Es gibt bekanntlich fünf Sprachen der Liebe – zumindest laut einem amerikanischen Paartherapeuten: Worte der Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft und körperliche Berührung. Bruno Mars fügt eine sechste hinzu: das Tanzen. Für ihn ist nichts romantischer, nichts verführerischer oder beschwichtigender. Es ist ihm Allheilmittel für ewige Liebe. Sein neues Studioalbum „The Romantic“ zeigt Liebe in all ihren Facetten – nämlich in neun tanzbaren und weniger tanzbaren Nummern, die R&B mit Pop, Soul und dem Vintage Glamour der Siebziger kombinieren. Es ist sein erstes Soloprojekt nach zehn Jahren.
Bereits der Song „Risk It All“ erzeugt die sinnliche Stimmung, die schon der Titel verspricht. Bläser, Rasseln und eine sanfte Akustikgitarre erinnern an die lateinamerikanischen Wurzeln des 1985 auf Hawaii Geborenen, unterlegt mit einem opulenten Sound. Den braucht es auch, um all die Hyperbeln glaubwürdig erscheinen zu lassen. Hingebungsvoll singt der Vierzigjährige davon, alles für seine Geliebte zu machen, und bedient sich dabei sentimentaler Bilder aus Romcoms: Kein Risiko zu groß, kein Weg zu weit, sogar sein Leben würde er opfern. Ein Lover wie aus dem Bilderbuch, der im Regen knien würde für seine Herzensdame.
Was hilft Schönheit, wenn man den Beat nicht findet?
Das klingt kitschig, und es wird noch viel schnulziger in „God Was Showing Off“, einer Liebeserklärung an die Schönheit einer Frau, die auf komplexere Dimensionen von Anziehung verzichtet: Ihre Lippen, ihre Haare, ihre Haut und ihr Gesicht haben den Sänger offenbar umgehauen. Nichts anderes als göttliche Metaphern können ihrer Erscheinung gerecht werden. „Is heaven your name“, haucht der Sänger so hoffnungslos romantisch wie ein verliebter Teenager, dass es einem tatsächlich nur das Herz erwärmen kann. Hach, Bruno. Das Fehlen lyrischer Finessen verzeihen wir ihm gerne, vor allem, weil die musikalischen Details, die vielen Instrumente und Hintergrundsänger, dem entgegenstehen.
Deutlich fröhlicher ist die Leadsingle „I Just Might“, die sofort an frühere Songs des Hawaiianers erinnert. Sehr amüsant sind Zeilen wie „But what good is bеauty if your booty can’t find the beat?“. Der rhythmisch vor sich hin klopfende Ohrwurm ist wie die anderen Tracks eine musikalische Rückkehr zu den warmen, organischen Songs aus den Siebzigern, doch auch Bezüge zu Soul finden sich. Das Ganze ist hochglanzpoliert, geglättet für den Mainstream. Es ist der klassische Bruno-Sound, aber in einer sinnlicheren Version, und das sorgt für den entscheidenden Kick. Seine Stimme klingt ein bisschen kratzig, aber immer warm, hell und mühelos. Das passt perfekt in das unkontroverse Image des Musikers. Moderates Tempo, gängige Radiomusik, wie man sie am liebsten mag.
Liebe nur im Doppelpack
Die Bedroom-Ballade oder der Tango auf dem Album ist wohl „Why You Wanna Fight“. Wie der Titel schon vermuten lässt, gleicht der Song einer langsamen Verführung, einem musikalischen Vorspiel, das jeden Streit in Luft auflösen will. Im Hintergrund liegen dunkle Synthesizer-Pads, die die Achtzigerjahre-Erotik von Künstlern wie Sade ins Gedächtnis rufen. Warum auch streiten, wenn man stattdessen ins Bett flüchten kann. Das Bild von Liebe ist ähnlich simpel, mit dem Mann als Beschützer, der sich selbst vergisst. Liebe, die es nur im Doppelpack gibt.
Wie flirty Tanzen sein kann, beweisen auch Zeilen wie „Don’t you want some pretty babies“. Die Instrumente in „Something Serious“ – Glocken, Kongas und Handtrommeln – sind so hypnotisch und rhythmisch, dass man automatisch mit den Füßen wippen oder die Hüften kreisen möchte. Für Letzteres hat Mars den Song wohl eher geschrieben, dessen Titel mit dem lockeren Sound kontrastiert. Denn mit „Something Serious“ ist hier eine fröhliche Sommerromanze gemeint, die alles andere vergessen lässt und mit dem lässigen „Lowrider Vibe“ spielt.
Barmusik mit Latin Groove klang nie besser
Ähnlich tanzbar ist der Song „Cha Cha Cha“, der in einem verrauchten Club der Siebziger laufen könnte. Zeilen wie „Got my lemon pepper steppers on“ zelebrieren die Anziehungskraft auf dem Dancefloor, während die Instrumente den Eindruck einer Liveband wecken. Gerade in Zeiten voller digital produzierter Musik ist das ein erfrischender Throwback: aufwendig produziert, ein bisschen jazzig. Sofort hat man den New Yorker Glamour im Kopf, in dessen Kulisse Bruno Mars mit seinem Bandana und taillierten Anzügen perfekt reinpasst. Barmusik gepaart mit Latin Groove klang nie besser.
Obwohl für andere Dimensionen von Romantik wenig Platz ist, gibt es ihn doch: den Trennungssong der Platte. In „Nothing Left“ bricht endlich die glatte Retropop-Fassade. Begleitet von einer bluesigen E-Gitarre singt Bruno Mars von den bedrückenden Gefühlen eines drohenden Verlusts und einer verblassenden Romantik. Fast könnte man den Song mit seiner ähnlich schweren Klavierballade „When I was your man“ verwechseln. Da bleibt sich der Musiker also treu und nutzt das kraftvolle Finale des Songs, um seine stimmliche Klangfarbe auszunutzen. Denn das muss man ihm lassen: In diesem Album festigt Bruno Mars seine Position als einer der besten Vokalisten des modernen Pops und Souls.
Versöhnlicher wird es beim letzten Track, dem Walzer auf der Platte. „Dance with me“ klingt nach der perfekten Musik für einen Abschlussball, wo verliebte Paare sich im langsamen Takt wiegen. Bruno Mars ist gut darin, diese Stimmung aufkommen zu lassen: Sei es mit den ganzen „Mhhhs“, den sanften Tönen, so sehnsüchtig und vergänglich wie auch ein letzter Tanz. Wenn er haucht „Take my hand and let’s just slow dance all night“, möchte man ihm glauben, in der Gewissheit, dass in den Armen des Lovers alle Sorgen verblassen. Streicherarrangements schaffen die himmlische Textur für diesen dramatischen Moment der Platte. Hier ist nach 31 Minuten Schluss. Die Sache ist rund, perfekt für einen nostalgischen Tanzabend.
Source: faz.net