Marokko
Von FLORIAN SIEBECK
Wer in Marokko mal beim Throninhaber wohnen will, ist hier richtig: Das Hotel gehört ihm.
In Marokko ist es kein Geheimnis, dass die nördliche Mittelmeerküste des Landes der Rückzugsort der feineren Gesellschaft ist. Touristen aus dem Westen verirren sich eher selten hierher. Vielleicht, weil die Wellen hier nicht so hoch sind wie im Atlantik und deshalb weder Surfer kommen noch solche, die gerne welche wären. Vielleicht aber auch, weil der nächstgrößere Flughafen in Tanger gerade weit genug entfernt liegt, um die Küste vor dem Easyjetset zu beschützen, der den Rest des Landes in Beschlag genommen hat. Die Strände jedenfalls sind leer, und die Sonne ist gnädig, und es wäre schön, wenn das noch eine Weile so bliebe. Doch auch im Westen dürfte der Landstrich bald bekannter werden. Denn gerade hat hier ein neues Hotel aufgemacht. Es heißt „Royal Mansour Tamuda Bay“ und grenzt direkt an den Privatstrand des marokkanischen Königs, der hier an der Bucht, nördlich von Tétouan, eine weitläufige Sommerresidenz unterhält. Dass das Hotel wie eine natürliche Verlängerung seines Anwesens wirkt, dürfte einen einfachen Grund haben: Auch das Hotel gehört ihm. Wer also schon immer einmal wissen wollte, wie sich das Leben im Schatten der Macht anfühlt, ist hier goldrichtig. Zwar sind die Suiten weit weniger ostentativ, als man vermuten würde – keine goldenen Armaturen, kein überladener Prunk –, dafür ist das Briefpapier in Gold mit dem eigenen Namen bedruckt.
In „Mein Name sei Gantenbein“ hat Max Frisch mal geschrieben, jeder erfinde früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben halte. Wer seine etwas ausschmücken will, sollte ab und zu in einem Luxushotel übernachten. Es liefert die Kulisse, das Drehbuch, manchmal sogar den Soundtrack, um der eigenen Biographie ein kleines Extrakapitel einzuschieben, ohne sie ganz umschreiben zu müssen. Zwischen Spa-Treatment und Zwölf-Gänge-Menü kann man für ein paar Tage in einem alternativen Leben wohnen, in dem die Wäsche gefaltet wird, ständig neue Köstlichkeiten im Zimmer erscheinen und das Leben selbst von einer makellosen Ordnung scheint, die jenseits der eigenen Unzulänglichkeit existiert.
Während ich zu Hause aufwache, vielleicht missmutig aufs Handy starre, leise fluche und an die Arbeit gehe, ziehe ich hier einen makellos gesteamten Bademantel an, trinke Tee auf der Terrasse und bestelle Frühstück per iPad. Als es an der Tür klingelt, öffne ich – niemand da. Bis plötzlich ein Mann in akkurat gebügelter Livree mitten im Zimmer steht, als wäre er herbeigezaubert worden. „Pardon, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagt er in gepflegtem Französisch und tischt in wenigen Handgriffen ein ganzes Arsenal an Tellern, Schälchen und silbernen Deckeln auf, ehe er so lautlos verschwindet, wie er gekommen war. Das Personal, erfahre ich, bewegt sich durch ein Netz aus unterirdischen Gängen, damit kein Gast je einen Reinigungswagen oder fremde Essensreste zu Gesicht bekommt.
Dass man sich hier unweigerlich wie ein Teil eines höfischen Apparats fühlt, liegt auch an der sehr üppigen Personalquote. Selbst in der Nebensaison kümmern sich über 500 Bedienstete um die gerade einmal 55 Villen. Sie agieren wie Schatten; tauchen auf, erledigen, verschwinden wieder. Man hat das Gefühl, Zentrum einer ausgeklügelten Choreographie zu sein, deren einziger Zweck darin besteht, das Leben des Gastes möglichst reibungslos zu gestalten. Lässt man etwa irgendwo ein Kabel liegen, um durch die Gartenanlagen des spanischen Bonsai-Meisters Luis Vallejo zu streifen oder eine Ausfahrt auf dem hauseigenen Riva-Boot zu unternehmen, findet man es bei der Rückkehr fein ordentlich aufgerollt, fixiert mit einem kleinen Lederband.
Es fühlt sich an wie eine perfekt temperierte Blase, aus der alles Störende entfernt wurde.
Abends liege ich im Pool, dessen Boden aus grünem Quarzit sich so weich anfühlt, als hätte der Stein beschlossen, für einen Moment selbst Wasser zu sein. (Wahnsinn, wo man doch sonst nur in gekachelten Bädern schwimmt.) Über mir hängen hundert Bocci-Leuchten wie eingefrorene Tropfen; über dem Solebecken nebendran schwebt ein künstlicher Mond, der die Szene in ein erstaunlich romantisches Zwielicht taucht. In einer Welt, die nach Authentizität schreit, denke ich, ist das Luxushotel vielleicht der letzte Ort, der ganz offen zugibt, dass es hier um pure Fiktion geht. Das Zimmer ist Bühne, der Aufenthalt ein Schauspiel und die Rechnung am Ende nichts anderes als das Eintrittsticket für eine perfekt inszenierte Illusion.
Natürlich darf man sich fragen, warum der König das alles tut. Es möglich macht, sich für einen Moment in sein Leben hineinzufühlen, zumindest ein bisschen. Nötig hätte er es ja nicht: Mit einem Privatvermögen zwischen sechs und acht Milliarden Dollar ist Mohammed VI. der reichste Mann des Landes. Er müsste nicht den CEO aus dem Pariser „Crillon“ abwerben, um den Geist französischer Spitzenhotellerie nach Marokko zu importieren. Müsste keine Dreisterneköche wie Éric Fréchon engagieren, der das Pariser „Bristol“ nach Jahrzehnten überraschend verließ, um hier in Tamuda Bay anzuheuern mit Gerichten, die einer Offenbarung gleichkommen. Oder Quique Dacosta (ebenfalls drei Sterne) holen, der in seinem Restaurant hier eine preisverdächtige Paella unter einer Decke aus Perlmutt serviert.
Vielleicht will der König zeigen, dass Gastfreundschaft in Marokko keine Folklore ist, sondern Staatskunst. Vielleicht will er beweisen, dass das Land Weltformat hat. Vielleicht macht er es auch einfach, weil er kann. Denn rechnen muss sich das alles vermutlich vorerst nicht. Das Haus in Tamuda Bay ist nur eines von dreien: Auch in Casablanca hat vor Kurzem ein „Royal Mansour“ eröffnet – vorher, höre ich, wohnten Angestellte dort ein Jahr lang selbst, um ihren Service zu perfektionieren. Und schon 2010 entstand unter der Ägide des Königs in Marrakesch das erste „Royal Mansour“ – eine Hommage an das marokkanische Handwerk, an der rund tausend Kunsthandwerker vier Jahre lang arbeiteten. „War es nicht schwierig, so viele von denen zu finden?“, frage ich eine Mitarbeiterin. „Nicht wirklich“, antwortet sie mit leichtem Unverständnis. „Er ist ja der König.“
Das „Royal Mansour Marrakech“ ist ganz anders als das in Tamuda Bay. Palastiger, weit näher an der Vorstellung davon, wie sich ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht anfühlen würde, wenn es jemand mit Geschmack nachbauen würde. Geschnitzte Decken aus Zedernholz, feinster Stuck, Mosaike wie Teppiche aus Stein, handgearbeitete Laternen und Bögen, die selbst Wände und Böden mit Schatten zieren. Statt einzelner Zimmer ist das Hotel wie eine kleine Medina angelegt: Hinter unscheinbaren Türen verbergen sich große Riads, hinter großen Türen kleine. Manche dieser kleinen Paläste sind 140, andere 1800 Quadratmeter groß. Morgens hört man Vögel in den andalusisch angehauchten Gärten zwitschern, und im Spa plätschert ein Brunnen mit hundert weißen Rosen, vielleicht sind es auch tausend. Es reicht jedenfalls, um die Sinne so zu betören, dass einem dieses Leben nach einem Tag schon vollkommen selbstverständlich vorkommt.
Gerade jetzt, wo die Welt wenig Tröstliches bietet, erlauben einem Luxushotels, für eine Nacht oder zwei die Hauptrolle in der eigenen Legende zu spielen.
Dabei hat das alles natürlich seinen Preis – und keinen bescheidenen. Die Nacht im „Royal Mansour Marrakech“ kostet in der Nebensaison 1600 Euro, in Tamuda Bay sind es immerhin rund tausend Euro weniger. Trotzdem sollte man sich das hin und wieder leisten, wenn man kann. Nicht weil es vernünftig wäre (wer braucht schon Vernunft!), sondern weil diese Form von ästhetischer Hygiene ab und zu einfach notwendig ist. Die einen fahren zur Kur, andere kaufen Kunst – und manche buchen ein Zimmer, in dem alles, vom Duft der Bettwäsche bis zur Klangfarbe der Stille, perfekt aufeinander abgestimmt ist. Und wenn ein König ein Hotel baut, das schöner ist als mancher Palast, wäre es da nicht unhöflich, nicht vorbeizuschauen?
Wenn man jemandem, der Nächte in Luxushotels für rausgeschmissenes Geld hält, die Angenehmheit des Vakuums erklären wollte, das solche Orte erzeugen, könnte man es so beschreiben: Es fühlt sich an wie eine perfekt temperierte Blase, aus der alles Störende entfernt wurde: Geräusche von außen, Unordnung, Widersprüche. Man darf nur nicht den Fehler machen, die Nachrichten zu lesen. Oder sonstige Eingriffe seines ordinären Lebens von draußen zuzulassen. Zum Beispiel daran zu denken, dass man das Ganze ja noch bezahlen muss. Denn Luxus funktioniert am besten durch Abwesenheit von Reibung: Alles gleitet, alles fügt sich, selbst die Zeit scheint sich geschmeidiger zu bewegen, wenn auch nicht unbedingt langsamer. Luxushotels sind die Kathedralen unserer säkularen Zeit: Orte, an denen man das Staunen üben kann, ohne an etwas glauben zu müssen.
Außer vielleicht an ein angenehmeres Leben. Gerade jetzt, wo die Welt wenig Tröstliches bietet, erlauben einem Luxushotels, für eine Nacht oder zwei die Hauptrolle in der eigenen Legende zu spielen – inklusive Turn-Down-Service und Pistazienpralinen auf den Zimmern, die derart viele Gefühlsregungen in mir hervorrufen, dass mich selbst heute beim Gedanken daran noch ein kleines Glücksflimmern durchfährt. Das macht den Luxus des Luxushotels zugleich so verführerisch und so gefährlich: Man beginnt zu glauben, dass es ein Leben ohne Ecken und Kanten tatsächlich geben könnte. Dass sich der Lärm der Welt tatsächlich besiegen ließe, wenn man nur genügend Kopfkissen auf dem Bett platziert oder die Gardinen lang genug sind, um die Wirklichkeit auf Abstand zu halten.
Natürlich bleibt, zumindest bei Normalsterblichen wie mir, selbst im vollkommensten Luxus ein Rest von Leere, der sich nicht übertünchen lässt. Vielleicht, weil Perfektion auf Dauer anstrengend ist. Oder weil man spürt, dass hinter der makellosen Oberfläche, in der kein Raum für Zufälle ist, kein wirklich echtes Leben mehr lauert. Die vollkommene Ordnung macht still. Vielleicht ist aber auch das der eigentliche Luxus: nicht der Duft des Zedernholzes, nicht die Präzision des Service, sondern der Moment, in dem man merkt, dass selbst Vollkommenheit vergänglich ist. Vielleicht lohnt sich gerade deshalb das Investment in die Illusion, dass das Leben schöner, klarer, besser sein kann, wenn man nur kurz die Kulisse wechselt. Wer nach nur einer oder zwei Nächten wieder abreist, hat möglicherweise nicht viel gewonnen außer einer Erinnerung. Aber einer, die man nicht vergisst.
Übernachtung im „Royal Mansour Marrakech“ (Rue Abou Abbas El Sebti 40000) ab 1600 Euro, im „Royal Mansour Tamuda Bay“ (203 Route de Fnideq, M’diq 93200) ab 600 Euro, im „Royal Mansour Casablanca“ (27 Avenue des Forces Armées Royales, Casablanca 20250) ab 700 Euro
Source: faz.net