Schon wieder Shakespeare? Wurde der nicht erst am vergangenen Sonntag zitiert, als das Berliner „Tatort“-Team ermittelte? Ja, wurde er. Aber in Ludwigshafen ist man ebenfalls mit dem Dichter vertraut. Für den Zuschauer, der von Beginn an ohnehin über Drama und Täter Bescheid weiß, spielen die Literaturkenntnisse der Kommissarinnen jedoch keine Rolle.
Ein junges, hochnervöses Paar fährt in die Vororthölle. Deren Bewohner langweilen sich in ihren Eigenheimen, weshalb sie ständig auf der Lauer liegen. Es herrscht eine irritierende Sauberkeit, sogar das Zirpen der Grillen klingt unheimlich. In diese abgeschottete Welt darf selbst das Sommerlicht nicht eindringen. Zumindest das Spiel zwischen Hell und Dunkel ist im „Tatort: „Mike & Nisha“ (Buch Annette Lober, Regie Didi Danquart) visuell dicht inszeniert (Kamera Conny Janssen).
Für Mike (Jeremias Meyer) bedeutet der Ausflug eine Heimkehr ins Elternhaus, für seine Freundin Nisha (Amina Merai) die erste Bewährungsprobe, denn heute lernt sie Mikes Eltern kennen, die zugeknöpften Schaubs. Sie hält einen Strauß Blumen in der Hand und hat auch ein kleines Kätzchen als Geschenk dabei – allergiefrei. Die Nachbarschaft registriert den Besuch sofort. Gerlinde Wagner (Anna Stieblich als großartige Spießerin), ausgestattet mit einem siebten Sinn, sagt zu ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter: „Ob das wohl gut geht.“
Es geht schief – und zwar auf eine derart groteske Weise, als habe die Drehbuchautorin Annette Lober beim Entwurf der Story an Quentin Tarantino gedacht. Was als Treffen geplant war, endet in einer Gewaltorgie. Die Kamera zeigt das Paar von hinten, wie es die Schürhaken wieder und wieder auf die Opfer niedersausen lässt. Als sie die Gesichter von Mike und Nisha das nächste Mal einfängt, sind sie blutbesudelt. Die Enthemmtheit, mit der die Verliebten die Schaubs hingerichtet haben, entbehrt jeder Glaubwürdigkeit. Soll das Satire sein? Oder eine Erinnerung daran, wie dünn die Firnis der Zivilisation ist?
Schäferhunde mögen keine Katzen
Die Katze muss ebenfalls dran glauben. Der Nachbar, ein mit Abhörequipment ausgerüsteter Fiesling namens Erwin Rammthor (Wolf Bachofner), bringt sie Mike und Nisha in einer Plastiktüte zurück und sagt den bösesten Satz der Folge: „Das war mein Fritz, der apportiert gern.“ Schäferhunde mögen eben keine Katzen.
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) wissen indes nicht so recht, wie sie ohne Leichen ermitteln sollen, denn die haben Mike und Nisha längst verschwinden lassen. Es fehlt die Dringlichkeit. Doch die benötigt ein Krimi, der nicht auf Spannung verzichten möchte. In Ludwigshafen bleibt viel Zeit für Tiefgründiges. „Warum macht mich dieses Paar so traurig?“, fragt Lena Odenthal. Redlich Mühe geben sich die Nachwuchskräfte Mara (Davina Chanel Fox) und Nico (Johannes Scheidweiler), die Chefinnen behandeln sie trotzdem wie Kindergartenkinder. Der bevormundende Ton scheint allerdings an den Jungen abzuperlen. Aber wer weiß, vielleicht kommt ihre wütende Zeit erst noch.
Der Tatort: Mike & Nisha läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.
Source: faz.net