„Tiraden an Beleidigungen“ – Wie Trump nicht amtlich gegen die Nato wütet

Donald Trump macht seit Tagen seinem Ärger über die Europäer Luft, weil sie ihm nicht im Iran-Krieg geholfen hätten. Nato-Chef Mark Rutte reist nach Washington, um die Wogen zu glätten. Gleich mehrmals wird deutlich, wie tief der Frust beim US-Präsidenten sitzt – mit ungewissen Folgen.

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Für Mark Rutte lagen Himmel und Hölle bei seinem Besuch in Washington in dieser Woche geografisch nahe beieinander. Nur wenige Meter sind es zwischen dem Weißen Haus und dem Ronald Reagan Institute – doch Ruttes Erlebnisse in beiden Gebäuden konnten sich nicht stärker voneinander unterscheiden. „Wir sind hier unter Freunden“, bemerkte der Nato-Generalsekretär erleichtert gleich zu Beginn seiner Rede im Reagan Institute und zitiert den 40. US-Präsidenten: „‚Wenn Frieden eine Chance haben soll, wenn die Hoffnung auf Freiheit am Leben gehalten werden soll, muss die USA eine mächtige und aktive Rolle in der Welt spielen.‘“

Rutte war zu einem mehrtägigen Besuch in die amerikanische Hauptstadt aufgebrochen, weil der unter Reagan gelebte Grundsatz, dass ein starkes Amerika nur im Verbund mit seinen europäischen Freunden erfolgreich sein kann, auf der anderen Straßenseite in Vergessenheit zu geraten scheint. Am Mittwoch traf der Niederländer dort im Weißen Haus auf Donald Trump. Schon vor dem Krisentreffen deutete dessen Sprecherin Karoline Leavitt an, dass Ruttes Besuch unangenehm werden würde. Der US-Präsident werde die Möglichkeit eines amerikanischen Rückzugs aus der Nato thematisieren, sagte sie. Für Rutte und die Allianz ging es um alles.

Noch vor einem Jahr sah die Welt ganz anders aus. Nach Trumps Wahlsieg 2024 läuteten in den europäischen Hauptstädten alle Alarmglocken, denn überall war klar, dass der wiedergewählte US-Präsident die Forderung aus seiner ersten Amtszeit nach gerechterer Lastenverteilung dieses Mal umso energischer erheben würde. Also beschloss man, mehr Geld für Verteidigung auszugeben; Deutschland nahm dafür ein riesiges Paket Sonderschulden auf.

Beim Nato-Gipfel in Den Haag im Juni vergangenen Jahres unterbreitete man Trump dann ein Angebot: die Verpflichtung auf Rüstungsausgaben in Höhe von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Präsident schlug ein, stellte im Gegenzug das Bündnis nicht infrage und der Gipfel wurde zum vollen Erfolg. Trump wurde von Rutte als „Daddy“ der Allianz gefeiert, ein Titel, den der US-Präsident stolz annahm. Das Weiße Haus veröffentlichte eine Videomontage von Trump in Den Haag und hinterlegte sie mit Ushers Song „Hey Daddy“ mit dem Refrain „Daddy’s Home“.

Mittlerweile ist das Video auf den Seiten des Weißen Hauses nicht mehr zu finden. Usher, ein Unterstützer der Demokraten, hat Urheberrechtsverletzungen geltend gemacht. Doch der Daddy-Spirit ist auch ohnehin verflogen. Seit dem Iran-Krieg ist die gute Stimmung in der Allianz dahin. Mitte März forderte Trump die Verbündeten erstmals dazu auf, Hilfe bei der Öffnung der Straße von Hormus zu leisten. Dass Teheran die Meerenge nach einem für das Mullah-Regime existenzbedrohenden Angriff schließen würde, um über die Weltwirtschaft Druck auf die USA auszuüben, hat man in Washington offenbar nicht in Erwägung gezogen.

In Europa löste das Hilfegesuch eine Welle der Distanzierungen aus. Bundeskanzler Friedrich Merz legte dafür eine 180-Grad-Wende hin. Sagte er Anfang März noch zu Trump, dass er sich beim Thema Iran mit ihm „auf einer Linie“ befinde, stellte er nach der Aufforderung, in der Straße von Hormus aktiv zu werden, fest, dass der Krieg „keine Angelegenheit der Nato“ sei. Es war aber nicht nur Deutschland, das Trump abblitzen ließ. Spanien und Italien verweigerten dem US-Militär sogar die Nutzung ihrer eigenen Basen im Land im Zuge des Kriegs, und Frankreich verbot teilweise Überflüge von Militärflugzeugen.

Die jeweiligen Staats- und Regierungschefs waren getrieben von der heimischen Stimmung. Trumps Krieg war nirgendwo in Europa populär. Ganze 90 Prozent der Deutschen stimmten Merz in seiner Ablehnung einer Beteiligung am Krieg zu, ergab eine Umfrage von „Stern“ und RTL. Mit seinem innenpolitisch erfolgreichen Kurswechsel stießen Berlin und die anderen Europäer Washington jedoch vor den Kopf.

„Die Nato hat jetzt einen Makel, der nie wieder weggehen wird“, sagte Trump am Montag. Zuvor drohte er in Zeitungsinterviews, dass er einen Rückzug aus der Allianz in Erwägung ziehe. Seine Sprecherin ließ am Mittwoch ausrichten: „Sie wurden getestet und haben versagt.“ In den europäischen Hauptstädten hielt sich die Besorgnis darüber in Grenzen. Beschwichtigungsversuche gen Weißen Hauses gab es kaum. Nur einer stieg ins Flugzeug nach Washington – Mark Rutte.

Eine vielsagende Formulierung

Sein Gespräch mit Donald Trump sei „offen und ehrlich“ gewesen, sagte der Nato-Chef am Donnerstag. Eine Sprachregelung der Diplomatie, die auf handfeste Meinungsverschiedenheiten hindeutet. Rutte beschränkte sich darauf, zu überliefern, was er Trump mitgeteilt habe: dass die Verbündeten mittlerweile alles täten, was von ihnen verlangt würde, und dass die Allianz auch für die USA von Vorteil sei.

Unklar ist, ob er damit durchdringen konnte. Selbst unter einstigen vehementen Verfechtern des Bündnisses in Washington wird genau das mittlerweile hinterfragt. „Die Nato hat uns ermöglicht, mit unseren Militärbasen Macht zu projizieren. Wenn wir nun in Situationen sind, in denen wir die Basen nicht nutzen dürfen, ist die Nato eine Einbahnstraße“, sagte Außenminister Marco Rubio. Es sei daher an der Zeit, den Nutzen der Allianz neu zu bewerten. Rubio war es, der das Gesetz im Kongress vorantrieb, das es dem US-Präsidenten verbietet, im Alleingang aus der Nato auszutreten.

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Europäische Politiker verweisen stets auf genau dieses Gesetz, wenn sie im Vertrauen zu Trumps Verbalattacken auf die Allianz befragt werden. Allerdings braucht es keinen formalen Austritt, um sie zu schwächen. Entscheidend ist, was Washington in einem Konfliktfall tun würde. Eine Tatsache, die Trump realisiert hat. „Die Nato ist ein Papiertiger“, wetterte er am Montag. „Putin hat keine Angst vor ihr, er hat Angst vor uns. Die Nato, das sind wir“, so der US-Präsident.

Führt Trumps Ärger über die Europäer dazu, dass er ihnen, wenn es darauf ankäme, ebenfalls die Hilfe verweigern würde? Eine Frage, die niemand laut zu stellen wagt. Doch sie steht nun im Raum, denn Trump zeigt sich nachtragend. Der Iran-Krieg sei nicht das erste Mal, dass er von den Verbündeten im Stich gelassen worden sei, sagte er am Montag. „Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, hat es mit Grönland angefangen“, so Trump. „Sie wollten es mir nicht geben und ich sagte ‚bye bye‘“.

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Entsprechend wütend soll Trump im Gespräch mit Rutte gewesen sein, dass es mit dem Iran-Krieg nun bereits zum zweiten Mal passiert sei, dass die Verbündeten seinen Bitten nicht nachkämen. Es soll eine „Tirade an Beleidigungen“ gegeben haben, zitiert „Politico“ einen über die Begegnung informierten europäischen Diplomaten. Schon im Vorfeld wurde neben den abermaligen Austrittsdrohungen auch über geplante Bestrafungen jener „unkooperativer“ Verbündeter berichtet. So spricht das „Wall Street Journal“ von Plänen, in entsprechenden Staaten Truppen abzuziehen.

Rutte wurde nach seinem Besuch im Weißen Haus im Interview mit CNN und auch von den Gästen in der Reagan Foundation gefragt, ob ein amerikanischer Nato-Austritt und eine Bestrafung der Verbündeten wirklich Thema waren. Mantra-artig betonte er daraufhin seine Bewunderung für Trumps Führungsstärke und gab zu Protokoll, dass er dessen „Enttäuschung spüren“ konnte. Ein Dementi hätte sich anders angehört. Auch der Frage, ob er Trump weiterhin als „Daddy“ der Nato sehe, wich er gekonnt aus. „Man macht Fehler“, sagte Rutte – meinte damit aber die Tatsache, dass er nun ständig auf dieses Zitat angesprochen werde. Inhaltlich hüllte er sich in Schweigen.

Gregor Schwung berichtet seit 2025 als außenpolitischer Korrespondent über transatlantische Beziehungen, internationale Entwicklungen und geopolitische Umbrüche mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Ukraine und die USA.

Source: welt.de

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