„Tatort“ mit Batic & Leitmayr: Sie konnten nicht ohneeinander

Einen Abschied ohne Pomp haben sie sich gewünscht, nach ihren 35 Dienstjahren im Münchner „Tatort“, aber so ganz kommen sie nicht davon. Auf dem Gang des Präsidiums werden Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) schließlich von der Pressesprecherin der Polizei gestellt. Einfach schleichen gilt nicht. Zumal schon die Staatsministerin wartet. Fototermin. Fast wie im richtigen Leben. Aber nur fast. Ein nüchterner Meetingraum ohne Zeugen. Die professionell herzliche Politikerin verwechselt sie und gibt jedem die falsche Urkunde. Ihr Adlatus hat immerhin ein „besonders schönes Schmuckblattl ausgesucht“. Ein gestelltes Bild später heißt es für die Neu-Pensionäre: Dienstausweise, bitt’schön. Und die Waffen abgeben. Und jetzt?

Leitmayr ist voller Pläne, wird an der Polizeihochschule unterrichten, sein Fachwissen vermitteln, da schau her. Batic ist auf dem Weg nach Istrien, wo er sich eine Wohnung mit Meerblick gekauft hat. Also bleibt nicht nur der Dienstschluss, sondern die Trennung. Jetzt gleich. Da stehen sie vor dem Präsidium mit ihren Kartons. Man sieht sich wieder (schneller, als man denkt). Dass sich unter der Büropflanze heimlich mitgenommene Fallakten befinden, verschweigt der eine. Dass er dem Ruhestand eher mit Schrecken entgegenblickt, kommt dem anderen nicht über die Lippen. Stattdessen sagt er, er wolle jetzt einfach mal „schön leben“. Aber es ist ja auch erst der 99. Fall, an dessen Ende diese Verabschiedung steht und sich die Wege von Batic und Leitmayr trennen. Vorerst, denn das ist das Ende von Teil I des Doppel-„Tatorts: Unvergänglich“.

Sich erschießen lassen? „Das wäre sowas von Klischee“

Vorläufiges Fazit: Sie haben sich nicht erschießen lassen, wie sie es sich in dieser, der 99. Folge mehrfach ausdrücklich vorgenommen und gesagt haben. Denn das wäre so was von Klischee, wie Leitmayr meinte, als es brenzlig wurde. Die Kollegen Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Ritschy Semmler (Stefan Betz) haben sich ohnehin gewundert, dass es die beiden vier Tage vor Schluss noch einmal krachen lassen wollen und mit Volldampf ermitteln in einem Fall, in dem KI zum Einsatz kam und der gewissermaßen typisch ist für den BR-„Tatort“: In einer Münchner Gästewohnung geschieht ein Mord. Das Opfer ist eine ungarische Autowaschmittel-Vertriebskraft, die Zeugin ein Münchner Original (Johanna Bittenbinder), ein schmieriger Hausmeister, ein seltsamer Schlüsselservice. Bald verdächtig ist ein junger Mann, der sich Zugang für solche, über die ganze Stadt verteilten Wohnungen beschafft hat, eine Art Phantom, das überall und nirgends sein könnte, und offenbar eine junge Drogenabhängige im Schlepptau hat, die Batic und Leitmayr zu retten versuchen, während der Countdown läuft.

Am Ende ist der Fall gelöst, sind die Gratulationen erfolgt, hat sich in einem Kurzauftritt der Neue des Münchner „Tatorts“, gespielt von Carlo Ljubek, in einem Miniauftritt schon mal sehen lassen, schaute Christine Lerch (Lisa Wagner) vorbei, die frühere Fallanalytikerin, die inzwischen Karriere in den USA macht, zur Verabschiedung.

Fallbesprechung, Episode 99: Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Kriminaloberkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), Christine Lerch (Lisa Wagner) und Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, v.l.) grübeln.BR/NEUESUPER GmbH/Hendrik Heiden

Ganz zufrieden freilich sind Batic und Leitmayr nicht. Irgendwas nagt an ihnen. Weswegen sie in ihrem allerletzten, dem 100. Fall noch einmal ermitteln werden, nun als „Rentnercops“. In dem treffen sie Carlo (Michael Fitz), den ehemaligen Assistenten, der nach Thailand ausgewandert ist. Der Vorsatz bleibt: sich nicht erschießen lassen. Als ermittelnde Privatleute, denn Kalli fühlt sich nicht zuständig und ist im Stress. Ohne Dienstausweis ermitteln und sich ohne Waffe mit der organisierten Kriminalität aus Südosteuropa anzulegen, ist allerdings lebensgefährlich.

Das mit dem Ruhestand klappt – noch – nicht

Aber aus Leitmayrs Pensionärs-Ambitionen ist nichts geworden, und Batic hat als singender Touristen-Alleinunterhalter nicht so bei den Damen reüssiert, wie er sich das vorstellte. Ohneeinander ist es blöd, und das Wort vom Unruhestand war nie wahrer als in diesem, ihrem 100. Fall.

Das ist einmalig im deutschen Fernsehen: 100 Fälle, 35 Dienstjahre, von Kritik, Publikum und Politik gleichermaßen geliebt, vielfach ausgezeichnet, Ehrenkommissare, Ehrenmitglieder der Polizeigewerkschaft, berechtigt zum kostenlosen „Schifferlfahren auf dem Königssee“, wie Udo Wachtveitl in der BR-Doku „Batic und Leitmayr – Die Zwei vom ,Tatort‘ sagen Servus“ berichtet. Dass irgendwer Fernsehgeschichte geschrieben habe, solche Aussagen gibt es im Dutzend billiger, hier stimmt es. Die Locken von früher mögen ab sein, das Haupt nun schlohweiß – aber der Drive, die Motivation, die Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in ihren Signaturrollen sichtbar gemacht haben bis zum Schluss, bleibt unvergleichlich, unvergänglich sogar, wenn man dem Titel ihrer Abschiedsvorstellung folgt.

Erfunden haben sich die beiden freilich nicht selbst, erfunden hat sie und ihre Beziehung die BR-Redakteurin Silvia Koller, die den „Tatort“ aus München neu zeigen wollte, nach der Zeit mit dem Kommissar Melchior Veigl (1972 bis 1981), der mit Dackel und Assistent Ludwig Lenz (Helmut Fischer, ermittelte bis 1987 weiter) gemütlich-scharfsinnig auftrat. Günther Maria Halmer gab ein kurzes Gastspiel, wie auch Hans Brenner und Hans Bollmann. Koller wollte aber ein Kommissarsduo im Buddy-Stil, zum ersten Mal zwei Ermittler auf Augenhöhe, junge Wilde, keine „Urmünchner“, aber irgendwie schon. „Schöne Männer“, weltoffen, leichtfertig.

Abschied von Batic und Leitmayr

In Duisburg ermittelte Schimanski (Götz George) seit 1981 (Fun Fact: Nemec spielte Nebenrollen in zwei Schimanski-Folgen), nach fundamentalen Beschwerden mit großem Erfolg. Ohne ihn hätte Koller ihre neue Kommissare in München vielleicht nicht durchsetzen können. So aber kam es zum Generationswechsel, traten die beiden am Neujahrstag des Jahres 1991 zum ersten Mal im Ersten im „Tatort“ auf, in ihrer Premierenfolge mit dem Titel „Animals“ (alternativ: „Tiere der Großstadt“). Leitmayr fuhr einen knallroten Porsche Targa (der in den Folgen 99 und 100 neues Leben bekommt), hatte eine sehr blonde Freundin und trat beim Aussteigen direkt in einen Hundehaufen, worauf er die verschmierte Sohle den Zuschauern präsentierte. Sein folgender Ausruf durfte als Gruß nach Duisburg verstanden werden. „Scheiße“ heißt es auch zum Schluss in „Unvergänglich“ mehrfach, wie als Verbeugung vor dem verstorbenen Kollegen Götz George.

Ein Münchner kann auch aus Kroatien stammen

Die Zuschauer gewöhnten sich nicht nur daran, sondern auch an die Tatsache, dass ein Münchner aus Kroatien stammen kann. Die beiden Kommissare ließen nichts anbrennen, Batic verliebte sich einmal ganz schlimm in eine von Iris Berben gespielte Figur namens Frieda Helnwein und wechselte fast auf die dunkle Seite („Das Glockenbachgeheimnis“). In dieser Folge zeigte er sich im Adamskostüm, was Leitmayr nicht auf sich sitzen ließ und konterte, und sowie mit Jeanette Hain als Kunstexpertin Anne Mars und einigen anderen anbändelte. Nacheinander natürlich, in 35 Jahren kamen eine Menge Beziehungen zusammen.

Die eine einzige eheähnliche blieb, mit allen Höhen und Tiefen, Entfremdungen und Zuneigungsbezeugungen, die der beiden Kommissare selbst. Ihre Frotzeleien standen vom Anfang an im Drehbuch, aber Nemec und Wachtveitl haben über die Jahrzehnte ihr Timing und ihren Ausdruck perfektioniert.

Ihre frühen Folgen sind gut gealtert

Auffällig ist, dass ihre frühen Folgen besser gealtert sind als etwa die Schimanskis, denn der zeitgeistige Sexismus in ihnen hatte immer auch etwas Uneigentliches. Leichtfertigkeit bedeutete hier, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, aber den Beruf sehr ernst. Hier standen die Opfer schon im Mittelpunkt, als man anderswo über Krimiperspektivenverschiebung noch nicht nachdachte. Zwar trugen auch die Folgen mit Batic und Leitmayr immer wieder die jeweils aktuelle „Last der Themen“, wie es in Dominik Graf in der BR-Begleitdoku sagt.

Kaum wieder zu erkennen, oder? Miroslav Nemec (I.) und Udo Wachtveitl betrachten den Dienstausweis.BR/Harald Schulze

Andererseits gab es große fiktionale Spielräume und -wiesen, die wegen des Publikumserfolgs eben durchgingen. Obwohl beispielsweise Schwarz-Weiß-Aufnahmen im „Tatort“ unerwünscht waren, spielte die Folge „Der oide Depp“ (2008) nicht nur mit ebensolchen Rückblicken, sondern verwendete, kunstvoll montiert, auch Archivaufnahmen der Polizeiserie „Funkstreife Isar 12“ aus den Sechzigerjahren. Man spielte mit True-Crime-Motiven, als die Mode es noch nicht hergab, und auch mit der Unabgeschlossenheit der Suche nach der Wahrheit nach 90 „Tatort“-Minuten, ohne kopflastig zu werden. Die Folge „Die Wahrheit“ (2016) etwa bekam eine Weitererzählung mit „Der Tod ist unser ganzes Leben“, in der die Ermittlungsergebnisse ausrutschten wie auf einer Bananenschale. In „Norbert“ (1999) spielte Jürgen Tarrach einen Geständigen, bei dem die Kommissare nicht sicher sein konnten, wozu die Lüge diente.

Legendär kontrovers diskutiert wurde „Frau Bu lacht“ (1995) von Dominik Graf, immer noch überaus sehenswert. Batic und Leitmayr lassen hier eine überführte Mörderin nicht nur laufen, sondern unterstützen ihre Flucht. Es geht um Kindesmissbrauch und Menschenhandel und um die Frage, was die Justiz in bestimmten, besonders abscheulichen Fällen ausrichten kann. Am anderen Ende der Unterhaltungsskala steht die „Cosy Crime“-Weihnachtsfolge „Mord unter Misteln“ (2022), ein Kostümstück, in dem Detective Constable Ivor Partridge sich grummelnd die Frage stellt, warum er es nicht so weit gebracht hat wie Kollege Detective Inspector Francis Lightmyer. Es ist einer der eher ungewöhnlichen Fälle, nämlich einer, in dem die Stadt München keine tragende Rolle hat.

Nie so rüde wie der Ruhrpott-„Tatort“, nie so unernst wie die Komiker aus Münster, relevant, engagiert und unterhaltsam, haben Batic und Leitmayr aber nun endgültig Dienstschluss mit der 100. Folge. Sie konnten nicht ohneeinander. Ob sie ihren letzten Fall (gemeinsam) überleben werden, bleibt bis zum Ostermontagabend ein Geheimnis. Servus, Batic und Leitmayr.

Der Doppel-Tatort: Unvergänglich läuft an Ostersonntag und Ostermontag um 20.15 Uhr im Ersten. Die Doku Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort sagen Servus sendet das Erste am Ostermontag um 21.45 Uhr. Am Samstag, 11. April, präsentiert das BR-Fernsehen ab 20.15 Uhr die Tatort-Episoden Das Glockenbachgeheimnis (1999), Norbert (1999) und Wolf im Schafspelz (2002).

Source: faz.net