Der Ärger ist groß beim Tanken. Durch den Angriff der USA und Israels auf Iran ist Benzin und Diesel in Deutschland und anderen Ländern fast über Nacht viel teurer geworden. Die Bundesregierung will mit einem eilig beschlossenen „Kraftstoffmaßnahmenpaket“ den Preisanstieg für Benzin und Diesel dämpfen. Ob das gelingt, das bleibt abzuwarten, ob niedrigere Tankstellenpreise angesichts realer Knappheiten am Ölmarkt durch den Irankrieg gesamtwirtschaftlich überhaupt sinnvoll wären, ist zu bezweifeln.
Doch beim Blick auf die rot leuchtenden Preistafeln der Tankstellen rückt noch eine andere Frage nach vorne: Lohnt sich jetzt vielleicht der Umstieg vom Verbrennerfahrzeug auf ein Elektroauto? Nie wieder an die Kraftstoff-Zapfsäule zu müssen, das mag plötzlich sehr viel verlockender geworden sein.
Und wer weiß: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warnte jetzt sogar davor, dass der Sprit in Deutschland nicht nur teuer, sondern von Ende April an auch knapp werden könnte, wenn die Lieferengpässe durch den Krieg im Persischen Golf bestehen bleiben sollten. Ein Elektroauto macht dagegen unabhängig von den Ölmarkt-Wirren. Der Strom wird so schnell nicht ausgehen in Deutschland.
Wie also hat sich die Spritpreis-Inflation der vergangenen Wochen auf den Kostenvergleich zwischen Elektro- und Verbrennerfahrzeugen ausgewirkt? Der Automobilclub ADAC hat für die F.A.S. nachgerechnet und die Kosten exemplarisch für ein Kompaktmodell und ein Familienauto verglichen: den Hyundai Kona als Verbrenner- und Elektrovariante sowie den VW Passat Variant und sein elektrisches Schwestermodell ID.7 Tourer. Eine ähnliche Kalkulation hat der ADAC bereits im Dezember für die F.A.S. erstellt, als sich die Bundesregierung anschickte, mit der Wiedereinführung einer Kaufprämie den Absatz von E-Autos anzukurbeln. Bei der Neuauflage dieses Vergleichs geht es nun darum auszuloten, wie sich die höheren Spritpreise auswirken.
Maßstab sind dabei die monatlichen Gesamtkosten für das Autofahren. In die Modellrechnung fließt einerseits der Listenpreis des Neuwagens mit ein. Hier sind die Verbrenner weiterhin klar im Vorteil. Vor allem im Fall des Hyundai Kona ist der Stromer deutlich teurer als der Benziner. Auch der Verbrenner-Passat von VW ist günstiger als der elektrische ID.7.
Blickt man auf die monatlichen Gesamtkosten, ist der Wertverlust des Autos der größte Posten, er macht je nach Modell zwischen 40 und 60 Prozent aller Kosten aus. Hinzu kommen Kraftstoff- oder Stromkosten, Vollkaskoversicherung, Wartung und weitere Betriebskosten. Angenommen wird eine jährliche Fahrleistung von 15.000 Kilometer. Bei den Elektroautos wurden außerdem 3000 Euro staatlicher Kaufzuschuss mit eingerechnet, was der aktuell geltenden Mindestförderung bei Anschaffung eines vollelektrischen Neuwagens entspricht.
Privates Aufladen des E-Autos spart Geld
Bei den Kosten für Sprit oder Ladestrom wurden unterschiedliche Preise angenommen. Im Fall der beiden Verbrennerautos ist das einmal ein hoher Benzinpreis von 2,10 Euro je Liter auf dem aktuellen Niveau und andererseits ein Preis von 1,77 Euro, was dem Durchschnittswert der drei Monate vor Beginn des Irankriegs entspricht.
Für die beiden Elektroautos ermittelt der ADAC die Stromkosten einmal für einen günstigen Ladestrompreis von 18 Cent je Kilowattstunde. Der ist erreichbar, wenn man das E-Auto mit selbst erzeugtem Solarstrom vom eigenen Hausdach lädt und die Kosten der PV-Anlage auf die einzelne Kilowattstunde umlegt. Ein zweiter mittlerer Ladestrompreis von 30 Cent je Kilowattstunde bildet den Fall ab, dass das Auto daheim mit normalem Haushaltsstrom geladen wird. Der dritte betrachtete Fall ist ein hoher Ladestrompreis von 60 Cent. Er trifft für E-Autofahrer zu, die daheim oder am Arbeitsplatz keine Lademöglichkeit haben und deshalb auf öffentliche Ladesäulen angewiesen sind.
Und wie schneiden nun Elektro- und Verbrennerautos im direkten Vergleich ab? Und welchen Einfluss haben dabei die gestiegenen Spritpreise? Kurz gefasst, lautet die Antwort: Trotz der großen Aufregung um die gestiegenen Tankstellenpreise haben diese einen überschaubaren Einfluss auf die Kosten des Autofahrens. Im Fall des Hyundai-Kompaktmodells mit Verbrennungsmotor steigen dadurch die monatlichen Gesamtkosten um 26 Euro im Vergleich zu den Kosten vor dem Irankrieg, der VW-Familienkombi mit Verbrenner wird durch den höheren Benzinpreis um 22 Euro im Monat teurer.
Das Elektroauto ist oft billiger
Und dennoch sind die beiden Elektromodelle in der Gesamtkostenbetrachtung oft die günstigere Wahl (siehe Grafik). Das gilt insbesondere für den Kompaktwagen von Hyundai: Der Kona ist als Stromer in allen untersuchten Fällen billiger als das vergleichbare Verbrennermodell – egal, ob die früher niedrigeren Benzinpreise oder die hohen derzeitigen herangezogen werden, und auch unabhängig davon, welcher der drei Ladestrompreise angenommen wird. Im besten Fall, wenn das E-Auto mit preisgünstigem selbsterzeugten Solarstrom geladen wird, spart man mit diesem bei den aktuellen Benzinpreisen satte 135 Euro im Monat, auf das Jahr hochgerechnet wären das mehr als 1600 Euro. Aber auch in den anderen Fällen ist das E-Auto um mehrere Hundert Euro im Jahr billiger.
Auch beim VW-Familienauto ist der elektrische ID.7 zu den heutigen Spritpreisen kostengünstiger als der Verbrenner-Passat – jedenfalls dann, wenn er daheim geladen werden kann. Im günstigsten Fall spart der E-Autofahrer gegenüber dem Verbrennermodell 41 Euro im Monat.
Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme. Niemand weiß, ob die Benzinpreise nicht schon bald wieder sinken – oder vielleicht noch weiter steigen. Und weil der Strompreis vom Gasmarkt beeinflusst wird, legt auch er tendenziell zu. Andererseits zeigt der Vergleich aber auch: Bei Betrachtung der Gesamtkosten sind E-Autos gegenüber dem Verbrenner mittlerweile sehr konkurrenzfähig.
Source: faz.net