Svenja Leibers „Nelka“: Aus dem Leben einer Zwangsarbeiterin

Im Zentrum des vorliegenden Romans steht Nelka Lechner, die 1925 in Lwów geboren wurde. Die Sprache ihres Vaters Wendelin Lechner war Deutsch, Polnisch die ihrer jüdischen Mutter Jeva Silber: „Nelka erzogen sie lose in ihrem jeweiligen Glauben und ihrer jeweiligen Sprache, wobei das Polnische ihre Haussprache war und ihr Glaube nur alte Gewohnheit. Wenn es aber um Politik ging, sprach Jeva Russisch, und wenn es um Äpfel ging, sprach Wendelin Deutsch.“ Denn Lechner verfügte als Berater für Obstbau am Botanischen Institut der Universität Lemberg (oder polnisch Lwów) über profunde Kenntnisse der Pomologie, in die er seine junge Tochter Nelka einweihte.

Nelka wird 1941, im Alter von 16, mit anderen Mädchen und jungen Frauen aus der nun von den Nationalsozialisten besetzten Stadt auf einen Gutshof in Schleswig-Holstein als Zwangsarbeiterin verschleppt. Über den Transport mit der Bahn heißt es: „Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren und die für einige Tage in einem Sammellager bei Krakau bleiben mussten, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“

Das Land, das sie eigentlich nie mehr betreten wollte

Weil Nelka, wie auch ihre spätere Leidensgenossin Margaryta, keinen Ausweis bei sich hatte, mussten neue Papiere ausgestellt werden. Dabei blieb ihre jüdische Identität unentdeckt, eine lebensrettende Volte unter den herrschenden menschenverachtenden Bedingungen. Auf dem Gutshof werden ihr die Mehrsprachigkeit wie auch das Wissen übers Kultivieren von Äpfeln zugleich Existenzerhaltung und Verhängnis.

Svenja Leiber: „Nelka“. Roman.Suhrkamp

Seit dem Ende des Kriegs ist Nelka zurück in ihrer Heimatstadt. 50 Jahre nach ihrer Verschleppung aus Lwiw, wie Lemberg nach der Unabhängigkeit der Ukraine wieder heißt, macht sie sich auf zur Reise in das Land, das sie eigentlich nie mehr betreten wollte. Es muss anfangs der Neunzigerjahre sein, als sie beschließt, dem früheren Gutsverwalter Marten noch einmal gegenüberzutreten. Denn er hatte ihr weiteres Leben maßgeblich mitbestimmt. Kurz vor der Ankunft hat ihm Nelka einen Brief geschickt, mit dem der Roman beginnt: „Sie werden sich nicht an mich erinnern. Mein Gesicht würden Sie nicht erkennen, wenn wir uns auf einer beliebigen Straße begegneten. Ich aber erinnere mich an Ihr Gesicht. Alles daran sehe ich noch heute vor mir. Nichts habe ich vergessen.“

Bei Übertretungen drakonische Strafen

In den nun einsetzenden Reflexionen fühlt sich der Verwalter, inzwischen Mitte 70, auf die Wirklichkeit seines Lebens zurückgeworfen. Was er Revue passieren lässt, erkennt er als im Kern verdorben. Er fürchtet sich vor der Begegnung mit Nelka, auf die er sich gleichzeitig sorgfältig vorbereitet. Tatsächlich verdankt er es ihr, dass er nach dem Krieg ein Vermögen gemacht hat mit niederstämmigen Apfelplantagen. Dieses Wissen hat sie ihm gegeben, obwohl ihr Vater und sie die gewaltvolle Domestizierung von Natur ablehnten.

In der ersten Hälfte der Vierzigerjahre war Nelka für den Gutsverwalter, damals Mitte 20 und seinem Stand gemäß verheiratet, zum Objekt des Begehrens geworden. Ihm war jeder Kontakt mit den Zwangsarbeiterinnen verboten, die Übertretung mit drakonischen Strafen belegt. Aber er fand einen Weg, ihren Verbleib im Verwalterhaus zu ermöglichen, weg von den Baracken der anderen übelst ausgebeuteten Frauen.

Dies gelang unter dem Vorwand, ihr Wissen über die Veredelung von Apfelbäumen, das sie ihm vermitteln konnte, für den deutschen Volkskörper nützlich zu machen: „Von nun an wohnt Nelka ganz im Verwalterhaus. Sie wohnt, falls man es wohnen nennen kann, in der Kammer auf dem Dachboden, und sie schließt die Kammer am Abend ab. Sie denkt, dass der Verwalter es so will. Sie soll bewachen, wonach es ihn verlangt.“ Dann: „In seinem Arbeitszimmer sitzt der Verwalter hinter seinem Schreibtisch und will, dass sie ihm die Äpfel beschreibt, alle, die sie kennt, so ausführlich wie möglich, und alles, was sie über Zucht und Veredelung weiß. Er kann sie nicht haben, aber er kann sie gebrauchen.“

Aneignung und Schändung des weiblichen Körpers

Die Perfidie des Systems wird in diesem Detail des Romans greifbar. Und der Verwalter wird Nelka noch anders, schlimmer „gebrauchen“; er wird sie missbraucht haben. Irgendwann weiß sich die junge Frau seiner Zudringlichkeit nicht mehr anders zu erwehren: „In der Nacht lässt Nelka ihn in die Kammer.“ Dabei belässt es Leiber für das Geschehen ihrer ersten Vergewaltigung.

Verbunden mit Nelkas Schicksal wird die Geschichte von Aneignung und Schändung des weiblichen Körpers zum Thema des Romans, exemplarisch am Bespiel von Margaryta und Schula, die ebenfalls aus Lemberg stammen. Die zarte Margaryta wird vom Obermelker des Guts geschwängert und stirbt elend bei der Geburt ihres Sohns, der sofort, als deutsches Kind, in ein Pflegeheim kommt. Schula wird zur Strafe für ihre Aufsässigkeit tagelang in einen engen Bau eingesperrt, was sie nur aufgrund ihrer starken Kondition überlebt. Alles trägt sich in der Atmosphäre eines beklemmend geschlossenen Orts zu, Nährboden für die geduldete oder gar erwünschte Gewalttätigkeit allen dort zusammengepferchten Verschleppten und Kriegsgefangenen gegenüber, Frauen wie Männern und auch Kindern.

Leiber eröffnet für „Nelka“ in der Verschränkung von Gegenwart und Rückschau, von reflektierender Erinnerung Nelkas wie Martens und schmerzhaft realistischer Schilderung der Zustände unter Kriegsbedingungen einen Raum ohne Sentimentalität, mit fließenden Übergängen. Dafür findet sie, in ihrem nun sechsten Roman, eine wirklich unabgenutzte Sprache: ohne Sentimentalität und verlogene Melancholie, mit Härte manchmal, unaufgeregt; poetisch manchmal, auch das.

In einem Nachwort erläutert Svenja Leiber die Entstehung ihres Buchs: „Im Garten meines Elternhauses steht ein Apfelbaum. Er ist achtzig Jahre alt und der letzte seiner Art. Über die Herkunft des Baumes wusste ich lange nichts.“ Sie begann mit der Recherche, schreibt sie, „zu den Bäumen und zu den Menschen, die sie pflanzen mussten“. „Nelka“ sei, das betont sie, Fiktion, „eine Annäherung“. Der Roman könne nur „verweisen auf die polnischen und ukrainischen Frauen, deren Hände große Teile der Landschaft mit geformt haben. Denn sie trägt ihre Zeichen. Es ist auch ihre Landschaft. Es ist auch die Landschaft von Margaryta, Schura und Nelka.“

„Nelka“ bietet eine bildhafte Vorstellung davon, einen inneren Film: die jugendliche Protagonistin, eine Ausnahmedarstellerin mit ihrem Gesicht, in Sprache und Gestik, und genauso die gealterte Nelka Lechner, die ihren Quäler im einstigen Verwalterhaus des Guts aufsucht.

Svenja Leiber: „Nelka“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 204 S., geb., 24,– €.

Source: faz.net