Der Industriekonzern Thyssenkrupp möchte die Wahrscheinlichkeit eines Abschlusses der Verhandlungen über den Verkauf seiner kriselnden Stahlsparte an den indischen Konzern Jindal Steel nicht mehr beziffern. Noch im Dezember hatte Thyssenkrupp -Vorstandschef Miguel López die Chancen auf 50:50 geschätzt. Am Donnerstag nun sagte Thyssenkrupp-Finanzchef Axel Hamann während einer Telefonkonferenz anlässlich der Bekanntgabe der Quartalszahlen, es sei „zu unsicher und sehr schwierig“ an die Abschlusswahrscheinlichkeit „ein Prozentschild dranzuhängen“. Ein möglicher Verkauf der Stahlsparte an Jindal sei auch nicht
Teil der Geschäftsprognose für das laufende Jahr.
Thyssenkrupp möchte seine verlustträchtige Tochtergesellschaft schon lange loswerden. Jindal Steel hatte im September ein unverbindliches Kaufangebot für das Segment vorgelegt; in den Gesprächen geht es López zufolge um die Abgabe der Mehrheit des Stahlgeschäfts an den indischen Konzern.
Derzeit läuft ein Due-Diligence-Prozess. Das heißt: Jindal schaut sich die Bücher von Thyssenkrupp Steel genau an. Es steht die Vermutung im Raum, dass angesichts hoher Pensionsverpflichtungen für die Sparte kein annehmbarer Verkaufspreis erzielbar wäre und vielmehr eine Mitgift fällig würde, um sie loszuschlagen.
„Verkaufen Sie die Stahlsparte nicht unter Wert!“
Dagegen begannen kürzlich auf der Hauptversammlung Thyssenkrupp-Aktionärsvertreter zu rebellieren. „Verkaufen Sie die Stahlsparte nicht unter Wert!“, hieß es von Deka-Fachmann Ingo Speich, der darauf verwies, dass das Segment aktuell gar nicht so schlecht dastehe. Schließlich plane die EU Maßnahmen, um die Stahlindustrie vor Billigkonkurrenz aus dem Ausland zu schützen.
Auch Thyssenkrupp-Finanzchef Hamann sprach am Donnerstag mit Blick auf die geplanten EU-Schutzmaßnahmen von geänderten Marktbedingungen und erwähnte Reformüberlegungen für den sogenannten CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM und die im Raum stehenden Importzölle. Es sei daher mit Jindal noch „eine Menge zu besprechen“. Indes werde die Restrukturierung der Stahlsparte fortgesetzt, „ob mit oder ohne Jindal“, sagte Hamann. Hohe Kosten von 401 Millionen Euro haben die Quartalsbilanz von Thyssenkrupp verhagelt.
Unterm Strich stand für das erste Vierteljahr von Oktober bis Januar ein Konzern-Nettoverlust von 353 Millionen Euro nach Anteilen Dritter. Im Vorjahreszeitraum waren es lediglich minus 51 Millionen Euro gewesen. An seiner Prognose für das Gesamtjahr hält der Konzern fest. Auch hier ist unterm Strich ein Verlust vorhergesagt – von 400 bis 800 Millionen Euro. An der Börse kamen die Zahlen nicht gut an. Der Thyssenkrupp-Aktienkurs lag am Donnerstagnachmittag mehr als sechs Prozent im Minus.
Teil der Sanierung ist auch die Trennung von HKM
Thyssenkrupp will insgesamt, aber vor allem in seiner Stahlsparte effizienter werden. Im Stahlbereich will das Unternehmen Kapazitäten verkleinern und bis zum Jahr 2030 rund 11.000 von ursprünglich 27.000 Stellen abbauen. Das kostet viel Geld, etwa für Abfindungen. Der Konzern hat für das laufende Geschäftsjahr einen mittleren bis hohen dreistelligen Millionenbetrag für solcherlei Restrukturierungskosten eingeplant.
Teil des Umbauvorhabens ist auch eine Trennung von den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM), dem zweitgrößten integrierten Stahlwerk Deutschlands im Süden von Duisburg. Thyssenkrupp Steel gehört die Hälfte von HKM, 30 Prozent der Anteile hält Konkurrent Salzgitter und 20 Prozent der französische Röhrenhersteller Vallourec. Vergangenen Freitag verkündeten Thyssenkrupp Steel und Salzgitter, sich auf Eckpunkte für eine Übernahme von HKM durch Salzgitter als künftig alleinigem Gesellschafter geeinigt zu haben. Das Werk soll kleiner werden; rund 2000 von etwa 3000 Stellen sollen wegfallen. Hamann äußerte sich am Donnerstag zuversichtlich, dass alle Gesellschafter, also auch Vallourec , den Plänen zustimmen werden.
Thyssenkrupp rechne „auf Basis des Eckpunktepapiers mit einem niedrigen bis mittleren dreistelligen Millioneneurobetrag“ an Kosten, die im Zusammenhang mit HKM entstehen werden. Man habe zwar vor Unterschrift des Eckpunktepapiers mit einem „anderen Szenario“ für HKM geplant, dieses weiche aber in den Kosten „nicht stark“ vom jetzigen ab. Ursprünglich war davon die Rede gewesen, dass Thyssenkrupp einen „niedrigen“ dreistelligen Millionenbetrag für HKM zurückgestellt habe.
Umbau des Gesamtkonzerns zur Finanzholdig geht voran
Auch als Gesamtkonzern steckt Thyssenkrupp im Umbruch. Vorstandschef López möchte alle Sparten kapitalmarktfähig aufstellen, verselbständigen und für Beteiligungen Dritter öffnen. Die jetzige Thyssenkrupp AG soll zu einer schlanken Finanzholding schrumpfen. In dieser Woche hat sich konkretisiert, was das heißt: Von derzeit rund 500 Beschäftigten in der Essener Thyssenkrupp-Zentrale sollen bis Ende des Jahrzehnts nur noch 50 sogenannte Vollzeitäquivalente übrig bleiben, wie die Vorstände in einem internen Schreiben vom 10. Februar darlegen, das der F.A.Z. vorliegt.
Zentralfunktionen wie Einkauf, Kommunikation oder Controlling sollen großteils in die verselbständigten Sparten wandern, erläuterte ein Sprecher. Dort würden perspektivisch auch einige Arbeitsplätze entstehen. Im ersten Schritt im Jahr 2026 würden rund 25 Prozent der Tätigkeiten der Thyssenkrupp AG „in die Segmente verlagert oder teilweise auch eingestellt“, heißt es in dem Schreiben. „Die Segmente werden ihre Stellenbedarfe für 2026 schnellstmöglich konzernintern ausschreiben, auf die sich die Mitarbeitenden dann bewerben können.“ Für Beschäftigte, für die sich kein Wechsel „ergeben hat“ , würden im Rahmen eines Sozialplans, der noch entstehen soll, „sozialverträgliche Austrittslösungen“ vereinbart.
Arbeitnehmervertreter sehen die Pläne kritisch. In einem Reaktionsschreiben des Thyssenkrupp-Betriebsrats, das der F.A.Z. vorliegt, heißt es, man nehme die Mitteilungen des Vorstands „mit großer Besorgnis“ zur Kenntnis. Die Unterzeichner äußern Zweifel an der Handlungsfähigkeit der neuen Struktur, die vorgesehene Personalausstattung sei „unrealistisch“. Auch bemängeln sie, dass der Vorstand eine so weitreichende Entscheidung nicht persönlich der Belegschaft kommunizierten.