Technische Analyse: Wenn dieser Boden bricht, droht dem Dax mehr denn eine Delle

Die militärischen Aktivitäten im Mittleren Osten und die kräftigen Verwerfungen an den Rohölmärkten haben aufgrund von relativ schnell auftretenden höheren Inflationserwartungen und als Folge auch der Gefahr von veränderten Leitzinserwartungen an den internationalen Aktienmärkten Spuren hinterlassen.

Auch wenn diese „neue Normalität“ (irgendwo ist aktuell immer eine neue Krise) und dieser externe Schock sich schnell beruhigen, so sollten die technischen Eintrübungen bei vielen Aktienindizes und besonders bei Einzelwerten ernst genommen werden, da sich diese im Regelfall trotz Stabilisierungen und Short-Deckungs­rallys in den kommenden Wochen nicht direkt wieder auflösen.

Dax-Marktbreite verschlechtert

Während sich der amerikanische S&P 500 und auch der technologielastige Nasdaq 100 in ihren seit Monaten vor­liegenden Seitwärtspendelbewegungen trotz einer leicht negativen Bewegung noch oberhalb der 200-Tage-Linie halten konnten, haben die deutschen Auswahlindizes technische Eintrübungen hinnehmen müssen.

Der Dax, der sich jetzt seit Mai 2025 in einer Seitwärtsbewegung oberhalb der Unterstützung um 22.800 Punkte befindet, hat zwischenzeitlich diese Zone und den dort liegenden zentralen Hausse-Trend (Start im Oktober 2022 bei 11.863) getestet. Diesem Bereich kommt damit jetzt eine hohe (technische) Bedeutung zu.

Sollte der Index diesen Bereich in den kommenden Wochen nicht verteidigen können, dürfte sich die laufende technische Korrektur, die bei einem Kursrückgang von mehr als 10,0 Prozent vom Hoch (bei 25.508 im Januar 2026) jetzt vorliegt, nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich ausweiten. Der zuletzt entstandene Rutsch unter die jetzt fast waagerecht verlaufende 200-Tage-Linie (zurzeit bei 24.170) verdeutlicht ebenfalls die technischen Eintrübungen, was zur Vorsicht mahnt.

Durch die schon seit gut zehn Monaten vorliegende Seitwärtspendelbewegung am deutschen Aktienmarkt hat sich die Marktbreite, also die isolierte technische Situation von einigen Standardwerten aus dem Index, ebenfalls verschlechtert, da einige Titel ihre vorherigen (jahrelangen) Hausse-Trends mit Gewinnmitnahmesignalen verlassen haben.

Dies gilt in der Eurozone und in Deutschland zum Beispiel für viele Finanzwerte wie Unicredit und die Deutsche Bank. Aber auch Titel wie Airbus und ­Heidelberg Materials liefern dieses (chart-)technische Muster. Hinzu kommen Werte, die sich unverändert zur Liquiditätsbeschaffung (also technischer Verkauf oder Tausch) eignen, da sie zuletzt ihre Baisse-Bewegung zum Teil mit neuen Jahrestiefs fortgesetzt haben.

Hier sind aus dem Euro Stoxx 50 der niederländische Zahlungsabwickler Adyen, der französisch-italienische Brillenhersteller EssilorLuxottica, der italienische Autobauer Ferrari und der niederländische Informationsanbieter Wolters Kluwer zu nennen. Aus dem Dax sollte die defensive technische Haltung gegenüber Adidas, Beiersdorf, Brenntag, SAP, Scout24, Symrise und Zalando zunächst nicht gelockert werden.

Zalando ist auf dem Kursniveau von Anfang 2015 zurück

Zalando, ein Online-Versandhändler mit den Geschäftsschwerpunkten bei Kleidung, Kosmetik, Schuhen und Zubehör, ist erst 2008 gegründet worden. Das Unternehmen, das zuletzt durch die Übernahme des ebenfalls börsennotierten Versandhändlers About You aufgefallen war, ist seit dem Oktober 2014 am deutschen Aktienmarkt notiert.

Im September 2021 war der Titel bei der Index-Reform (Ausweitung des Dax von 30 auf 40 Titel) mit in den neuen Dax 40 aufgenommen worden. Nach einigen Index-Wechseln seit 2021 und aufgrund der wenig überzeugenden Kursentwicklung ist Zalando mittlerweile der nach Marktkapitalisierung im Streubesitz kleinste Wert im Dax. Zwar konnte der Wert bei der Index-Überprüfung in diesem März noch knapp seine Index-Mitgliedschaft verteidigen, jedoch wird der Titel die Index-Entnahmediskussion in den kommenden Monaten nur schwer loswerden.

Auch die technische Gesamtlage mahnt weiterhin zur Zurückhaltung. Ausgehend vom Allzeithoch bei 105,9 Euro (im Herbst 2021 im Umfeld der damaligen Dax-Aufnahme) befindet sich der Aktienkurs in einer Baisse-Bewegung. Hierbei drückte der am Allzeithoch startende erste Baisse-Trend mit seinen vielen Verkaufssignalen den Wert bis zum Jahresstart 2024 auf 16,1 Euro (langfristige Unterstützungszone). Dort setzte eine mittelfristige Erholung ein, die bei Zalando bis zum Jahresanfang 2025 bis auf 40,1 Euro (mittelfristige Widerstandszone) führte. Danach etablierte der Titel eine neue Trading-Kopf-Schulter-Verkaufsformation.

Als Konsequenz bildete sich, begleitet von mehreren Verkaufssignalen, ein zweiter mittelfristiger Baisse-Trend heraus, der bei 40,1 Euro beginnt und dessen Baisse-Trendlinie zurzeit auf dem Niveau der fallenden 200-Tage-Linie bei 25,1 Euro liegt. Innerhalb dieses Trends hat Zalando zuletzt neue Jahrestiefs nachgeliefert.

Trotz des Booms im Onlinehandel in den vergangenen Jahren bleibt festzuhalten, dass sich Zalando nach der technischen Berg-und-Tal-Fahrt zurzeit nur noch auf dem Kursniveau vom Jahresbeginn 2015 befindet. Da die technischen Anzeichen für eine tragfähige Bodenformation weiterhin fehlen, sollte in Kombination mit der mangelnden Index-Per­spek­tive die defensive Haltung gegen Zalando nicht verändert werden. Der Titel bleibt auch auf dem aktuellen Niveau und besonders in eine Kursrally hinein ein technischer Tauschkandidat.

Der Autor ist Geschäftsführer von Matzke Research.

Source: faz.net