Telekom-Fusionen: Die Schachtel Leier jener Telekomriesen und die Fakten

Mehr Konzentration, mehr Investitionen? Eher ist das Gegenteil richtig.

Die zentrale These lautet, dass europä­ische Telekommunikationsunternehmen zu klein und zu fragmentiert seien, um die nötigen Investitionen in 5G und zukünftige Netze stemmen zu können. Konsolidierung sei daher der Schlüssel zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit Europas. Diese These mag auf den ersten Blick plausibel klingen und wird entsprechend oft wiederholt – zuletzt prominent auch im Bericht von Mario Draghi, dem ehemaligen Präsidenten der Europä­ischen Zentralbank. Doch die empirische Evidenz stützt diese These nicht.

Eine umfassende Analyse von 29 OECD-Ländern zeigt: Die Existenz eines zusätzlichen Mobilfunkanbieters auf einem Markt – zum Beispiel vier statt drei – geht mit höheren Gesamtinvestitionen einher, nicht mit niedrigeren. Wettbewerb fördert also eher Investitionen, fehlender Wettbewerb schwächt sie. Das deckt sich mit der ökonomischen Grundlogik: Wer keine Konkurrenz fürchtet, hat weniger Anreiz, in Netzqualität zu investieren.

Gleichzeitig führen Fusionen aber zu deutlich höheren Preisen für Haushalte und Unternehmen. Dieselbe Studie zeigt: Ein Anbieter weniger auf einem Markt ist mit sieben Prozent höheren Durchschnittspreisen verbunden, in Europa sogar mit neun Prozent. Das ist kein kleiner Nebeneffekt. Telekommunikation ist eine Schlüsselinfrastruktur, die in jedem Haushalt und jedem Unternehmen sowie jedem öffentlichen Dienst täglich genutzt wird. Höhere Telekommunikationspreise belasten daher die gesamte Volkswirtschaft: Also genau jene Wettbewerbsfähigkeit, die man stärken will, wird damit geschwächt.

Auch aus Gründen der Resilienz spricht wenig für mehr Konzentration: Alternative Netze erhöhen tendenziell die Ausfallsicherheit, und Resilienzanforderungen lassen sich gezielt in die Vergabe von Frequenzlizenzen integrieren.

Die Renditeklage: Fakten gegen Narrativ

Ein weiteres wiederkehrendes Argument ist, dass europäische Telekommunikationsunternehmen keine ausreichende Rendite auf ihr eingesetztes Kapital erzielen und daher nicht investieren können. Auch dieses Narrativ bedarf einer Überprüfung. Eine aktuelle Analyse der Europäischen Kommission untersuchte 14 große europäische Telekommunikationsgruppen über den Zeitraum von 2014 bis 2024 und kam zu einem anderen Ergebnis: Im Durchschnitt deckten die Unternehmen ihre Kapitalkosten in diesem Zeitraum, oft sogar deutlich. Zugleich weist der europäische Telekommunikationssektor seit zwei Jahrzehnten eine der höchsten Dividendenausschüttungsquoten aller Branchen in Europa auf. Wer seine Aktionäre so großzügig belohnt, dem fehlen offensichtlich nicht grundsätzlich die Mittel.

Das bedeutet nicht, dass es keine Unternehmen mit echten Finanzierungsproblemen gibt. Wer aber Wettbewerb will, nimmt bewusst in Kauf, dass weniger effiziente Unternehmen aus dem Markt aussteigen und möglicherweise durch effizientere ersetzt werden. Ein sektorweites Investitionsproblem ist nicht zu erkennen. Der pauschale Ruf nach Konsolidierung als Lösung für ein nicht bestehendes Problem ist im Interesse der etablierten Telekomunternehmen, schadet aber Verbrauchern und Wirtschaft.

Was stattdessen hilft

Der europäische Telekommunikationsmarkt steht aber gleichwohl vor echten Herausforderungen. Ein europäischer Binnenmarkt für Telekommunikation existiert bislang nicht. Verbraucherinnen und Verbraucher können keine grenzüberschreitenden Verträge abschließen, Frequenzlizenzen werden national vergeben, und der Markteintritt über Ländergrenzen hinweg bleibt schwierig.

Hier liegt echter Handlungsbedarf, und hier könnte die Politik mit Mut etwas bewegen: durch Harmonisierung der Frequenzvergabe, bessere Bedingungen für grenzüberschreitenden Markteintritt und eine konsequente Stärkung des Roaming-Regimes. Weniger ambitioniert sollte Deutschland zumindest aus den Erfahrungen anderer EU-Länder lernen, wie Netzinfrastruktur erfolgreich ausgebaut wird.

Fusionskontrolle richtig verstanden

Gefährlich ist der wirklichkeitsfremde Vorschlag im Draghi-Bericht, nationale Märkte auf EU-Ebene künstlich umzudefinieren, um Fusionen zwischen direkten Wettbewerbern wettbewerbsrechtlich leichter durchzusetzen. Wenn Märkte in der Realität national sind, schützt eine andere Marktdefinition auf dem Papier die Verbraucher nicht. Sie öffnet nur die Tür zu höheren Preisen und geringeren Investitionen. Das ist mit dem deutschen und europäischen Wettbewerbsrecht nicht vereinbar.

Dabei hindert Telefónica und andere nichts daran, mehr in den Glasfaserausbau und die Mobilnetze zu investieren. Und auch grenzüberschreitende Fusionen sind möglich – solange die beteiligten Unternehmen keine direkten Wettbewerber sind. Nach all dem wird am Ende wieder die alte Leier der Telekomriesen gespielt. Doch auch durch ständiges Wiederholen überzeugt sie nicht.

Tomaso Duso ist Leiter der Abteilung Unternehmen und Märkte am DIW Berlin und Vorsitzender der Monopolkommission.

Martin Peitz ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Ko-Direktor des Mannheim Centre for Competition and Innovation.

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