Wer über sich selbst schreibt, schreibt immer auch über andere. Über die Familie, das „Umfeld“, diejenigen, die einen zu dem gemacht haben, der man ist. Innerhalb der autofiktionalen Literatur, die aktuell das Feld anspruchsvoller Belletristik dominiert, gewinnt diese erzähllogische Unvermeidbarkeit eine interessante Brisanz.
Denn sowohl ihre Attraktivität als auch ihre Glaubwürdigkeit bezieht die Autofiktion aus ihrer schonungslosen Indiskretion gegenüber dem Leben realer Menschen. So über die Nächsten zu schreiben, wie es etwa die literarischen Weltstars Karl Ove Knausgård und Édouard Louis in ihren sechs- bzw. siebenteiligen autobiographischen Romanzyklen getan haben, kann schlechterdings nur um den Preis eines Bruchs mit dem eigenen Umfeld erkauft werden.
Dass ehrliches autobiographisches Schreiben zugleich befreiend und destruktiv wirken kann, hat in der deutschsprachigen Literatur wohl kein Buch so konsequent unter Beweis gestellt wie der 1977 veröffentlichte Bericht „Mars“ des Schweizer Gymnasiallehrers und Millionärssohns Fritz Zorn. „Mars“ ist das Produkt eines langsamen, qualvollen Sterbens. Das Buch endet, ganz unmetaphorisch, mit dem Tod des Autors.
Die Veröffentlichung sollte Fritz Zorn, der 1976 als Zweiunddreißigjähriger starb, nicht mehr erleben. Zorn, der mit bürgerlichem Namen Fritz Angst hieß, schrieb diesen wie von einer Urwut angetriebenen Text in Begleitung seiner Krebserkrankung, die er in „Mars“ bis ins kleinste Detail und streng kausal auf seine verklemmte großbürgerliche Herkunft zurückzuführen versucht. Legendär sind die ersten Sätze: „Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie es aus dem vorher Gesagten eigentlich selbstverständlich hervorgeht.“
Kaum szenisches Material
„Mars“ avancierte während der Schweizer Jugendunruhen ab 1980 zum Kultbuch. Aber trotz seiner dramatischen Kraft ließ die erste Theateradaption auf sich warten. Wohl auch weil der Text fast ausschließlich aus deklamatorischen Ich-Botschaften besteht und kaum szenisches Material, geschweige denn Figuren bereithält.
Als Erster wagte sich 1993 der Österreicher Johann Kresnik am Theater Basel an den Stoff, den er als helvetische Materialschlacht aus Skistöcken, Alphörnern und Taschenmessern inszenierte. Wo Kresnik, auch in der Besetzung, das Prinzip Überforderung walten ließ, übt sich die aktuelle Inszenierung der Schauspielerin Anne Haug in Minimalismus. Im Umgang mit einem Text, den weiter zu verstärken kaum noch möglich ist, muss das keine schlechte Idee sein. Drei Schauspieler bestreiten den Abend, dem das Theater Basel diesmal nur die kleine Bühne des Hauses zugewiesen hat. Als neurotisches Riesenbaby in zu großen Hosen spielt Dominic Hartmann einen überragend guten Fritz Zorn, während Vera Flück und Andrea Bettini im minütlichen Bäumchen-wechsle-dich die übrigen Rollen übernehmen: Fritz’ liebes- und sprachunfähige Eltern, seine jovialen Lehrerkollegen, die Tanzlehrerin, der Fritz das späte erotische Erwachen verdankt, und schließlich seinen Psychotherapeuten, der dem Todkranken das Schreiben von „Mars“ als Therapie verordnete.
Kaltweiß und warmgold
Was anfangs verdächtig nach Sparmaßnahme aussieht, verdichtet in dieser Verkörperung der unterschiedlichen Ansprüche die ohnehin beklemmende Grundstimmung. Schade nur, dass Haug diese den Zuschauern offenbar nicht ungebrochen zumuten will. Anders sind die Dauerkalauer – ja, es wird viel gelacht – nicht zu deuten. Bühne und Kostüm (Moïra Gilliéron) haben nur noch wenig mit Kresniks drastischer „Swiss made“-Optik zu tun. Während Flück und Bettini frei über die Bühne flottieren dürfen, bleibt Hartmann alias Zorn das gesamte Stück über gefangen in einer Art Goldenem Käfig aus Neonröhren, dessen Licht im Stile zeitgenössischer Straßenbahnen je nach Stimmung zwischen kaltweiß und warmgold changiert.
Ganz draußen bleibt die Schweiz an diesem Abend dann aber doch nicht. Gut zwei Drittel des Stücks finden auf Schweizerdeutsch statt, nur direkte Zitate aus dem Buch trägt Hartmann auf Hochdeutsch vor, das im Kontrast wie eine klinische, fast feindliche Sprache durch den Raum tönt.
Die Rückwendung in die Lokalsprache verfängt jedenfalls. Wird damit doch gerade jene hausbackene Goldküsten-Bürgerlichkeit eingefangen, an der Zorn zugrunde ging. Der neuen Basler Inszenierung gelingt es, mit den Mitteln des Theaters „Mars“ etwas zu geben, das dieser egozentrische Text allein nicht bieten kann: Multiperspektivität, Lebendigkeit – und den von Fritz Zorn abgeurteilten Anderen das Recht auf ihre eigene Sicht der Dinge.
Source: faz.net