstironie zu Werk gegangen, dass man genauso viel lachen wie weinen muss und dabei früher oder später merkt, was fehlt: Tracey Emin kennt kein Selbstmitleid. Sie scheint nie die Rolle des Opfers zu suchen, sondern begegnet dem Leben, das ihr teilweise so brutal widerfahren ist, mit aufmüpfigem Trotz, mit Stolz und dem Willen, Kunst daraus zu machen und das letzte Wort zu haben. Auch deshalb wirkt ihre endlose Nabelschau nicht beschränkt und ermüdend, sondern lebensbejahend. Emin macht Mut, weil sie große Angst hat und das furchtlos zeigt. Sie gibt Kraft, weil sie so viel Zärtlichkeit wagt. Und sie schenkt Trost, weil sie dabei fröhlich lacht und ihr schiefes Gebiss zeigt.
Tracey Emin. A Second Life. Tate Modern, London; bis 31. August. Der Katalog kostet 30 Pfund.
Source: faz.net