Das Schlimmste, sagt Ramia
al-Hourani, seien die Hunde. Tollwütige Streuner. Während der Belagerung der syrischen
Stadt Harasta durch Assads Regierungstruppen haben sie die herumliegenden Leichen gefressen. Die Toten sind nun begraben, die Hunde sind noch da. Sie könnten ihre Kinder angreifen, fürchtet al-Hourani.
Sie steht im Innenhof ihres Hauses, ihr Hidschab schimmert golden, und tätschelt ihrem Sohn den Kopf. Sie lächelt. Man sieht hier nicht viele lächelnde Gesichter. Al-Hourani lebt mit ihrem Mann,
zwei Kindern, den Eltern und Schwiegereltern in einem halben Haus am Rande von
Harasta. Es ist so ziemlich das Einzige, das noch steht, mitten in einem Geröllfeld. Hoffentlich kommen bald mehr Menschen nach Syrien zurück, sagt al-Hourani. Hoffentlich wird es dann sicherer. Hoffentlich wird es leichter.
Seit dem Sturz des
Diktators Baschar al-Assad vor einem Jahr erwägen viele Syrerinnen und Syrer, die während des zwölfjährigen Krieges geflohen sind, zurückzukehren. In
Deutschland wird sogar überlegt, ob man sie dazu zwingen sollte. Doch
wie sieht es aus in dem Land, in das die Geflüchteten zurückkehren würden?
Fünf Häuser habe ihre
Familie früher besessen, erzählt al-Hourani. Fast alle seien zerstört. In dem, in dem sie jetzt leben, ist die obere Etage weggebombt, die Familie hat eine Art Dachterrasse daraus
gemacht. Am Kopfende einer Matratze steht eine Autobatterie, mit der sie ihre
Handys laden. Das Wasser müssen sie von einem Brunnen herschleppen.
Was aus den Trümmern um sie
herum wird, können die al-Horuanis von der Terrasse aus sehen: Schotter. Wenige Hundert
Meter entfernt hat ein Steinbruch den Betrieb aufgenommen. Hierher werden Teile
der zerbombten Häuser gebracht, zerkleinert und recycelt zu Baustoff. Gelegentlich suchen Menschen auch dazwischen noch nach etwas Brauchbarem, Wertvollem. Ein Rudel Hunde knurrt sich auf einem Schutthaufen an.
Provinz der Gräuel
Harasta ist ein
Vorort im Nordosten von Damaskus, eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt. Von dem Ort war
kürzlich in deutschen Medien viel die Rede, weil Außenminister Johann Wadephul
hier war. Denn die Regierung in Damaskus bemüht sich um bessere
Beziehungen zum Westen, und die Bundesregierung denkt über Abschiebungen nach
Syrien nach. Doch als Wadephul in Harasta war, kamen ihm Zweifel. Sichtlich
erschüttert sagte er: „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig
leben.“
Das Ausmaß der Zerstörung
an diesem Ort ist enorm. Und so wie in Harasta sieht es in vielen Teilen Syriens
aus, auch wenn es Orte gibt, in denen ein normaleres Leben möglich ist. Immer
wieder fällt der Strom aus, sieben von zehn Syrern sind auf Hilfen angewiesen,
das sind etwa 16,5 Millionen Menschen. Die halbe Bevölkerung ist innerhalb des
Landes oder ins Ausland vertrieben worden, mehr als 90 Prozent der Menschen leben
heute unterhalb der Armutsgrenze.
Harasta ist auch ein symbolträchtiger
Ort. Er war erst ein Zentrum des Widerstands gegen das Assad-Regime, von Rebellen besetzt und besonders heftig umkämpft. Außerdem liegt Harasta in der Provinz Ostghuta, in
der einige der schlimmsten Gräuel im syrischen Bürgerkrieg verübt wurden.
Überall Granaten in den Trümmern
Zwar ist der Krieg vorbei, doch ungefährlich ist es in
Harasta nicht. Ein Mann will an einem Kreisverkehr in der
Stadt einen Fund zeigen. Er habe das aufräumen wollen,
was mal ein Bürgersteig war, sagt er. Dabei habe er einen Blindgänger gefunden.
„Vermutlich unschädlich“, sagt er und zeigt auf eine rostige Mörsergranate. Sonst
wäre er jetzt wohl tot. Er habe sie selbst aus dem Boden gezogen. Jetzt liegt
sie auf einem Stück Papier am Straßenrand.
Normalerweise rücken in
solchen Fällen die Weißhelme aus, eine Art freiwillige Feuerwehr in Syrien. Sie entschärfen
und entsorgen solche Blindgänger. Heute können sie nicht, sie haben einen Termin
mit Leuten von den Vereinten Nationen. Besorgniserregend nah an dem Blindgänger
laufen zwei Kinder vorbei, ohne davon Notiz zu nehmen. Wie viele solcher Granaten in den Trümmern und an den Straßenrändern lauern – und vor allem wo –, weiß
niemand.
Auch Harastas Bürgermeister Ismail
Jabhaji erzählt, was für ein Riesenproblem die Blindgänger sind. Erst am Vortag
sei im Nachbarort ein Kind gestorben, das mit einer Granate gespielt habe. Blindgänger und Minen gibt es überall in Syrien. Mehr als eine Million Sprengkörper wurde während des Bürgerkriegs nach Schätzungen von Hilfsorganisationen
und der Vereinten Nationen verwendet, von denen 10 bis 30 Prozent nicht
explodiert sind. Seit Dezember 2024 starben dadurch etwa 1.500 Menschen, teilt das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) auf Nachfrage der ZEIT mit. Ein Drittel der Opfer
seien Kinder.
Jabhaji ist erst seit zwei
Monaten Bürgermeister von Harasta und auch nur übergangsweise, bis wieder
richtige Wahlen stattfinden. In seinem Büro im ersten Stock, vorbei an ein paar
Wartezimmern und noch mehr Aschenbechern, unterschreibt er Papiere. Etwa 70
Prozent der Stadt seien zerstört, sagt er, 90 Prozent der Infrastruktur. Es
gibt fast keinen Wohnraum und nur sehr wenige Menschen, die den Ort wieder
aufbauen und damit die Wirtschaft antreiben könnten. Gleichzeitig fehlt es an
Jobs.