Technische Analyse: Der Dax hat ein Problem

Der 6. März ist kein Tag wie jeder andere. Vor 26 Jahren oder, für Fibonacci-Fans, vor zweimal 13 Jahren ging eine Ära zu Ende, und eine neue begann. Der 6. März 2000, sinnigerweise ein Rosenmontag, war einer der drei schönsten Tage meines Lebens. Gleichzeitig aber auch ein Tag, der mich als Analyst noch heute wurmt. An jenem 6. März ging die krasseste Hausse, die der deutsche Leitindex Dax bis dahin jemals gesehen hatte, zu Ende. Am 7. März war alles vorbei. Die große abendländische Aktienbaisse begann. Der Dax sollte fortan fast drei Viertel seines Wertes verlieren. Als ich an diesem Rosenmontag abends in der Telebörse interviewt wurde, war meine Zuversicht ungebrochen. Ich hatte keine Ahnung von dem, was vor uns lag. Dafür mussten erst noch ein paar Wochen ins Land gehen.

Eine Rückblende lohnt: Wie war das damals? Die letzte Phase der Hausse war von atemberaubender Euphorie, ausufernden Bewertungen und von Mannesmann, Siemens, SAP und der Deutschen Telekom geprägt. Die Internet-Phantasie hatte den Dax voll im Griff. Die Kurssteigerungen dieser vier Aktien kannten keine Grenzen mehr. Um es am Kurs der Deutschen Telekom festzumachen: Sie stieg von Ende Oktober 1999 bis zum 6. März 2000 um 133 Prozent, von 45 Euro auf 105 Euro. Ohne diese „Big Four“, die „Großen Vier“, wäre der Dax rund um 6000 Punkte hängen geblieben.

Großer Unterschied: Die KI-Phantasie

Die Parallelen zu heute sind unübersehbar. Einen nicht ganz unwesentlichen Unterschied gibt es dennoch: Aus den „Big Four“ wurden die „Big Seven“, und diese sieben sind an der Wall Street in New York notiert und nicht bei uns. Ohne Tesla, Alphabet, Microsoft, Meta, Amazon, Apple und Nvidia wäre nach dem Zollschock im April des vergangenen Jahres der Anstieg von Nasdaq 100, S&P 500 und anderen völlig verkümmert. Die KI-Phantasie hat(te) die amerikanische Börse voll im Griff. Über die aktuelle Bewertung muss man auch nicht streiten: Warren Buffetts Lieblingsindikator, der Marktkapitalisierung ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzt, erreichte damals einen historischen Höchststand von knapp 150 Prozent. Heute liegt der Wert bei 215 Prozent. Wahrscheinlich fehlen dafür nicht nur mir die Worte. Die Zutaten für eine halbwegs ordentliche Baisse sind also angerührt.

Damit zur Technik des Dax. Ich habe aus meiner Skepsis in den vergangenen Monaten keinen allzu großen Hehl gemacht. Zu sehr passte das, was ich beobachten konnte, ins Drehbuch einer Baisse, und viel zu wenig in das eines intakten Aufwärtstrends. Ohne lange drum herumzuschwurbeln: Dabei muss es auch bleiben. Eines der besten Argumente für meine fortgesetzte Skepsis ist die Entwicklung seit Jahresbeginn: Nach einer quälend langen Seitwärtsbewegung zwischen rund 23.000 und 24.500 Punkten schaffte es der Dax Anfang Januar endlich, aus dieser Entwicklung auszubrechen und sich damit erheblichen neuen Spielraum zu verschaffen – eigentlich. Denn genau das geschah nicht: Nach ein wenig Zappeln oberhalb des Ausbruchsniveaus fiel er erst ein wenig und in der heute zu Ende gehenden Woche schließlich mit Wucht darunter zurück. Das ist das klassische Verhalten eines beginnenden Abwärtstrends und das Gegenteil dessen, was ein intakter Aufwärtstrend täte. Dem wäre der Rutsch nicht passiert. Dieses Marktverhalten spiegelt sich auch in der „negativen Divergenz“ des abgebildeten Trendindikators MACD wider. Die gegensätzliche Entwicklung von Chart und mittelfristig orientiertem Indikator, der eine markiert noch neue Hochs, der andere nicht mehr, kündigt im Regelfall eine längere bis lange Schwächephase an.

Es gibt auch Hoffnungsschimmer

Es gibt aber auch einen Hoffnungsschimmer: Der Kurseinbruch der vergangenen Tage hinterließ in den Charts zwei große „Gaps“: Kurslücken, in denen kein Handel zustande kam. Es fehlte schlicht an Käufern, die beispielsweise am vergangenen Dienstag bereit gewesen wäre, Aktien oberhalb von 24.240 Punkten zu erwerben. Diese Gaps sind kurzfristige Übertreibungssignale und bereiten deshalb oft den Boden für eine Erholung. Ob damit aber auch eine dauerhafte Wende verbunden sein wird, ist einigermaßen fraglich. Wahrscheinlich haben jetzt die Bären, die Pessimisten, die weit besseren Karten.

Übrigens: Der 6. März hat es allgemein in sich. Nicht nur der 6. März 2000 markierte einen dramatischen Wendepunkt. Am 6. März 2009 erreichte der Dax sein Tief im Zuge der Finanzkrise, und am 6. März 2025 sein Hoch vor dem trumpschen Zollschock. Generell ist der März für den Dax ein geschichtsträchtiger Monat: Am 12. März 2003 endete die große abendländische Aktienbaisse und am 18. März 2020 der Corona-Crash. Mit viel Hoffnung und nicht gar so viel Überzeugung geschrieben: Vielleicht, vielleicht nimmt sich ja auch die aktuelle Krise ein Beispiel daran. Aber auf jeden Fall bleibt der 6. März ein ganz besonderer Tag.

Source: faz.net