Der Leiter einer Jugend-Wohngruppe wurde ermordet. Im „Tatort: Gegen die Zeit“, dem vorletzten Fall von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), ermittelt das erfahrene Duo unter Kindern und Jugendlichen, deren Leben in jungen Jahren schon gegen die Wand gefahren scheinen.
„Wir sind die Einzigen, die sehen, dass sich die Kinder anstrengen und dass sie ums Überleben kämpfen“, sagt ein Betreuer der Jugend-Wohngruppe „Sonnenhof“ zu den Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Im „Tatort: Gegen die Zeit“ müssen die beiden in ihrem vorletzten Fall den Tod des Leiters der Einrichtung untersuchen: David Walcher (Roland Silbernagl) wurde am späten Abend unweit des etwas abgelegenen sozialen Wohnprojektes erschlagen. Auch wenn noch eine Ex-Frau und ein latent aggressiver Nachbar als Täter infrage kommen – vor allem beschäftigen sich Eisner und Fellner mit der Dynamik innerhalb der Wohngruppe.
Die weist einen erstaunlichen Betreuungsschlüssel auf: Selbst nach dem Tod des Leiters kommen auf fünf Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren immer noch drei Betreuer: Olaifa (Ayo Aloba), Araz (Emre Cakir) und Simon (Augustin Groz). Die Atmosphäre unter den Pädagogen scheint verantwortungsbewusst und professionell kameradschaftlich zu sein. Alle hier sind sich bewusst, dass es ihre „Klienten“ im bisherigen Leben schwer hatten. Gemeinsam kümmert man sich um die beiden Nesthäkchen Levi (Christoph Lackner-Zinner) und Oki (Yacouba Diabate) sowie die 17 oder 18 Jahre alten Leon (Tristan Witzel), der arge Probleme mit seiner Impulskontrolle hat, dessen Kumpel Mo (Rena Hussin) sowie Cihan (Alperen Köse). Letzterer ist allerdings nach der Tat verschwunden. Ein Umstand, der den jungen Mann natürlich verdächtig macht.
Feiner Blick auf durchgeschüttelte junge Leben
Während Co-Ermittlerin Meret Schande (Christina Scherrer) in Cihans altem Umfeld nach dem Flüchtigen fahndet, verbringen Eisner und Fellner vor allem Zeit im „Sonnenhof“. Die erfahrenen Wiener Ermittler wollen die Dynamik zwischen Betreuern und „Klienten“ verstehen. Die Pädagogen leben mit den Jungen unter einem Dach und kümmern sich mit Disziplin und Nachsicht um junge Leben, die früh gegen die Wand gefahren scheinen. Einer der Betreuer, früher selbst Heimkind, sagt zu den Kommissaren: „Uns geht es ums Halten von Beziehungen. Weil, wenn wir sie verlieren, landen sie auf der Straße. Das sollen mal die ganzen Leute realisieren, die immer sagen, dass man mit den Kindern hart umgehen muss. Die sollen mal einen Tag in so einem hoffnungslosen Scheißleben aushalten.“
Für Drehbuch (mit Hermann Schmid) und Regie des neuen ORF-„Tatorts“ ist Katharina Mückstein verantwortlich. Die 1982 in Wien geborene Filmemacherin übernimmt zwar auch reine Inszenierungsjobs wie zum Beispiel für die Wiener Krimireihe „Blind ermittelt“ oder auch ihren ersten (starken) „Tatort: Dein Verlust“, bei dem sich Moritz Eisner an seinem Geburtstag ins Koma trank. Wenn die Filmemacherin jedoch selbst – wie hier – fürs Drehbuch verantwortlich ist, handelt es sich fast immer um sehr fein beobachtete und oft preisgekrönte Blicke auf die Gesellschaft, die Mückstein auch im Dokumentarfilm-Genre („Feminism WTF“) vornimmt. Warum das erwähnt werden sollte? Weil sich der „Tatort: Gegen die Zeit“ durch genaueres Hinschauen auf prekäre und durchgeschüttelte junge Leben und differenzierte Rollenbilder auch bei den Betreuern auszeichnet.
Die „begehbare Erzählung“ als neuer Krimi-Kniff
Spannend ist die Tätersuche im Jugendheim dennoch – und dafür ist unter anderem ein Inszenierungskniff verantwortlich, den man zuletzt immer häufiger sieht: Man könnte diesen Kniff als „begehbare Erzählung“ bezeichnen. Die funktioniert so, dass Ermittler eine Tattheorie äußern, die – sozusagen fiktiv – in reale Bilder übersetzt wird. Wobei die Kommissare mit im Raum oder Bild stehen, während jene Szenarien vor dem „geistigen Auge“ der Rollen und dem echten Sehwerkzeug der Zuschauer ablaufen. Ein durchaus feines Stilmittel, um Tattheorien visuell erlebbar zu machen.
Doch wie ist er nun geworden, der vorletzte Wien-Einsatz von Eisner und Fellner? Die unterschätzte Hamburger Alternative-Pop-Band „Ja König Ja“ veröffentlichte 2008 ein Album mit dem gleichnamigen Titelsong „Die Seilschaft der Verflixten“. Darin geht es – poetisch gewürdigt – um eine Gruppe von Außenseitern und Verbündeten, die ein klares Ziel in ihrer Gemeinschaft leben. Es heißt: Durchkommen trotz sehr schlechter Voraussetzungen. So ähnlich verhält es sich mit der Gruppe im „Sonnenhof“. „Tatort: Gegen die Zeit“ ist ein differenzierter, angenehm klischeefreier Blick auf jene „Verflixten“. Und dazu ein Krimi mit einer leisen, aber durchaus spürbaren Spannung.
Tatort: Gegen die Zeit – So. 26.04. – ARD: 20.15 Uhr
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Source: stern.de