Süßwarenmesse ISM: Singende Lollies und Protein-Schokolade

Süßigkeiten, die man hören kann – das gibt es wirklich. Wer sich den „Music Lolli Pop“ in den Mund steckt und an seinem Plastikstiel auf ein kleines Knöpfchen drückt, der bekommt ein Lied auf die Ohren, während er am zuckrig-künstlichen Vanillearoma nuckelt. Oder besser gesagt: nicht auf die Ohren, sondern direkt in den Kopf. Die neuartige Süßware überträgt eine Melodie über die Knochen des Kiefers, sodass allein die Lolli-lutschende Person den Song hören kann – die umstehenden Menschen nicht.

„Es funktioniert so ähnlich wie eine elektrische Zahnbürste“, sagt Yuan Ma, die sich im europäischen Kontext „Angela“ nennt und als Verkaufsmanagerin für das chinesische Unternehmen Amos arbeitet, das die Audio-Lollis herstellt. In 60 verschiedenen Ländern vertreibt Amos sein Produkt schon, „in diesem Jahr wollen wir auch nach Deutschland“, sagt sie. Für fünf bis sechs Euro sollen die singenden Lutscher dann über die Ladentheke gehen.

Der Music Lolli Pop ist nur eine von vielen Neuheiten im Süßwaren-Markt, die zeigt: Viele Hersteller versuchen mittlerweile mit mehr zu punkten, als allein mit dem guten Geschmack. Auf der internationalen Süßwaren- und Snackmesse ISM in Köln zeigen die rund 1600 Anbieter aus 74 Ländern „in diesen Tagen zunehmend auch Produkte, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen bieten“, wie Koelnmesse-Chef Gerald Böse sagt.

Protein im Trend

Da ist zum Beispiel der spanische Traditions- Kartoffelchiphersteller Patatas Torres, der neuerdings knusprige Eiweiß-Snacks anbietet. Es gibt süße Varianten mit Schoko- oder Honiggeschmack, die an Cornflakes erinnern oder herzhafte mit Käse-Aroma.

Auch der bekannte deutsche Schokoladenhersteller Alfred Ritter hat in diesem Januar zwei seiner typischen, quadratischen Ritter-Sport-Tafeln als Protein-Variante herausgebracht, „weil Verbraucher immer stärker auf ihre Ernährung achten“, wie Vertriebschef Michael Lessmann sagt. Das Unternehmen hofft, dass sich die Kunden das auch etwas kosten lassen. Mit 2,79 Euro unverbindlicher Preisempfehlung sind die neuen Sportler-Ritter-Sport-Tafeln deutlich teurer als die herkömmlichen, die für 1,99 Euro zu haben sind.

Hoher Druck durch hohe Kakaopreise

Die innovativen Ideen scheinen nötig zu sein, denn die Branche ist unter Druck – insbesondere diejenigen Hersteller, die Kakao als Rohstoff benötigen. Ausgelöst durch massive Ernteausfälle in Westafrika und verstärkte Spekulation an den Rohstoffbörsen hätten sich die Kakaopreise seit 2023 auf ein „historisch beispielloses Niveau vervielfacht“, sagt Ulrich Zuenelli, Chef des Südtiroler Schokowaffel-Herstellers Loacker und Aufsichtsratsvorsitzender des Internationalen Wirtschaftsverbands Sweets Global Network.

Im deutschen Markt sei der Druck besonders hoch, erläutert Bastian Fassin, Vorsitzender des Branchenverbands BDSI. Die mehr als 200 Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie erlebten Fassin zufolge im vergangenen Jahr „drastische Kostensteigerungen“ und zwar nicht nur für Rohstoffe, sondern auch für Personal, Energie und Logistik. Zwar seien die Kakaopreise an den internationalen Rohstoffbörsen zuletzt wieder etwas gesunken, doch weiterhin auf „einem historisch hohen Niveau“.

Die Verbraucher bekamen das direkt an der Ladentheke zu spüren. Den jüngsten großen Skandal erlebte die Branche, als Milka-Hersteller Mondelez den Negativpreis „Mogelpackung des Jahres“ von der Hamburger Verbraucherzentrale verliehen bekam. Der Grund: Trotz einer Preiserhöhung um 50 Cent schrumpfte das Gewicht der klassischen Alpenmilch-Schokoladentafel von 100 auf 90 Gramm. Aber auch andere Hersteller, wie etwa Ritter Sport, hatten ihre Preise angehoben. Die Konsumenten zeigten dafür allerdings nicht unbedingt Verständnis. Im größten Bereich der heimischen Süßwarenindustrie, bei den Schokoladenwaren, sank die produzierte Menge laut BDSI um rund sieben Prozent.

Auch der Export von Schokoladenwaren entwickelte sich in der Menge 2025 negativ und sank um mehr als sechs Prozent. Trotz allem ging der Umsatz nach oben. Fassin sagt jedoch, das sei nur ein schwacher Trost. Die Branche habe „erheblich“ an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Es drohe „eine Marktbereinigung zulasten kleiner und mittelständischer Unternehmen sowie eine zunehmende Verlagerung von Produktionsschritten ins EU-Ausland“.

Hauptsache schrill

Weniger pessimistisch blickt Zuenelli auf die gesamteuropäische Lage. Der Absatz sei mengenmäßig deutlich weniger zurückgegangen als die Preise stiegen, sagt er mit Blick auf das vergangene Jahr. „Die Verbraucher verzichten nicht auf Schokolade.“ Es zeigten sich aber Unterschiede in den Segmenten. Tafelschokolade und Riegel blieben vergleichsweise robust, während „insbesondere in Deutschland“ eine „spürbare Zurückhaltung bei Saisonartikeln“ – also zum Beispiel Schoko-Weihnachtsmännern – zu beobachten sei.

Chancen sieht auch Zuenelli in Innovationen, weshalb er der Süßwarenmesse ISM gerade im aktuellen Kontext eine „besondere Rolle“ zuschreibt. Manches läuft hier unter dem Motto „Hauptsache schrill“. So stellt etwa der Backwaren-Hersteller Kuchenmeister in einer Halle live den Weltrekord für das Herstellen des größten Croissants auf. Auf einer Sonderfläche für innovative Zutaten lässt sich bewundern, wie aus altem Brot fermentierte Limonade oder aus Biertreber Schokoladen-Ersatz werden kann.

Den diesjährigen Neuheiten-Preis auf der Messe bekommt ein spanisches Start-up namens Candy Glam, das süße Riegel mit „funktionalem“ Zusatznutzen herstellt, wie es die Gründerin Blanca Garcia formuliert. Der mit Zartbitterschokolade überzogene Gummiriegel schmeckt wie eine Geleebanane, enthält aber zusätzlich Kreatin, dem eine positive Wirkung auf den Muskelaufbau nachgesagt wird. Im Handel gibt es das Produkt noch nicht, das Start-up hofft aber auf einen baldigen Markteintritt.

Nach einer halben Stunde ist die Batterie leer

Etwas weiter ist der chinesische Musik-Lolli-Hersteller Amos. In manchen deutschen Supermärkten gibt es schon sein zweites Mode-Produkt, die „Peelerz“, zu kaufen. Das sind Fruchtgummis, die sich schälen lassen – die äußere Haut ist aus harter Kaubonbon-Masse, innen verbirgt sich weiches Mus. In den Sozialen Medien ist das ein ziemlicher Hit; in Instagram-Videos und auf Tiktok zeigen Konsumenten, wie sie an ihren Süßigkeiten herumpulen.

Riesig sei auch der Social-Media-Hype, den die Musik-Lollies gerade erfahren, sagt Marc Derday, der für das Vertriebsunternehmen Crevel den Europaverkauf der Produkte managt. Mehr als 500 Millionen Ansichten hat er schon für Posts über Amos-Süßigkeiten gezählt. Dabei helfen sicherlich auch verrückte Details, etwa, dass die Musik-Lollies am Stiel mit kleinen Kopfhörern verziert sind. Oder, dass ein Paar Ohrstöpsel in der Packung enthalten ist, um für den vollen Musikgenuss den Umgebungslärm auszublenden.

Allerdings währt die Freude nur kurz, nach etwa einer halben Stunde ist die Batterie leer. Und in welche Mülltonne kommt nun der Lollistil? Gelber Sack? Elektroschrott? Damit ist Marc Derday am Ende doch etwas überfragt. Tatsächlich sei der Nachhaltigkeitsaspekt nicht so sehr mitgedacht worden, gibt er zu.

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