Tierhaltung: Das Puten-Problem

Puten, auch Truthähne genannt, werden in der EU seit Langem für die Fleischproduktion gemästet, doch verbindliche Vorgaben speziell für ihre Haltung fehlen. Maßgeblich ist bislang vor allem die allgemeine EU Tierschutzrichtlinie, die der Praxis weiterhin Spielraum lässt. Nun hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, erstmals den Forschungsstand zur landwirtschaftlichen Putenmast ausgewertet. Das Gutachten zeichnet ein ernüchterndes Bild und beschreibt durchgängig Probleme für den Tierschutz, von hohen Besatzdichten über feuchte Einstreu bis zu Federpicken, Hautschäden und Lahmheiten.

Insgesamt zählt die EFSA 19 Faktoren auf, die das Wohlergehen der Tiere beeinträchtigen können, darunter Bewegungseinschränkungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie Stress durch Hitze oder Kälte. Als Treiber gelten zudem schlechte Luftqualität, fehlende Beschäftigung und ein Stallklima, das stark schwankt. Die Behörde empfiehlt deshalb mehr Fläche und eine deutlich bessere Stallumgebung, etwa trockene, lockere Einstreu, jederzeit erreichbares Futter und Wasser sowie mehr Struktur durch erhöhte Ebenen und geeignetes Beschäftigungsmaterial, damit die Tiere picken, scharren und erkunden können.

Oft schmerzhafte Eingriffe wie das Kürzen der Schnäbel, das Entfernen des Hautanhangs am Schnabel oder das Kürzen der Zehen beurteilt die EFSA kritisch und positioniert sich dagegen. Zugleich verbindet sie ihre Bestandsaufnahme mit konkreten Empfehlungen für eine Überarbeitung der EU Tierschutzgesetzgebung.

In Deutschland bisher freiwillige Selbstverpflichtung

In Deutschland existieren bislang keine speziellen gesetzlichen Regeln für Puten. Die Branche verweist jedoch auf bundeseinheitliche Eckwerte einer freiwilligen Vereinbarung und auch sonst auf Bemühungen, Tierwohl und Tiergesundheit stärker in den Blick zu nehmen. Laut der freiwilligen Selbstverpflichtung ist eine Besatzdichte von maximal 58 Kilogramm Körpergewicht je Quadratmeter vorgesehen. Tierhalter, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen und zum Beispiel in Stufe 3 Puten mästen, liegen bei maximal 41 Kilogramm je Quadratmeter. Die Empfehlungen der EFSA gehen darüber hinaus, demnach wären ungefähr 30 Kilogramm je Quadratmeter empfehlenswert.

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft, ZDG, ließ eine Anfrage der F.A.Z. zum EFSA-Gutachten bis Redaktionsschluss unbeantwortet. In früheren Debatten warnte der Verband allerdings schon vor deutlich niedrigeren Besatzdichten und befürchtete eine Verlagerung der Erzeugung nach Polen oder Ungarn, wenn Deutschland nationale Verschärfungen für die Putenmast einführt. Der frühere Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hatte vor einigen Jahren mit einem Eckpunktepapier zur Putenmast und Platzvorgaben für Aufruhr gesorgt. Aus einem „nationalen Alleingang“, wie die Branche kritisierte, wurde jedoch nichts.

Putenfleischproduktion zuletzt rückläufig

Auf EU-Ebene wird seit Längerem über Haltungsvorgaben für Puten diskutiert, passiert ist wenig. Im vergangenen Jahr war von Vorschlägen der Kommission bis Ende 2026 die Rede, zuletzt blieb ein Zeitplan jedoch aus. Deutschland ist in der EU weiterhin das Land mit der größten Putenschlachtmenge. Knapp ein Viertel des produzierten EU Putenfleischs stammt aus Deutschland, die Tendenz zeigt aber nach unten. Die Putenfleischproduktion ging im vergangenen Jahr um 7,7 Prozent auf 376.800 Tonnen zurück, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Die Zahl eingestallter Küken sank von 33,5 Millionen im Jahr 2015 auf 25,2 Millionen im Jahr 2024.

Fachleuten zufolge liegt das zum einen an großen Geflügelpestwellen, die auch Putenställe trafen, und zum anderen am Umstieg auf höhere Haltungsformen, der dazu führt, dass in demselben Stall weniger Tiere gehalten werden dürfen. Auch der Putenfleischkonsum ist über die Jahre gesunken. Aß ein Bundesbürger 2015 im Durchschnitt noch 5,4 Kilogramm Truthühnerfleisch, waren es 2024 nur noch 2,9 Kilogramm, zuletzt blieb der Konsum allerdings auf einem stabilen Niveau.

Umgekehrt scheint sich der Trend schrittweise zum Hähnchen zu verlagern. Die Hähnchenfleischproduktion legte 2025 um mehr als drei Prozent zu, auch der Konsum ist stabil. Dass der größte Putenschlachter Deutschlands, Heidemark, nun auch in das Geschäft der Hähnchenschlachtungen einsteigt, verstärkt den Eindruck, dass es die Pute es zunehmend schwerer hat und zumindest teilweise vom Hähnchen abgelöst werden könnte.

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