„Tödlicher Himalaya“ im Rahmen Das Erste: Aufstieg in die Todeszone

Die ersten Bilder setzen den Rahmen. Sie zeigen keine Siegergesten auf dem bezwungenen Gipfel, es erklingt keine anschwellende Musik beim Aufstieg in die Todeszone. Sie zeigen die Höhe als Kampf, als Belastung. Oberhalb von 8000 Metern ist der Körper nicht mehr Werkzeug des Willens, sondern dessen Gegner.

Die dreiteilige ARD-Dokumentation „Tödlicher Himalaya“ macht aus dem Extrembergsteigen keine Heldentat. Sie erzählt von Freundschaft, von Ehrgeiz, der an Egoismus grenzt, und von der Frage, was bleibt, wenn der Berg nicht nachgibt. Im Zentrum stehen Benedikt Böhm und Sebastian Haag, zwei Münchner Speed-Bergsteiger, die ihre Expeditionen radikal verkürzten: mit minimalem Material, ohne zusätzlichen Sauerstoff, Aufstieg und Skiabfahrt möglichst in einem Zug.

Eine Seilschaft als Kräftegleichgewicht

Alles beginnt am Ende. Die Kamera begleitet Böhm im Jahr 2025. Er kehrt allein an den Muztagh Ata in China zurück, jenen Berg, an dem für ihn und seinen Seilpartner Haag 20 Jahre zuvor die Bergsteigerkarriere begann. Böhm ist inzwischen nicht mehr auf Rekordjagd. Er geht langsam, spricht bedächtig, schaut öfter zurück als nach vorn. Zu sehen ist ein Mann, der weiß, was er auf Expeditionen zurücklässt: Frau und Kinder. Und der daran denkt, was der Berg ihm genommen hat: seinen besten Freund.

Von dort springt die Dokumentation zu den Anfängen zurück. Böhm und Haag sind jung, ehrgeizig, eingespielt. Am Muztagh Ata setzen sie 2005 mit Aufstieg, Abfahrt und Rückkehr ins Basislager in zehn Stunden und 41 Minuten eine Rekordmarke. Sie klettern auf Geschwindigkeit, mit knappen Reserven und wenig Spielraum für Fehler.

Die beiden werden als Kräftegleichgewicht gezeigt: Böhm ist der Antreiber, der die Linie sucht und das Ziel fixiert; Haag der Ruhigere, Analytischere, konzentriert auf Gelände, Verhältnisse, Ablauf. Das Vertrauen zwischen ihnen erscheint nicht als großes Gefühl, sondern als Arbeitsgrundlage. Am besten ist die Dokumentation dort, wo sie falsche Erhabenheit vermeidet. Sie interessiert sich nicht nur für Gipfel, sondern für Umkehr, Erschöpfung und die Verstimmungen, die zwischen den Freunden entstehen.

Nur einer überlebt die Lawine

2006 stirbt Haags Bruder bei einem Unfall in Chamonix. Der Verlust wird nicht zur psychologischen Schlüsselszene überhöht, markiert aber einen Einschnitt. Von da an ist das Risiko keine abstrakte Größe mehr. Wenn Haag und Böhm am Manaslu und am Broad Peak, beide über 8000 Meter hoch, unterwegs sind, wirken Schneesturm, Kälte und Erschöpfung nicht mehr wie Prüfungen, sondern wie schleichender Kontrollverlust. Bei Haag siegt die Vernunft: umkehren, auch wenn es sich wie eine Niederlage anfühlt — erst recht gegenüber Böhm, der noch Reserven hat. Es kommt zum Bruch, und Böhm kehrt 2010 allein an den Broad Peak zurück. Sein Gipfelsturm wirkt weniger wie Emanzipation als wie Verbissenheit.

Extrembergsteiger Benedikt Böhm bei der Besteigung des Mustagh Ata in China.SWR

So erzählt „Tödlicher Himalaya“ das Bergsteigen anders als viele vergleichbare Filme. Die Helmaufnahmen dienen nicht bloß der Anschauung. Sie zeigen, wie sehr mediale Verwertbarkeit und Erfolgsdruck Teil des Extremsports geworden sind. Ein Bergsteigerfreund Böhms sagt den entscheidenden Satz: „Ins Fernsehen kommt, wer tot ist oder neue Höchstleistungen erbringt.“

Die Katastrophe folgt 2014 am Shishapangma, als Haag und Böhm wieder gemeinsam unterwegs sind. Eine Lawine reißt Haag in den Tod, Böhm überlebt. Hier ist „Tödlicher Himalaya“ inszenatorisch am stärksten, weil das Unglück für den Zuschauer so unbegreiflich bleibt, wie es für die Beteiligten gewesen sein muss. Böhm schildert seine Erinnerung; ein anderer Bergsteiger erinnert sich anders und übt Kritik an Böhms medialen Auftritten danach. An diesem Punkt wird deutlich, dass Bilder nicht notwendig Klarheit schaffen. Es gibt Material, aber keine Eindeutigkeit, Zeugenschaft, aber keine letzte Verfügung über die Wahrheit.

Wieder kein Gipfel, wieder kein Abschluss

Gerade daraus gewinnt die Dokumentation etwas, das vielen Filmen über Extremsport fehlt: Reibung. Sie will ihren Protagonisten weder vorführen noch schonen. Sie interessiert sich für Schuld nicht im strafrechtlichen, sondern im existentiellen Sinn: Was bleibt von einer Entscheidung, wenn man selbst überlebt und andere nicht zurückkehren?

Die Gegenwart am Muztagh Ata im Jahr 2025 führt diese Fragen nicht zu einer beruhigenden Antwort. Böhm trifft auf Müll, verlassene Zelte, auf einen Berg, der nicht mehr wie jene saubere Projektionsfläche aussieht, als die ihn der Alpinismus so gern behandelt. Dann wird der Muztagh Ata plötzlich gesperrt; wieder kein Gipfel, wieder kein Abschluss. „Tödlicher Himalaya“ ist klug genug, daraus kein Symbol zu machen.

Der Film lässt die Nüchternheit dieses Endes stehen: Ein Mann kehrt an den Ort früher Triumphe zurück — und findet dort weder Abschluss noch Trost. „Am meisten vermisse ich einen Seilpartner“, sagt Böhm schließlich. Nach allen Rekorden, nach allen Aufnahmen aus Eisflanken und Zeltnächten, nach der Lawine, den Widersprüchen und dem langen Nachhall des Unglücks bleibt vor allem das: eine Leerstelle.

Tödlicher Himalaya läuft am Montag um 23.35 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Source: faz.net