Theater mit Fabian Hinrichs: Abenteurer in blauer Funktionsjacke

Es stimmt ja, es ist ja richtig: Wir waren, wir sind und wir bleiben „beschämend privat“. Wir sitzen hier im wohligen Westen und kochen unsere Frühstückseier, während anderswo die Bomben fallen, während gelitten und gestorben wird und wir nebenbei auf dem Laptop das „heute journal“ schauen – wenn überhaupt noch das – und zu unseren Lebensabschnittspartnern sagen: „Schau mal, wie schrecklich!“ Ja, so geht das nicht, das ist zynisch und amoralisch, pietätlos und privilegiert. Das vor allem: privilegiert! Also, was tun? Besser keine Nachrichten mehr anschauen. Besser keine Politik mehr besprechen. Besser bei seinem eigenen Leisten bleiben. Also beim Lebensabschnitt. Da ist ja genug eigene Katastrophe.

„Fick dich“, hat Paul zu Claudia gesagt, auf offener Straße, nur weil sie wieder einmal ein bisschen zu spät gekommen ist. Das geht so nicht weiter: Sie will im gemeinsamen Haus ein eigenes Zimmer, er droht mit Selbstmord. Subtile Aggressionen der wohlstandsverwahrlosten Menschen Anfang fünfzig. Der Ort: Berlin. Das Haus: mit Tiefgarage. Die Überlegung: ob es jetzt in der Küche nicht doch mal eine Arbeitsplatte aus Marmor sein könnte.

Auf der Bühne steht: Fabian Hinrichs. In kurzen Hosen und blauer Leichtfunktionsjacke. Allzeit zum Joggen bereit. In der Tasche klimpert der Haustürschlüssel, die Beine weiß, die Haare schon ein bisschen schütter. Typus: Es hätte auch anders kommen können. Die blaue Funktionsjacke als letztes Ausrufezeichen, als in Anführungszeichen gesetzter Verweis darauf, dass in ihr eigentlich ein starkregenerprobter Abenteurer steckt. Aber der Abenteurer wird gerade nicht gebraucht, dafür sind die Typen unten zuständig, deren Bilder vor dem Hauseingang auf einer Werbestele vorbeiflimmern: gut parfümierte Prada-Boys, die über eine künstlich erzeugte Prärie reiten.

Verzogene Egozentriker

Ganz am Ende dieses beschaulich betroffen machenden Theaterabends ruft Paul einmal wütend: „Die Images sind es, die uns zerstören.“ Und damit hat er natürlich vollkommen recht. Es sind die Bilder, die an uns vorbeiziehen und unser Bewusstsein beschädigen, die unsere Sinne abstumpfen lassen und unsere Empfindung verziehen, wenn wir – wie Paul hier – bei den morgendlichen Sit-ups im Augenwinkel Nachrichten vom Vortag nachgucken oder während der Salatvorbereitung etwas Mutiges über die Lage in Gaza sagen wollen. Die These, dass es die Bilder sind, die uns zu verzogenen Egozentrikern machen, wird an diesem Abend mehr als zweimal unterstrichen: durch Sätze, die mitunter arg moralpädagogisch klingen, und vor allem durch Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten, die nicht nur auf den verschiedenen Bildschirmen flimmern, sondern auch riesengroß ins Halbrund des hinteren Volksbühnenraums projiziert werden. Da steht Paul dann im Angesicht des großen golfspie­lenden Triumphators Trump und weiß nicht weiter. Die Frage also damals wie heute: Kleiner Mann, was nun?

Es hätte auch anders sein können: Fabian Hinrichs als PaulApollonia Theresa Bitzan

Ein bisschen hat man das Gefühl, Fabian Hinrichs und seine für Konzept, Text und Regie dieses Mal mitverantwortliche Frau Anne Hinrichs würden mit ihrem Abend gern eine aktualisierte Version des von Susan Sontag 2003 veröffentlichten Textes „Das Leiden anderer betrachten“ präsentieren. Diese grundlegende Reflexion handelte von der Frage, wie die Bilder von Krieg und Gewalt unseren Geist prägen. Sontag warnte vor der Gefahr der Gewöhnung und plädierte für ein selbstkritisches Sehen, das keine Kompensation für ein politisches Handeln darstellen dürfe.

In ähnlicher Weise argumentiert jetzt das Hinrichs-Duo, wenn es zwischen den Burrata-Verteilungskämpfen am Küchentisch ohrenbetäubende Maschinengewehrsalven einspielen lässt oder Fabian Hinrichs in qualvoller Genauigkeit das Foto des ertrunkenen Jungen in Bodrum nacherzählt. Natürlich trifft eine solch dichte Leidbeschreibung das großstädtische Publikum an einem wunden Punkt, natürlich macht es dem, der nach dem Schlussapplaus möglichst schnell aus dem Theater stürmt, um beim Italiener gegenüber noch einen Tisch zu bekommen, ein schlechtes Gewissen. Aber trifft es auch sein Bewusstsein?

Wie ein leise gedrehter Tocotronic-Song

Man bleibt an diesem Moralin-mitteilsamen Abend vor allem an jenen Momenten hängen, die Ingmar-Bergman-haft Szenen einer Ehe zeigen. Wie vom Blitz getroffen habe er sich bei der ersten Begegnung mit Claudia gefühlt, erinnert sich Paul und schwärmt mit popromantischer Brüchigkeit von Augen, „so blau wie das Meer vor Cuxhaven“. Ein bisschen klingen solche Sätze bei Hinrichs immer wie ein leise gedrehter Tocotronic-Song, hat auch seine Betroffenheit eine eingängige Melodie – Hinrichs ist immer barfuß betroffen, deshalb fühlt man sich ihm näher, als man in Wahrheit wahrscheinlich ist.

So wie sich die beiden – Paul und Claudia – zwar physisch nahe sind, sich aber in ihren Sehnsüchten doch weit voneinander entfernt haben. Mitten im Gespräch geht Claudia mit ihrem Laptop nach oben ins Schlafzimmer, um sich selbst zu befriedigen, und murmelt danach, sie sei nur kurz auf dem Klo gewesen. „Mit dem Laptop?“, fragt Paul, aber will gar keine Antwort mehr. Die Zeit – ein ständiges Willkommen, ein ständiger Abschied, sagt Hinrichs einmal und trifft uns damit am Ende dort, wo all die Bilder nicht hinwollten: ins Herz.

Source: faz.net