Surfen, Elefanten, Ayurveda-Medizin –dieser Zauber Sri Lankas

Es ist stockdunkel in dieser Tropennacht in Panama – nicht in dem mittelamerikanischen Land, sondern in einem Küstendorf im Südosten Sri Lankas. Auf einer Restaurantterrasse steht Ajantha Palihawadana und spricht zu Grundschulkindern und ihren Müttern, die dicht gedrängt vor ihm auf Plastikstühlen sitzen. Palihawadana und sein Kollege Mahanana Dhanushka haben auf einer Leinwand Bilder und Tabellen gezeigt, jetzt überreichen sie den Kindern nagelneue Rucksäcke mit Schulsachen.

Dann löst sich die Versammlung auf. Kinder und Mütter verschwinden in der Finsternis, Palihawadana bleibt. Er sieht zufrieden aus. „Die Kinder sind unsere wichtigsten Wissensvermittler. Wenn sie begriffen haben, wie wichtig der Schutz unserer Meeresschildkröten ist, tragen sie das in die Familien weiter. Und unser Nachhaltigkeitsprojekt funktioniert.“

Palihawadana und sein Kollege haben an der Arugam Bay ein Artenschutzprogramm für bedrohte Meeresschildkröten initiiert. Drei Arten Meeresschildkröten legen am 17 Kilometer langen Strand ihre Eier ab: Oliv-Bastardschildkröte, Unechte Karettschildkröte und Grüne Meeresschildkröte. Doch oft vergebens, denn Wilderer plündern die Nester, um die Eier zu verkaufen.

Den Schulkindern bringt Palihawadana deshalb bei, dass es wichtig ist, die Tiere und ihre Nester zu schützen. Wegen des Artenschutzes. Und weil Touristen sich mehr und mehr dafür interessieren. Bisher kommt vor allem die Surf-Community in die Region – die Arugam Bay mit ihren herandonnernden Brechern gilt als einer der besten Wellenreit-Spots Asiens. Doch zunehmend buchen sich Urlauber auch in die neuen schicken Öko-Resorts ein.

„Endlose Möglichkeiten“ der Nachhaltigkeit

Den Kids habe er hoffentlich erfolgreich klargemacht, dass ihre Familien mit umweltschonendem Tourismus viel mehr und viel nachhaltiger Geld verdienen können als mit dem Verticken von Eiern für ein fischig schmeckendes, angeblich aphrodisierendes Omelett, sagt Palihawadana. Reisenden könne man zum Beispiel Touren zu den Nistorten und Aktivitäten anbieten oder Souvenirs, Fotos oder T-Shirts verkaufen. „Endlose Möglichkeiten!“, betont der 60-Jährige mit dem akkurat gestutzten Backenbart.

Er ist Experte für Biodiversität und Dozent an der Universität von Sri Jayewardenepura. Er betreut mehrere Nachhaltigkeitsprojekte in Sri Lanka, dem südasiatischen Inselstaat, der in der Form einer großen Träne vor der Südspitze Indiens im Meer liegt. „400 Familien sind bereits involviert, das ist fast ein Viertel der Küstenbevölkerung hier“, sagt er. „Umweltprojekte müssen die lokale Bevölkerung einbeziehen, wenn sie funktionieren sollen“, ist er überzeugt.

Bei Koggala im Inselsüden arbeitet Palihawadana an einem weiteren Nachhaltigkeitsprojekt mit. Hier werden in einer großen Lagune Mangroven gepflanzt, um die Küstenerosion aufzuhalten. Und auch dort sind die Einheimischen direkt involviert. Die Lagune von Koggala liegt 300 Kilometer westlich von Panama, an der Südspitze Sri Lankas.

Die Fahrt dorthin führt zunächst weg von der Küste und durch hellgrün leuchtende Reisfelder, in denen Wasserbüffel stehen. Dahinter dicht bewachsene Bergketten, zwischen denen Stauseen blinken. In den Kautschukbäumen krakeelen Makaken, Straßenschilder warnen vor achtlos kreuzenden Pfauen.

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Der Süden Sri Lankas ist der touristisch lebhafteste Teil des Inselstaats. Nach schwierigen Jahren aufgrund von Pandemie, Wirtschaftskrise und politischer Instabilität reisen seit einigen Jahren deutlich mehr Urlauber nach Sri Lanka, vor allem auch aus Deutschland.

Sie wollen an den langen Sandstränden in der Sonne braten, in Nationalparks Elefanten aufspüren, durch die Teeplantagen der Highlands wandern oder sich mit der auf Sri Lanka weitverbreiteten Ayurveda-Medizin Gutes tun. Die Reiseveranstalter registrieren aber ein wachsendes Interesse am Öko-Tourismus, darunter die deutsche Dertour, die auch selbst ein wachsames Auge auf eine nachhaltige touristische Entwicklung der Insel hat.

Förderungen der Reiseveranstalter

„Wir glauben, dass Tourismus eine positive Wirkung auf Biodiversität und den Wohlstand lokaler Communitys haben kann“, bestätigt Ingo Burmester, CEO der Hoteldivision von Dertour. Der Veranstalter hat deshalb die Stiftung Dertour Foundation ins Leben gerufen, die ausgewählte lokale Nachhaltigkeitsprojekte in Sri Lanka und anderen Destinationen unterstützt, die sich beispielsweise für Artenschutz und die Bewahrung ganzer Ökosysteme engagieren.

Beim Schildkröten-Projekt von Panama prüft die Stiftung gerade, ob es für eine Förderung infrage kommt. Auch andere Veranstalter sind auf Sri Lanka aktiv, etwa die TUI Care Foundation, die eine Junior Academy finanziert, in der Schulkinder durch Umweltbildung zu Naturschützern werden – auch das ist ein Ansatz.

In der Lagune von Koggala, die als stilles Wasser gleich hinter der dicht besiedelten Küste mit ihren Fischmärkten, Gästehäusern und knatternden Tuk-Tuks liegt, ist die Dertour Foundation bereits fest engagiert. Die dortigen Mangrovenwälder sind in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Nicht nur der Tsunami von 2004 hat enorme Schäden angerichtet, auch der zunehmende Salzgehalt des Wassers und die Vermüllung haben ihren Beitrag geleistet.

Doch ohne Mangroven geht es nicht; die im Wasser wachsenden Sträucher mit ihren freiliegenden Wurzeln schützen das Land vor Erosion, was angesichts des steigenden Meeresspiegels immer wichtiger wird. In Koggala fördert die Dertour Foundation deshalb ein Projekt zur Mangroven-Wiederaufforstung.

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Heute ist eine Gruppe Frauen in bunten Saris dabei, Setzlinge mit etwas Erde in Plastikbehälter zu stecken. Am Ufer stehen drei freiwillige Helfer, junge Studenten aus Wales, bis zum halben Oberschenkel im Wasser. Sie sind damit beschäftigt, die jungen Setzlinge in eigens gefertigten, unten offenen Zementkübeln auf dem Lagunenboden zu platzieren und die Kübel mit Steinen zu beschweren, damit die Pflanzen ordentlich anwachsen können und nicht weggeschwemmt werden. Immer mal wieder rutscht einer aus, und das Gelächter ist groß.

Palihawadana freut sich, dass immer mehr Freiwillige aus dem Ausland kommen, um im Urlaub ein paar Tage mitzuhelfen. Doch noch wichtiger ist ihm ein anderes Ergebnis. „Seit wir hier neue Mangroven anpflanzen, hat sich die Fischvielfalt deutlich verbessert“, sagt er und zeigt auf ein Auslegerboot, auf dem ein Alter das Netz auswirft. „Die Fischer haben wieder richtig zu tun.“

Einbindung der Einheimischen

Auch beim Mangrovenprojekt werden die Einheimischen involviert, lernen die Bedeutung intakter Mangrovenwälder kennen, helfen mit beim Aufziehen der Setzlinge und werden motiviert, durch den Lagunen-Tourismus auch sonst Geld zu verdienen. Mit Homestays zum Beispiel, wie sie jetzt an der kleinen Straße eröffnet haben, auf der die Touristen zur Lagune fahren, um dort Bootstouren zu unternehmen.

Außerdem hat eine kleine Bude aufgemacht, in der ein Mann aus Koggala selbst gemachten Saft aus Mangrovenäpfeln verkauft. Und auf einer kleinen Insel in der Lagune sitzt die 26-jährige Sanali vor einer Holzhütte und schält die Rinde von den Zimtbäumchen, die ihr Vater hier angepflanzt hat.

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Sri Lanka ist Heimat des Ceylon-Zimtbaums; das daraus gewonnene Gewürz wird seit Jahrtausenden verwendet, als Räucherduft und Medizin und in der Küche. Zimt steckt natürlich auch in vielen Currys auf Sri Lanka. Doch bei Sanali geht es um die Herstellung.

Ein Grüppchen Touristen samt Guide, gerade einem Ausflugsboot entstiegen, sieht Sanali gespannt zu. Gemahlene Rinde wird herumgereicht und beschnüffelt, Fragen zum 40-jährigen Zimtkrieg zwischen Holland und Portugal werden beantwortet, Tütchen mit Zimtstangen eingekauft.

Bis es im Unterholz raschelt und ein gut eineinhalb Meter langer Waran um die Hüttenecke watschelt. „Der tut nichts“, ruft Sanalis Vater, hält aber selbst einen gewissen Abstand zu der züngelnden Echse, bis sie sich wieder verzieht.

Schlechte Stimmung zwischen Mensch und Elefant

So friedlich läuft das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier auf Sri Lanka nicht immer ab. Als zerrüttet gilt das Verhältnis zu den Elefanten. 5000 bis 6000 Exemplare streifen wild über die Insel.

Zu Konflikten kommt es, weil die Menschen immer tiefer in die ursprünglichen Lebensräume der Elefanten eindringen und weil Straßen und Zäune die traditionellen Wanderkorridore der Tiere blockieren.

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Elefanten verunglücken nun im Auto- oder Zugverkehr, greifen ihrerseits aber auch Menschen an, wenn sie sich in Gefahr fühlen. Sie fressen ganze Ananas-, Zuckerrohr- und Bananenfelder leer und bedrohen damit die Existenz der Bauern. Die wiederum vertreiben die Tiere mit Gewehren, Elektroschockern und Feuerwerkskörpern. Es gibt ziemlich viele Tote auf beiden Seiten, die Stimmung ist schlecht.

Elefanten sind aber auch eine Ressource – die Touristen sind verrückt nach ihnen. Sie buchen Jeeptouren durch den Udawalawe-Nationalpark im südlichen Sri Lanka, wo an die 200 Asiatische Elefanten leben, mit flatternden Ohren durch den Busch trotten, sich mit dem Rüssel Gras ins Maul stopfen und ungerührt an den Geländewagen vorbeitraben, die manchmal so zahlreich unterwegs sind, dass sie sich auf den rötlichen Staubpisten regelrecht stauen.

Eine Attraktion ist auch das Elephant Transit Home in der Nähe des Parks, wo Elefantenwaisen aufgezogen und verletzte Tiere gesund gepflegt werden, bis sie wieder fit sind für die Natur. Die Besucher sitzen in einer halbkreisförmigen Arena und sehen zu, wie sich die dickhäutigen Zöglinge nacheinander Milch, Getreide und Salat einverleiben. Ganz am Schluss kommt ein alter Bulle angehumpelt. Er trägt eine Beinprothese, weil er auf eine Mine getreten ist, die jemand ausgelegt hat, um ihn und seinesgleichen in die Flucht zu treiben.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, die Interessen von Einheimischen, Elefanten und Touristen unter einen Hut zu bekommen. Findet jedenfalls Ajith Lokuge. Ein fröhlicher 60-Jähriger, der als Öl-Ingenieur in den Emiraten gutes Geld verdient hat, bevor er auf Zoologie, Waldwirtschaft und eigene Projekte umsattelte.

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Lokuge sitzt in einem Tea House im grünen Hochland von Haputale bei einem Teller Reis und Curry. „Es ist ihr Land, nicht unseres“, sagt er und zeigt auf den tiefgrünen, nebligen Regenwald, den die Elefanten in der Regenzeit auf dem Weg in die Ebene durchwandern. „Wir müssen die Konkurrenz um Habitat und Ressourcen entschärfen.“

Zusammen mit seiner „Forest Garden Nature Organisation“ hat er bereits einen zwei Meter hohen, von Solarpaneelen gespeisten Elektrozaun bauen lassen, der ein kleines Dorf vom Wanderkorridor der Elefanten trennt. Gleichzeitig will Lokuge die hiesigen Bauern überzeugen, Produkte anzubauen, die den Tieren nicht schmecken. 65 Nutzpflanzen kämen infrage, hat er herausgefunden, darunter Zimt und schwarzer Pfeffer, „und der lässt sich teuer ins Ausland verkaufen. Damit könnten die Menschen hier richtig Geld verdienen.“

Und was ist mit den Touristen? Für die plant Lokuge einen Waldwipfelpfad entlang des Elefantenkorridors, von dem Besucher die Dickhäuter sicher und ohne zu stören beobachten könnten. Auch das ergäbe eine nachhaltige Einnahmequelle für die Bevölkerung. Naturschutzprojekte also, die die Einheimischen einbinden, die für Touristen spannend sind und die unterm Strich zu nachhaltigem Wohlstand führen. Es könnte so einfach sein!

Auch in der Arugam Bay hat man diese Logik verstanden. Dort geht gerade ein Grüppchen Touristen schnellen Schrittes über den kilometerlangen Strand, der tagsüber in der Hand von Surfern ist. Es ist eine mondlose Nacht, nur die Taschenlampen der beiden Fischer, die vorgehen, werfen schwankende Lichtpunkte und beleuchten Hunderte kleiner Krabben, die seitwärts über den nassen Sand flitzen. Gestern haben die Fischer hier eine Meeresschildkröte beobachtet, die das Terrain sondierte. Es könnte sein, sagen sie, dass sie heute zum Eierlegen zurückkehrt.

Als der Regen wieder einsetzt, verharrt der Lichtkegel auf etwas, das wie ein großer Stein aussieht. Tatsächlich ist es aber die zurückgekommene Schildkröte. Sie liegt bäuchlings im Sand, fast bewegungslos. Sie presst; ihre Kontraktionen drücken die Eier aus ihr heraus in die Kuhle, die sie zuvor geschaufelt hat. Die Fischer haben ihre Taschenlampen ausgeschaltet. Weit weg über dem Indischen Ozean zucken vereinzelte Blitze; die Brecher donnern an den Strand, längst hat sich der Regen in einen Wolkenbruch verwandelt.

Alle sind nass bis auf die Haut, doch niemand rührt sich. Die Gruppe verharrt in respektvollem Abstand, alle sind Zeugen eines Augenblicks, der alltäglich ist und trotzdem kaum zu fassen: Leben entsteht. So wie seit Jahrmillionen auf der Erde Leben entsteht. Der ganze menschengemachte Wahnsinn, der die Welt gerade besonders umtreibt, fühlt sich in diesem Moment erfreulich bedeutungslos an. Was wirklich zählt, findet gerade an diesem Strand statt.

Nach einer Stunde beginnt die Schildkröte, sich zu bewegen. Mit den Flossen schaufelt sie Sand auf die Eier, dann robbt sie ins Wasser zurück. Die Fischer befestigen einen Metallkäfig über dem Gelege, damit sich keine Wildtiere bedienen.

Dann macht sich die Gruppe auf den Rückweg durch die Nacht. Erst gegen drei Uhr früh kommen die Touristen im Hotel an. Als sie nach einer kurzen Nacht beim Frühstück zusammensitzen, reden alle über das Glück, dabeigewesen zu sein, und ihre Augen leuchten beseelt.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Sri Lankan Airlines fliegt als einzige Gesellschaft nonstop von Frankfurt nach Colombo. Umsteigeverbindungen zum Beispiel mit Emirates via Dubai oder mit Qatar Airways via Doha.

Wo wohnt man gut? In der Stadt Galle mit ihrem holländischen Fort ist das „Jetwing Lighthouse“ eine feine Adresse, Zimmer im Kolonialstil, der Indische Ozean direkt vor dem Balkon, Doppelzimmer ab 360 Euro; zur selben Kette gehört das zwischen den Reisfeldern von Wellawaya gelegene „Jetwing Kaduruketha“ mit Bungalows und herrlichem Pool, Doppelzimmer ab 141 Euro (jetwinghotels.com). „Casa Tikiri“ ist ein italienisch geführtes Boutique-Hotel nahe Koggala, edles Design, hübscher Garten, Doppelzimmer mit Frühstück ab 178 Euro (casatikiri.com). „Kaju Green Eco Lodges“ bei Unawatuna, gelegen in einem Vogelschutzgebiet, Doppelzimmer ab 229 Euro (kajugreen.com).

Rundreisen: Dertour bietet eine siebentägige Tour „Wildlife Potpourri“ mit Besuch von drei Nationalparks und dem Mangrovenprojekt in Koggala, pro Person im Doppelzimmer ab 1388 Euro ab/bis Colombo (dertour.de). Die Sieben-Tage-Reise „Sri Lanka hautnah erleben“ von Meiers Weltreisen führt ins Hochland, in Nationalparks und nach Koggala, ab 2453 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Flügen (meiers-weltreisen.de). Geoplan hat die 13-Tage-Privatreise „Sri Lanka intensiv“ im Angebot mit Stationen im Zentrum und an der Südküste, ab 3580 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Flügen (geoplan-reisen.de).

Weitere Infos: Tourismustipps: srilanka.travel; nachhaltiger Tourismus weltweit und auf der Insel: dertour-foundation.com; tuicarefoundation.com

Die Recherche wurde unterstützt von der Dertour Foundation. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de

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