Theater | „Ukrainomania“ am Volkstheater Wien: Wem gehört dieser Tote?

Jan-Christoph Gockels Inszenierung „Ukrainomania“ am Volkstheater Wien verwebt Joseph Roths Geschichte mit den Herausforderungen der heutigen Ukraine. Ein poetisch-politisches Theatererlebnis. Aber überzeugt es auch künstlerisch?


Ausgrabung mit Folgen: Samouil Stoyanov (links) und Solomiia Kyrylova (rechts) buddeln Joseph Roths Grab in Paris

Foto: Marcella Ruiz Cruz


Die Zeitangaben für die Dauer einer Zugfahrt von Wien nach Lviv schwanken. Nach Fahrplan braucht der schnellste Zug dreizehneinhalb Stunden. Er wird aber selten eingehalten, es sind auch schon 27 geworden. Das hat verschiedene Gründe, aber vor allem ist es der Krieg, mit dem Putin versucht, die Ukraine in die Knie zu zwingen.

Als jetzt am Volkstheater Wien ein Spektakel mit dem Titel Ukrainomania seine Premiere erlebte, hatten viele Ukrainer die Reisestrapaze nach Wien auf sich genommen. Die Produktion war gemeinsam mit dem Nationaltheater Lviv entstanden, eine Premiere dort wird folgen. So stellt man sich eine wichtige Form des Theaters vor: Es verbindet, indem es Themen, die die Zuschauer bewegen, auf die Bühne holt.

Angeschoben und in eine künstlerische Form gebracht hat dieses Projekt Jan-Christoph Gockel, der gerade mit seinem siebenstündigen Wallenstein an den Münchner Kammerspielen zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Joseph Roth prägte den Begriff „Ukrainomania“

Gockel, Jahrgang 1988, bekam das Angebot, am Nationaltheater Lviv ein ukrainisches Stück zu inszenieren. Aber als „Passagier“, wie er sich sieht, wollte er kein aktuelles Statement zur Ukraine geben. Der Regisseur ist für seine poetische Arbeitsweise bekannt. Wie stellt man sich mit dieser Theaterausrichtung dem Krieg in der Ukraine? In Bewegung kam das Projekt, als der Name Joseph Roth ins Spiel kam. Ein Biopic wollte Gockel nicht, seine Stückentwicklung liefert auch nicht wirklich einen Plot, sondern stellt als Ausgangspunkt die Frage: Wer war Roth, 1894 geboren im galizischen Brody, einstmals am östlichen Rand des Habsburger Vielvölkerstaats gelegen?

Roth hat in einem journalistischen Bericht selbst das Wort von der „Ukrainomania“ geprägt. Für ihn war es die Überschrift über eine Welle von echter und falscher Ukraine-Begeisterung im Berlin der 1920er Jahre. Wenn Nationen wanken, glaubte er, wenden sie sich der Operette zu. Daher nahmen Gockel, der Dramaturg Claus Philipp und das Team für ihre Stückentwicklung den Titel und auch das Genre der Revue, was sie aber nur – nicht zufällig beim Thema Krieg – ganz spärlich bedienen. Dafür geht es um eine andere Entdeckung von Joseph Roth.

Es beginnt mit dessen Beerdigung in Paris. Zwei mit dem Ausheben von Roths Grab beschäftigte Totengräber – in den Rollen wunderbar intensiv und grotesk die bekannte ukrainische Schauspielerin Solomiia Kyrylova und Samouil Stoyanov vom Ensemble des Volkstheaters – verteidigen die Würde des toten Dichters. Hier geht Gockels Theaterkonzept auf. Er verbündet sich mit Jacob Suske, der ihm zum szenischen Erzählen Livemusik gibt, ohne zu illustrieren. Teil der Wirkung sind Bühnenbild und Kostüme von Julia Kurzweg, in denen sie das dominierende Schwarz – wie öfter bei ihr zu sehen – zurückhaltend mit Linien aufbricht.

Gockel entwickelt ein poetisch-politisches Theater

Gockels Roth-Figur ist sicher nicht nach dem Maß der Germanisten, aber darum geht es nicht. Es geht um den poetischen Mehrwert und um Spielanlässe. Denn bei der Beerdigung entwickelt sich Streit darüber, wem der Tote gehört: den Juden, den Katholiken, den Monarchisten oder den Sozialisten. Der Abend betont das Schillernde der Figur des melancholischen Dichters. Er war über den Tod des Habsburger Reichs hinaus dessen Verteidiger und zugleich sein Bestatter. Dass Roths nachweisbares Spiel mit Rollen vom Regisseur weiter ausgebaut wird, entwickelt ein poetisch-politisches Theater.

Aber warum bewegt sich Bernardo Arias Porras, der Darsteller des Roth, so lange allein auf der sprachlichen Ebene seiner Figur? Erst als er das Publikum anschnorrt, tritt er aus sich heraus. Andere Szenen sind wirkungsvoller. Alicia Aumüller enttarnt Roths eigenwillige Selbsterfindungen wie in einem Verhör oder stellt die Ermordung von Roths Frau Friedl als Akt der Euthanasie dar. Wenn sie die Frage zu beantworten sucht: Ab wie vielen Toten man von einem Massengrab sprechen kann?, berührt das.

Nachwirkend auch Nancy Mensah-Offei als Roth-Freundin, die dem ewig Eifersüchtigen beizubringen versucht, wie seine Alkoholrechnung gerecht zu teilen ist. Herausragend ist ihr anschließender Rap. Dass die Eindrücke von der Qualität des Spiels geteilt sind, ist bereits an der Textfassung abzulesen.

Theater mit der Ukraine

Der Regisseur hat schon bei der Zugfahrt seines Ensembles und bei der Annäherung an Lviv und Brody von heute mit dem Mittel des Videos gearbeitet. Das findet sich häufig in Gockels Regiearbeiten. In Ukrainomania konstruiert er eine Begegnung zwischen Roth und seinem heutigen Übersetzer und nimmt sie im Video auf. Plötzlich bricht ein Blackout das Gespräch ab. Drohnenalarm. Der Krieg ist anwesend. Ob Roth in seiner Literatur einen Ausweg aus dem Krieg gewiesen hat? Hat er nicht, sagt der Übersetzer. Gockel hält sich daran. Seine Inszenierung will nicht Plakat sein, das am nächsten Morgen von der Wand fällt.

Leider schleicht sich der Abend, der mit zwei Stunden Spieldauer nicht einmal besonders lang ist, in den letzten Minuten bis zum Schlussapplaus. Auch wenn kritische Anmerkungen bleiben, die nicht das Projekt infrage stellen, führt der Regisseur in seiner ersten Arbeit für das Wiener Volkstheater vor, dass Theater im Zuschauerraum Menschen verbinden kann. Untereinander und mit der Ukraine. Dafür erhielt das Ensemble bei der Premiere von einigen Zuschauern stehend Applaus.

Ukrainomania, Jan-Christoph Gockel, Volkstheater Wien in Kooperation mit dem Nationaltheater Maria Zankovetska, Lviv

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