Timothée Chalamet kann von Richard Gere noch irgendetwas lernen

Ein flapsiger Satz über Oper und Ballett – und plötzlich verteidigt eine ganze Branche ihre Kunst auf Social Media. Timothée Chalamet kann sich nun vor Premiereneinladungen kaum retten, sollte aber vorher noch mal „Pretty Woman“ schauen.

Sie ist doch erstaunlich resilient, die alte Dame Oper. Über 400 Jahre hat sie bereits auf dem ehrwürdigen und ziemlich breiten Buckel. Die jüngere Schwester, die Kinematografie, die 1895 im Berliner Wintergarten-Varieté ihren Anfang nahm, ist da deutlich jünger – von Beginn an jedoch eine kommerzielle, auf den Massenmarkt schielende Erfolgsgeschichte. Ähnlich alt wie die Oper ist auch das Ballett, ebenfalls eine höfische Kunstform, die 1661 von König Ludwig XIV. akademisch festgezurrt wurde.

Oper und Ballett meinte nun der Filmschauspieler Timothée Chalamet ein wenig kleinmachen zu müssen. Der seit gerade einmal neun Jahren – seit „Call Me by Your Name“ – international und als „Hot Rodent Man“ bekannte Franko-Amerikaner schwärmte in einer flapsigen Diskussionsrunde mit seinem Kollegen Matthew McConaughey ein wenig post-pubertär von der Relevanz des Kinos: „Ich möchte nicht in der Oper oder im Ballett arbeiten“, so Chalamet, „wo man Dinge am Leben erhalten müsse, selbst wenn sie allen egal sind.“

Wir wollen hier gar nicht über eine der zahlreichen Krisen sprechen, in denen das Kino seit seiner Existenz immer wieder steckt – zuletzt verschärft durch die Pandemie. Der 30-Jährige, der es eigentlich besser wissen müsste – Chalamets Mutter war Broadway-Tänzerin, seine Schwester Pauline ist Schauspielerin und hat einen Tanz-Background am American Ballet Theatre –, was sicher auch Einfluss auf seine Kindheit hatte, merkte rasch, dass er sich verplappert hatte, und versuchte zu relativieren. Doch die so Angegriffenen aus der Branche reagierten prompt und witzig – via Social Media.

Oper und Ballett sind live und unwiederbringlich, aufwändige und deshalb teure Künste, die Menschen zusammenbringen – und die sich wirtschaftlich noch nie selbst getragen haben. Wobei das im Übrigen auch für das Kino gilt, dem vielfältig finanziell unter den Kamera-Dolly gegriffen wird, etwa wenn die Arthouse-Sparte nur dank Subventionen und Querfinanzierungen durch Blockbuster überleben kann.

Weltweit positionierten sich nun Sänger und Tänzer vor ihren iPhones und haben starke, originelle, bisweilen herzzerreißende Plädoyers für ihre Kunstform abgegeben. Stolz zeigen sie den begeisterten Applaus, die vollen Häuser, die Millionen, die an Oper und Ballett teilhaben – eine Kunst, die von Können kommt und die man umso mehr schätzt, wenn man sie nicht nur konsumiert, sondern auch mit dem nötigen Wissen lieben lernt.

Chalamet: „14 Prozent meiner Zuschauer verloren“

Die Social-Media-Teams vieler Opernhäuser und Tanzkompanien, die sich sonst eher mühsam und mit Steuergeldern um Reichweitensteigerung bemühen, sind nun mit Feuereifer dabei, Chalamet-Fans mit Hashtags und Botschaften für ihre Accounts zu gewinnen. Selbst Kulturstaatsminister Wolfram Weimer meldete sich gewohnt jovial zu Wort.

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Die alte Tante Oper kann Trump und Klimakrise, MeToo und Transsexualität. Kein menschliches Thema ist ihr fremd, wenn es nur bewegt, herausfordert, zum Lachen oder Weinen bringt. Darin ist sie die Vorläuferin des Kinos, das – bis hin zu seinen Komponisten – viel von ihr und dem ollen Bühnenzauber gelernt hat und immer weiter lernt.

Timothée Chalamet, der im staatlich geförderten Künstlerwohnhaus Manhattan Plaza in New York aufgewachsen ist, kann sich jedenfalls derzeit vor grimmig oder grinsend gemeinten Einladungen zu Vorstellungen und Premieren kaum retten. Die Community ist wach geworden. Sie weiß natürlich ebenfalls, wie die Währung der sozialen Medien funktioniert: Wo Aufmerksamkeit ist, da spielt man mit. Und das geschieht gerade in beträchtlichem Maßstab.

Also: Wir Anhänger einer von Anfang an unmöglichen, unrentablen, aber unverzichtbaren Kunstform sind dem frechen Schauspielermäulchen jedenfalls dankbar. Er hat viele Scheinwerfer eingeschaltet. Und Chalamet braucht sich nicht zu grämen: Er habe „großen Respekt vor allen Opern- und Ballettleuten“, aber wohl „14 Prozent meiner Zuschauer verloren“, witzelte er später.

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Diese dürften eher verzeihend gelächelt haben. Vielleicht sind manche, nachdem sein Post in ihre Timeline gespült wurde, auch Chalamet-Follower geworden. Kommt er doch aus einer Kunstform, wo, als eine sprachlose Prostituierte (Julia Roberts in „Pretty Woman“) aus der Kurtisanenoper „La Traviata“ kommt, sie nur stammeln kann: „Es hat mir so gefallen, ich hätte fast in die Hosen gemacht.“

Und Richard Gere ergänzt als ihr kultivierter Kunde die wunderbaren Worte: „Leute, die zum ersten Mal in der Oper sind, reagieren oft sehr überraschend. Entweder mögen sie die Oper, oder sie hassen sie. Wenn sie die Oper lieben, dann ist es für immer. Die anderen tun mir leid. Denn die Musik wird nie ein Teil ihrer Seele werden.“

Nimm das, Timothée! Und geh weiter Tischtennis spielen.

Source: welt.de

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