Tomtom: Der Pionier des Navigationsgerätes geht

Er ist einer der Pioniere des Navigationsgeräts: Harold Goddijn – Mitgründer, Vorstandsvorsitzender und Großaktionär des Unternehmens Tomtom. Sogar die niederländische Sprache hat er mitbeeinflusst, denn „Tomtom“ ist zum Gattungsbegriff jenseits des einzelnen Herstellers geworden. Wer seinen Beifahrer oder Fahrradpartner also beim Studieren des Navigationsgeräts sieht, fragt: „Was sagt Dein Tomtom?“ – ähnlich wie Schnupfengeplagte hierzulande nach einem „Tempo“ fragen, wenn es in Wirklichkeit um irgendein Taschentuch geht.

Mit seinen tragbaren Geräten – früher im Auto oft per Saugnapf an der Windschutzscheibe angebracht – wurde das Unternehmen bekannt. Anfang des Jahrtausends blühte es für einige Jahre, aber schnell wurden die Geräte vom Luxus- zum Massengut, und die Preise rutschten. Dann kam auch noch das Smartphone. Seit die Leute das Internet jederzeit in der Hosentasche greifbar haben, lassen sie sich mit Gratisdiensten den Weg weisen – eine Schwierigkeit für die gesamte Navi-Branche. In Deutschland kippte der Trend spätestens 2016, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) ermittelte. Damals begann der Anteil der Haushalte zu sinken, die ein Navigationsgerät besitzen.

Nach florierenden Jahren ein langer Abschwung

Andere Produkte rund um die Wegfindung stehen längst im Vordergrund bei Tomtom. Dennoch ist dem Aufschwung der Nuller Jahre ein lang anhaltender Niedergang gefolgt. Die Aktie kostete in den guten Jahren zwischen 20 und 30 Euro, in der Spitze kurze Zeit auch mehr als 50 Euro, und stürzte dann im Kurs tief ab. Seit 2008 notiert sie fast immer einstellig, am Donnerstag bei etwas mehr als fünf Euro. Goddijn hielt sich über all die Jahre dennoch. Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze des Unternehmens tritt der 65 Jahre alte Manager nun ab: Am Tag der Hauptversammlung am 16. April will er abtreten und in den Aufsichtsrat wechseln, wie Tomtom am Donnerstag mitteilte.

Das ist mit einem größeren Revirement verbunden, denn neben Goddijn scheiden zwei weitere prägende Führungskräfte aus: zum einen seine Frau, die Ko-Gründerin Corinne Vigreux, die im erweiterten Vorstand als Marketingchefin arbeitet. Zum anderen Vorstandsmitglied Alain De Taeye, der 2008 ins Unternehmen kam, als Tomtom den von ihm geführten Kartenhersteller Tele Atlas übernahm.

Nachfolger Goddijns an der Spitze wird der Belgier Mike Schoofs, der momentan im erweiterten Vorstand als „Chief Revenue Officer“ arbeitet, als oberster Umsatzverantwortlicher. Er wird den Umbruch fortsetzen, an dem sich Tomtom seit der Disruption durch das Smartphone versucht – und vielleicht auch das Ende des klassischen Navis im Produktportefeuille einleiten. Irgendwann nämlich wird Tomtom den Verkauf einstellen und sich auf Navigationssoftware für Autos und andere Anwendungen beschränken – auf das, was es „Location Technology“ nennt. Das hatte Goddijn vor zwei Jahren im Gespräch mit der F.A.Z. prognostiziert. „Mittelfristig werden wir uns vollständig auf Location Technology konzentrieren“, sagte er damals.

Das klassische Navi sei „eine Aktivität, die seit Jahren am Schrumpfen ist, und wir erwarten auch nicht, dass wir das noch einmal drehen können“. Wenn es keinen positiven Beitrag mehr beisteuere, „werden wir schon unsere Schlussfolgerungen ziehen“. Wann, ließ er offen – ebenso, wie sich der Rückzug aus dem Markt gestalten wird: ob über die Einstellung der Produktion oder den Verkauf der Sparte.

Die Sparte „Consumer“, welche die mobilen Geräte umfasst, schrumpft immer weiter. Die klassischen Navis steuern inzwischen weniger als ein Zehntel zu den Konzernerlösen bei. Statt dessen hat sich das Amsterdamer Unternehmen beinahe ganz zum Anbieter von Software und Daten gewandelt: Es verkauft zum Beispiel Autoherstellern Lizenzen, mit denen sie in ihren Systemen Tomtoms digitale Karten verwenden. Der Gesamtumsatz sank im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 555 Millionen Euro, unterm Strich blieb wiederum ein Verlust, wie stets seit dem Jahr 2020. In seiner Blütezeit hatte Tomtom 2007 gut 1,7 Milliarden Euro Umsatz erzielt und 374 Millionen Euro Nettogewinn.

AlainAutosDeutschlandDigitaleDreiEndeEuroFFührungskräfteHaroldHaushalteInternetKartenLangLangerLuxusManagerPreiseProduktionSoftwareSpracheSteuernTAGUnternehmenVorstandWillZZeit