Wegen der immer weiter steigenden Preise für Benzin und Diesel fürchten viele Politiker in Deutschland und Europa den Volkszorn so sehr, dass sie seit Wochen vielerlei Aktivismus zeigen: Wochenlang wird schon über Maßnahmen zur Beruhigung des Preisauftriebs geredet. Es werden offenbar verzweifelt neue Instrumente zur Dämpfung des Preisanstiegs gesucht. Einige europäische Länder wenden hohe Beträge auf, um die von Donald Trumps Krieg verursachten Preissteigerungen möglichst verschwinden zu lassen.
Fraglich bleibt, wie sehr sich überhaupt die höheren Preise von Diesel und Benzin im Geldbeutel der Deutschen niederschlagen. Der Effekt hängt stark von der Nutzung der Autos ab und damit wiederum von persönlichen Notwendigkeiten und Gewohnheiten. Einschätzen lässt sich die Wirkung mit konkreten Berechnungen.
Gelegenheitsfahrer klagen kaum über die gestiegenen Spritpreise
Beeindruckt von den Preissteigerungen an der Tankstelle zeigt sich zum Beispiel ein benachbarter Rentner in Frankfurt, der oft mit dem Auto unterwegs ist, zu sportlichen Aktivitäten, Besuchen in der Familie, Wohltätigkeitsveranstaltungen oder gesellschaftlichen Ereignissen, aber immer nur auf kurzen Strecken. „Im Monat fahre ich insgesamt keine 300 Kilometer“, lautet die Feststellung zu den persönlichen Bedürfnissen an Autonutzung. Die monatlichen Zusatzkosten durch den höheren Benzinpreis erweisen sich deshalb als überschaubar. Bei einem seit Februar um 50 Cent auf 2,25 Euro gestiegenen Benzinpreis, einem Benzinverbrauch von acht Litern auf 100 Kilometer ergibt sich in der Endabrechnung ein Mehraufwand von gerade einmal zwölf Euro im Monat.
Wenig dramatisch ist auch die Kalkulation für einen Wenigfahrer, der meist öffentliche Verkehrsmittel benutzt, aber an einem Wochenende zu einer Familienfeier in 250 Kilometern Entfernung fährt. Bei Nutzung eines Autos mit Benzinmotor mit Verbrauch von acht Litern auf 100 Kilometer ergibt sich für die um beachtliche 50 Cent je Liter gestiegenen Treibstoffpreise ein Mehrpreis für die 500-Kilometer-Tour von 20 Euro.
Für manche Pendler monatlich nur 19 Euro mehr
Für Pendler mit dem Auto gibt es oft nicht die Option, das Auto auch einmal stehen zu lassen. Das Statistische Bundesamt gibt im Mikrozensus für 2024 an, dass 65 Prozent der Erwerbstätigen zum Erreichen des Arbeitsplatzes das Auto benutzen. Von allen Erwerbstätigen, für alle Verkehrsmittel, gibt die Statistik auch die Entfernung der Pendler zum Arbeitsplatz an. 28,4 Prozent haben zwischen zehn und 25 Kilometer zu überwinden, 13,9 Prozent dagegen 25 bis unter 50 Kilometer, dagegen 5,2 Prozent 50 Kilometer und mehr.
Zwei Szenarien liefern konkrete Beispiele für die gestiegenen Kosten des Pendelns mit dem Auto: zum einen ein Pendler mit einer moderaten Entfernung zum Arbeitsplatz von 20 Kilometern, zudem mit der Möglichkeit, für zwei Tage in der Woche vom Home Office zu arbeiten. In diesem Fall ergibt sich zwölfmal im Monat eine tägliche Strecke von 40 Kilometern, monatlich insgesamt 480 Kilometer. Bei einem Auto mit Benzinmotor und Verbrauch von acht Litern auf 100 Kilometern errechnen sich bei gestiegenen Benzinkosten von 50 Cent je Liter zusätzliche Kosten von 19,20 Euro im Monat.
Mit Diesel und großer Entfernung wird es teurer
Weit stärker sind Pendler betroffen, die 50 Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt wohnen und keine Möglichkeiten für Homeoffice haben, sei es Servicepersonal im Restaurant oder ein Arzt. Anzunehmen ist, dass sich dieser Kreis von Pendlern einen Pkw mit Dieselmotor zugelegt hat, weil diese Art von Auto etwas niedrigere Verbrauchszahlen vorzuweisen hat und weil bis vor kurzem der Literpreis von Diesel günstiger war als der von Benzin.
Die Kostenkalkulation ist damit sinnvoll mit einem Verbrauch von nur sechs Litern auf 100 Kilometer, aber zugleich mit einem seit Februar um 73 Cent gestiegenen Literpreis. Die Rechnung beinhaltet 20 Arbeitstage mit einer monatlichen Pendelstrecke von 2000 Kilometern. Für den dafür nötigen Dieseltreibstoff ergeben sich Zusatzkosten von 87,60 Euro im Monat.
Je länger die Pendelstrecke, desto größer die Belastung
Dieser Betrag kann für einen großen Teil der Pendler verkraftbar sein, für eine Minderheit womöglich nicht. Besonders getroffen sind diejenigen Arbeitnehmer, die wenig verdienen und sich deswegen die Mietpreise in den Metropolen nicht leisten können. Von diesen gibt es Arbeitnehmer, die weite Pendelstrecken in Kauf nehmen, weil in entfernten und abgelegenen Orten abseits des öffentlichen Nahverkehrs die Wohnkosten niedrig sind. Dieser Personenkreis dürfte aber eher klein sein.
Nach der jüngsten Studie des Bundesverkehrsministeriums zu „Mobilität in Deutschland“ von 2023 haben von den Haushalten mit „sehr niedrigem ökonomischem Status“ (neun Prozent aller Haushalte) nur 46 Prozent ein Auto zur Verfügung, von den Haushalten mit „niedrigem ökonomischem Status (zwölf Prozent aller Haushalte) können 70 Prozent jederzeit ein Auto nutzen.
Generell steige die täglich zurückgelegte Entfernung mit dem ökonomischen Status des Haushalts. Mit sehr hohem ökonomischen Status würden dienstliche Tagesstrecken von mehr als 100 Kilometern zurückgelegt, mit sehr niedrigem ökonomischen Status durchschnittlich 14 Kilometer.
Beim Gütertransport geht die Rechnung in die Tausende
Deutlich mehr getroffen von den kräftig gestiegenen Dieselpreisen sind die Gütertransporteure. Denn ein Lastzug schluckt in der Regel um die 30 Liter für 100 Kilometer Strecke. Für Gütertransporteure, die auf Mittelstrecken unterwegs sind, kann für die Kalkulation eine jährliche Strecke von 100.000 Kilometer zugrunde gelegt werden, also monatlich 8333 Kilometer. Für Langstreckentransporte sind auch 200.000 Kilometer im Jahr möglich, also 16.666 Kilometer im Monat. Damit steigen die Dieselkosten für den Transporteur auf der Mittelstrecke um 1824 Euro im Monat, für die Langstrecke um 3648 Euro im Monat oder rund 44.000 Euro im Jahr. Für viele Gütertransporteure sind diese Zusatzkosten größer als die schmale Ertragsmarge, sie müssten daher mit Verlusten rechnen.
Die Denkweise, die Regierung müsse nun unbedingt nach Wegen suchen, die Autofahrer für die gestiegenen Kraftstoffkosten einen Ausgleich schaffen, findet energischen Widerspruch bei Stefan Kooths, Forschungsdirektor für Konjunktur und Wachstum beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Niemand zahlt gerne mehr an der Zapfsäule“, kommentiert Kooths, „aber die wenigsten kommen dadurch hierzulande – anders als in den ärmeren Teilen der Weltwirtschaft – in existenzielle Nöte.“
Höhere Ölpreise machen das ganze Land ärmer
Allzu oft werde in der Diskussion eine grundlegende Tatsache übersehen: „Höhere Weltmarktpreise für Öl und Gas führen in Deutschland zu einem gesamtwirtschaftlichen Kaufkraftentzug“, betont Ökonom Kooths. Wenn das ganze Land ärmer werde, dann sei der Staat Teil der Gesamtwirtschaft und kein außenstehender Dritter. Er könne nur Lasten umverteilen. „Je mehr dazu der Staat in das Preissystem eingreift, oder mit expansiver Finanzpolitik gegen einen negativen Angebotsschock anarbeitet, desto weniger effizient kann das Wirtschaftssystem mit dem verknappten Angebot eines wichtigen Produktionsfaktors umgehen“, lautet die Warnung des Kieler Ökonomen. Entgegen der Absichten könnte mit Interventionen der gesamtwirtschaftliche Schaden noch größer ausfallen als nötig.
Mit Blick auf die höheren Kosten der Gütertransporteure meint Kooths, wenn Kostenkomponenten teurer würden, dann müssten die vom gesamtwirtschaftlichen Preissystem verdaut werden. Im Zweifel könnten dann Transportleistungen teurer werden, weshalb dann auch sinkende Nachfrage den Kraftstoffverbrauch dämpfen würde.
Bei Taxis mit festgelegten Preisen seien allerdings solche Reaktionen nicht möglich, womit sich auch die Frage stelle, ob solche Arten der Regulierung noch zeitgemäß sei. Für die Pendler mit Pkw wiederum hält Kooths eine Anpassung der Kilometerpauschale den vom Steuersystem naheliegendsten Schritt.