Die Favelas von Rio de Janeiro haben den Ruf, Orte von Armut und Gewalt zu sein. Doch gerade dorthin zieht es mittlerweile viele Touristen. Ein Grund: personalisierte Drohnenvideos über den Dächern der brasilianischen Metropole.
Für viele Besucher von Rio de Janeiro steht es mittlerweile auf der Bucketlist: ein personalisierte Drohnenvideo aus einer Favela. Unter dem Titel „Tür zum Himmel“ war es viral gegangen.
Die Dramaturgie geht so: Eine Tür öffnet sich, dann stehen die Protagonisten auf dem Dach eines Hauses der Favela Rocinha, in der Mitte ein Stuhl. Kaum hingesetzt, fliegt die Drohne los, das Bild weitet sich, atemberaubendes Panorama rund um den dicht besiedelten Hügel zwischen der berühmten Christus-Statue, der Lagune, Stränden und Meer.
„Wir wollen die schönen Seiten unserer Favela zeigen. Man verbindet unser Viertel sonst immer mit Gewalt. Wir zeigen die 99,9 Prozent der Menschen hier, die für positive Werte stehen“, sagt Renan Monteiro. Der Touristenführer hat den Spot bekannt gemacht, der immer mehr Touristen in Rios größte Favela bringt.
Touristenführer Pedro Lucas hat das Video „Tür zum Himmel“ bekannt gemacht.
„Man ist immer unter Einheimischen“
Manche Besucher nehmen Wartezeiten von zwei Stunden auf sich, um in der Favela – also einem der Armenviertel am Rande der brasilianischen Metropole – gefilmt zu werden, für umgerechnet rund 25 Euro.
Jacenia Mendoza, eine Touristin aus Ecuador, sagt: „Ich wollte genau dieses Gefühl, durch die Tür zu schreiten. Es ist wirklich schön. Das hat sich gelohnt. Ein Vergnügen.“ Ein Tourist aus Costa Rica namens Gabriel Lai betont: „Es gibt die Vorstellung, dass es gefährlich ist, aber das stimmt nicht. Man ist immer unter Einheimischen, und sogar die Polizei passt auf einen auf.“
Romantisierung von Armut und Gewalt?
Die Tour beginnt am Fuße des 70.000-Einwohner-Viertels, geht hinauf durch ein Labyrinth aus ineinander verschachtelten Ziegelhäusern, verknoteten Stromleitungen und engen Gassen, in denen auch Gangs mit Drogen handeln.
Es ist einer der Gründe, weshalb es in den sozialen Medien auch Kritik an Renan Monteiros Touren hagelt. Dutzende Kommentare werfen den Besuchern vor, Armut und Kriminalität zu romantisieren.
Das Viertel Rocinha in Rio de Janeiro. Mehr als 300 Menschen beschäftigt Renan Monteiro in der Favela.
Doch das sei nicht der Fall, argumentiert Monteiro: „Wir arbeiten hier mit Würde. Dutzende Menschen sind an dieser Arbeit beteiligt. Jeder möchte vorankommen und vielleicht auch eines Tages mal hier wegkommen. Der Tourismus weitet den Horizont der Bewohner hier.“
Ein Problem sieht Monteiro vielmehr dann, wenn die Favela nur zur Kulisse für reißerische Inhalte wird. Er ist selbst in der Rocinha aufgewachsen und erinnert sich noch an den sogenannten Safari-Tourismus, als Ausländer in offenen Jeeps durch die Rocinha kutschiert wurden.
„Gut, wenn mehr Menschen die Chance hätten“
Monteiro dagegen arbeitet mit den Menschen im Viertel, die Touren führen durch lokale Kunstgalerien und Geschäfte, es gibt Capoeira-Vorführungen. Und wenn die andere Realität einbricht, es etwa einen Polizeieinsatz gibt, dann wird die Tour sofort abgesagt.
300 lokale Führer beschäftigt Monteiro, dazu kommen die Terrassenbesitzer und zehn Jugendliche, die zu Drohnenpiloten ausgebildet wurden. Einer von ihnen ist der 19-jährige Pedro Lucas. „Ich bin seit einem Jahr dabei, filme hier von neun bis fünf oder sechs Uhr“, sagt Lucas.
„Das hat mein Leben sehr verändert, denn es ist mein erster Job und dazu eine tolle Arbeit. Ich verdiene gut, und es wäre gut, wenn mehr Menschen aus der Favela die gleiche Chance hätten“, so Lucas.
Touristenboom und Drohnenvideo-Boom
Rio de Janeiro ist angesagt, die Stadt erlebt einen Boom: 2,2 Millionen Touristen besuchten 2025 die Stadt – ein Rekord. Und neben Zuckerhut und Christus-Statue mausert sich die „Himmelstür“ zum heimlichen Touristenmagneten.
Allein im Februar hat Monteiros Agentur Na Favela Turismo mehr als 40.000 Neugierige durch die Rocinha geführt. Auch deswegen findet das Konzept immer mehr Nachahmer – nicht nur in den Nachbar-Favelas.
Unter dem Hashtag „#FavelaDrone“ finden sich inzwischen ähnliche Drohnenvideos aus Andendörfern in Argentinien, von den Iguazú-Wasserfällen auf der brasilianisch-argentinischen Grenze oder aus der Atacama-Wüste in Chile.
Source: tagesschau.de