Luise Voigt und Björn SC Deigner bringen mit „So langsam, so leise“ eine Theorie der Vernetzung auf die Bühne: Mensch, Tier und Natur als gleichberechtigte Akteure. Der politische Anspruch scheitert an der künstlerischen Umsetzung
„Die Zeit nagt am Fundament des Hauses wie am menschlichen Leben“
Foto: Jessica Schäfer
Selten! Aber es kommt noch vor, dass Theater eine akademische Theorie auf die Bühne bringt. Dem Schauspiel Frankfurt hat es eine der meistzitierten Frauen der Welt angetan, Donna Haraway. Nachdem die humane Spezies den Planeten über Jahrhunderte hinweg geknechtet hat, plädiert Haraway für ein Denken in Vernetzung.
Wir alle sind in diesem visionären Modell gleichberechtigte Akteure neben Tieren und Pflanzen, stehen in permanenter Abhängigkeit. Autor Björn SC Deigner und Regisseurin Luise Voigt entwerfen in So langsam, so leise dazu einen Mikrokosmos, in dem der Mensch längst nicht mehr allein unter seinesgleichen weilt. Deigner und Voigt arbeiten nicht das erste Mal zusammen, mit Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei waren sie im Frühjahr zum Theatertreffen eingeladen.
Die Natur nagt am Fundament
Im Zentrum von So langsam, so leise steht ein Haus in brenzliger Hanglage. Durch den Dauerregen sind die Wände feucht geworden, im Inneren breitet sich Moos aus. Die Natur holt sich ihr verlorenes Terrain zurück. Davon zeugt bereits der Beginn des Abends. Bevor Karen (Amelle Schwerk) an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt, dreht sich eine den Regen verkörpernde Gestalt (Nina Wolf) mit Wolkenhut und daran befestigten Fäden durchs Zimmer. Sie spricht anders als die menschlichen Figuren, erzählt von Flora und Fauna.
Dass somit das Unbehagliche in die eigenen vier Wände Einzug gehalten hat, die einzustürzen drohen, stellt nur ein Problem für Karen dar. Das andere trägt den Namen Demenz. Ihr Vater (Matthias Redlhammer) scheint dem Selbstverlust nahe, vergisst alles und leidet unter extremen Stimmungsschwankungen. Karen strauchelt unversehens in die Depression: „Meine gesamte Generation ist um das Versprechen der Beständigkeit betrogen worden.“
„Die Welt ist Kompost“
Sei es die Psyche oder das Klima – in diesem düsteren Text, gespiegelt in einem engen Raum mit Schreib- und Esstisch sowie Küchenzeile und schiefer Decke, befindet sich alles in Auflösung. Die Figuren erweisen sich als Gefangene ihrer Zeit. Regisseurin Luise Voigt nutzt für dieses Gefühl eine entsprechend mehrdeutig angelegte Requisite. Mit einem alten Spulentonbandgerät überblendet sie die Szenerie immer wieder mit flackernden Super-8-Filmaufnahmen im Sepiafarbton. Zu sehen ist Karen in früheren Zeiten.
Einerseits verleihen diese Bildstrecken ihrer Sehnsucht Ausdruck, sich an einen friedlichen Ort in der Vergangenheit zu flüchten, andererseits wirken sie wie etwas Fremdes, dem sie sich nicht entziehen kann. Eine mehrfach reflektierte Vergänglichkeit. Die Zeit nagt am Fundament des Hauses wie am menschlichen Leben.
Sie trägt dazu bei, dass „die Welt Kompost ist“, in dem sich alles Organische und Anorganische vermischt. Passend dazu erscheint neben dem Regen immer wieder auch eine Hundegestalt auf der Bühne. Und am Schluss, als Karens Vater gestorben ist und sie nach dem Unwetter ins Freie geht, wirft der Projektor bunte Farbtöne auf die Kulisse. Ein starker Kontrast zur Monotonie und Einfalt der menschlichen Herrschaft.
Eine politisch zweifelsohne dringliche Aussage. Aber genügt sie für einen gelungenen Schauspielabend? Als Gedicht mag Deigners metaphernreicher Text, den Voigt oft auch als innere Stimmen aus dem Off einspielt, funktionieren. Als Drama scheitert es jedoch auf ganzer Linie. Die sich beinah auf zwei zähe Stunden erstreckende Inszenierung tritt auf der Stelle und scheint sichtlich unbeholfen im Umgang mit Sprachbildern wie „Geschichte wiederholt sich nicht. Sie ist ein Stabreim“.
Letztlich haben wir es mit aufgewärmtem Diskursmaterial zu tun. Wenn sich Karen einmal an einem erhitzten Topf verbrennt, entpuppt sich dieser Moment als ein ungewolltes Bild für die Premiere: Man hätte es besser sein lassen sollen.