Technische Analyse: Warum Öl teurer wird, wenn Europa zögert

Europa ist schon ein wenig scheinheilig. Handelsschranken aller Art werden zwar in Brüssel, Straßburg und andernorts stets vehement verdammt und deren Abschaffung gefordert. Wenn es aber in europäischen Händen liegt, sie abzubauen, fällt uns ein, dass wir es doch nicht so richtig wollen.

Manch einer hält Norwegen vor, dass sie selbst mittlerweile fast völlig auf regenerative Energie setzen, aber gleichzeitig einen immensen Reichtum durch den Verkauf ihrer Öl- und Gasvorkommen anhäufen. Sehr viel anständiger wäre es, es ihnen einfach nicht mehr abzukaufen. Doch das würde Opfer erfordern und Wohlfahrtsverluste mit sich bringen. Dann tun wir lieber so, als ob fossile Brennstoffe böse sind, solange sie vor Norwegens Küsten schlummern, aber gut, sobald sie bei uns verbrannt werden.

Seit Langem wissen wir, dass Russland über eine gigantische Schattenflotte sein sanktioniertes Öl weiterhin auf den Weltmarkt bringt, unternehmen aber so gut wie nichts dagegen. Stattdessen wird gefragt, ob man gegen diese Tanker wirklich Maßnahmen ergreifen darf. Der abgebildete Chart zeigt die Preisentwicklung ebendieses „schwarzen Goldes“ in den vergangenen acht Jahren. Sein jüngster Anstieg begann fast unmittelbar nach der „Umleitung“ des ersten Tankers in der Karibik.

Zuvor hatte der Ölpreis, von einer kurzlebigen Ausnahme im Sommer vergangenen Jahres abgesehen, in den letzten 12 Monaten wenig mehr gemacht, als zwischen 60 und 70 Dollar hin und her zu pendeln. Was sich nach großer Langeweile anhören mag, entwickelt nicht unerheblichen Brisanz, wenn man sich den Chart etwas näher anschaut.

Man muss, oder darf, je nach Sichtweise, annehmen, dass der Ölpreis in Abwärtsbewegung in den zurückliegenden vier Jahren einen „Keil“ ausgebildet hat. Auch wenn ich kein großer Fan der technischen Formationslehre bin, so will ich dieses Muster doch lieber nicht ignorieren.

Es zeichnet sich durch nachlassende Dynamik im Abwärtstrend, geringer werdende Volatilität und einer Verjüngung der Preisausschläge zwischen seiner oberen und unteren Begrenzung aus. Nach neuen Korrekturtiefs finden sich demnach wieder Käufer, die das ermäßigte Niveau zum Einstieg in den Markt nutzen. Nicht zuletzt deshalb folgt einem „Keil“ oft eine schwungvolle Rallye, wenn und sobald seine obere Begrenzung überwunden wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ölpreis weiter steigt, ist hoch

Gut dazu passt die aktuelle Verfassung des abgebildeten, mittelfristig orientierten MACD-Indikators. Er ist erst vor kurzem in den Steigt-Modus gewechselt. Nun zeigt gerade seine jüngere Vergangenheit, dass nicht jedem neuen Steigt-Signal auch ein größerer Preissprung folgt. Oft genug versanden diese Signale einfach wieder. Allerdings liegen die Dinge dieses Mal etwas anders.

Der Schnittpunkt zwischen der unteren und der oberen Linie erfolgte unter der Ausprägung einer „positiven Divergenz“, also eines besonders werthaltigen Steigt-Signals. Die Marktteilnehmer wichen demnach von ihrem bisherigen Verhaltensmuster ab und nutzten die neuen Tiefs nicht zu Verkäufen im großen Stil. Meist deuten solche Entwicklungen darauf hin, dass sich in den Köpfen der Investoren, neuhochdeutsch: in ihrem Mindset, etwas geändert hat. Sie rechnen im vorliegenden Fall zusehends damit, dass Öl wieder das werden wird, was es objektiv auch ist: ein knappes Gut.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ölpreis weiter steigen wird, muss deshalb derzeit grundsätzlich als hoch angesehen werden. Allerdings stellt sich ihm zwischen 69 und 71 Dollar ein mächtiger Widerstand entgegen. Dieser Bereich markiert nicht nur den oberen Rand der Handelsspanne der jüngeren Vergangenheit.

Just auf diesem Niveau befindet sich aktuell auch die obere Begrenzung des erwähnten „Keils“. Die Abgabeneigung der Investoren ist in solchen Bereichen meist ziemlich groß. Sie sehen, dass es in der Vergangenheit rund um dieses Niveau nicht weiter ging und rechnen damit, dass es auch dieses Mal so sein wird. Für die Überwindung eines solchen Widerstands braucht es deshalb oft Nachrichten, die diese Verkaufsbereitschaft nachhaltig erlahmen lassen. Aber dafür scheint ja Abhilfe in Sicht zu sein: Es braucht momentan nicht viel Fantasie, um zu vermuten, dass Nachrichten dieser Preisklasse bald über den Ticker gehen könnten. Mein aktuelles Ziel: 85 Dollar. Erst bei einem kaum zu erwarteten Rückfall auf Niveaus rund um 60 Dollar wäre es statthaft, davon abzurücken.

Manchmal sind mir die Ansagen aus dem Weißen Haus, auch wenn sie ihren ganz eigenen Charme zu haben pflegen, fast lieber als die oft genug folgenlosen europäische Wortbeiträge. An der Pennsylvania Avenue 1600 gibt man sich erst gar keine Mühe, Werte hochzuhalten, die man ohnehin nicht einzuhalten bereit ist; sagt, was Sache ist; und lässt diesen Worten meist Taten folgen. Die sind mit meinem Wertekanon zwar bestimmt nicht immer in Einklang zu bringen. Aber das behauptet dort auch niemand.

Source: faz.net