Auch wir, liebe Freundinnen und Freunde der poetischen Verfahren, der verfahrenen Poesie und der Schwesterparteien, auch wir, hier unten im Archiv, haben die ersten warmen Tage des Jahres und das schöne Tauwetter genutzt, die ganzen Kästen mit dem leeren Mineralwasser und das Altpapier vor die Tür gestellt und nach dem langen und kalten Winter die Bücher in unseren Regalen auf ihre Verfassung hin geprüft. Was den harten Zeiten nicht Stand gehalten hatte, entschieden wir, würde rausfliegen, da kannten wir kein Pardon, wir konnten hier nur Bücher gebrauchen, die auf Linie sind.
Hatten die Seiten Stockflecke bekommen? Waren die Einbände rissig geworden? Die Titel noch lesbar? Solche Fragen konnten wir uns zum Glück noch selbst beantworten, bei den Bestsellern der Saison zum Beispiel waren ganz offensichtlich nur die Buchstaben verrutscht,„Gut Egal“ von Ildikó von Kürthy konnten wir leicht selbst reparieren, „Zatar“ von Nelio Biedermann aber hatte sich sogar gleich komplett in die Kochbuchabteilung verirrt und stand da im Fach „Exotische Gewürze/Kultgetränke“ neben Marcel Prost, den reparierten wir direkt auch mit. Nur den irgendwie räumlich wie buchstäblich komplett verrutschten feministischen Sammelband „Brauenprobleme. 33 neue Nachrichten“ ließen wir neben den Gesammelten Werken von Martin Walser stehen, weil er da einfach gut hinpasste, mit neuen Nachrichten von 33 hatte sich Walser ja auch einen Namen gemacht.
Wobei, was die Inhalte anging, überstieg das hier unten dann auf Dauer und in der ganzen Breite doch unsere Mittel, intellektuell wie monetär, wir konnten ja jetzt nicht die kompletten Bestände unseres Archivs auswerten, ob da mal was verrutscht war, deswegen waren wir auf Hilfe von ganz oben angewiesen, Staatsknete war key, wir hier unten waren zudem auch chronisch knapp bei Kasse, weil die aktuelle Weltlage mit all ihren Auswirkungen auf Bodenschätze auch den Mineralwasserpreis in die Höhe schießen ließ. Zum Glück schien das Büro vom Kulturstaatsminister auch über die kleinsten Vorgänge, Wünsche und Bedürfnisse in der Kunst informiert zu sein, jedenfalls hatte es, bevor wir überhaupt irgendwo anrufen konnten, ganz wie von selbst einen Praktikanten vorbeigeschickt.
Es war ein Boomer in einem grauen Anzug, der sich als „Ha Be R.“ vorstellte und auf unsere neugierige Nachfrage, was denn hinter den Buchstaben seines Namens Dolles und Geheimnisvolles steckte, auf den Datenschutz verwies, sich aber gleich eine Notiz mit einem kleinen Bleistift in einem kleinen Büchlein machte, das er dann wieder in seinem grauen Anzug verschwinden ließ. Ha Be R. betrat das Archiv, ließ sich ein Glas Mineralwasser reichen, das er mit prüfendem Blick probierte und uns nach einem wohlwollenden Nicken wieder in die Hand drückte, er musste kurz aufstoßen, dann lief er aber mit festem Schritt die Regalreihen ab und ließ seinen kleinen Bleistift über die Rücken der Bücher streichen.
„Goethe Mann gut gut jaja“, murmelte er, wir drängten uns ganz nah an ihn heran, weil wir nichts verpassen wollten, dann blieb er abrupt stehen und zog mit nachdenklichem Blick ein kleines Buch aus dem Regal und pfiff dabei leise durch die Zähne. „Das Gute. 53 Zuneigungen“ hieß es, wir hatten es leichtsinnigerweise in das Regal für Erbauungsliteratur für alle Lebenslagen eingeordnet, in dem wir Werke großer Vor- und Nachdenker einordneten und aus dem wir uns gelegentlich eine Dosis Zuversicht herauszogen und in uns hinein tankten, wann immer wieder einmal die Fugen aus der Zeit geraten waren, und zwar direkt zwischen das Standardwerk „Snoopy für alle Lebenslagen“ und unsere aktuelle literarische Orientierungshilfe, Jean-Philippe Kindlers „Hier ist der Beginn und das Ende ist dort“.
Aber wir hatten uns wohl vorschnell einlullen lassen vom verharmlosenden Versprechen des Klappentextes. Michael Köhlmeier, so hieß es hier in offenbar gespielter Zuneigung, würde „die großen und kleinen Fragen des Menschseins“ erkunden und dabei „alle Facetten eines intellektuellen Savoir-vivre zelebrieren“. Aber Ha Be R.s geschultem Blick für lyrische angehauchte Geheimcodes entgingen die subversiven Untertöne dieser snoopyartigen Dog Whistles nicht: Schon den Hinweis auf Köhlmeiers „ganz persönliche Reise, von Shakespeare über seinen Onkel Gerhard bis zu Coco Chanel“, fand er höchst verdächtig, offenbar handelte es sich um ein geheimes Netzwerk, und auch im Buch unterstrich er aufgeregt die zersetzendsten Passagen. Als er fertig war, las er uns die gefährlichsten unter ihnen vor: „Der Halbsieger ist ein ewig Unglücklicher. Vor seiner Nase hängt die Karotte, in die tätowiert ist: Es reicht nicht“, zitierte er. Und weiter: „Ich kann mir nicht einbilden, ein Wolf zu sein, aber ich kann mir einbilden, einen dressierten Wolf zu besitzen.“
Wir hatten keine Ahnung, wo bei diesen Sätzen hinten und vorne war und wollten gerade unseren Kindler konsultieren, aber da spürten wir schon, wie sich eine umstürzlerische Gesinnung in uns breit machte, eine unbändige Lust, das System auszuhebeln. Wir hängten uns, weil wir keine Karotten hatten, ein paar unserer dicksten Schwarten und veritabelsten Schinken vor die Nase, und sahen nun, geschult am Röntgenblick von Ha Be R., überall Anleitungen zur Revolution: In Giulia Enders „Organisch“ schlugen wir schnell alles über die „unsichtbaren Helden unseres Körpers“ nach, über Sauerstoffradikale und revolutionäre Hirnzellen, von Martin Suter lernten wir, wie man das „Habitat der Krawattenträger“ unterwandert – und als wir unserer Bewegung gerade den Namen „Zur Kullernden Rumkugel“ geben wollten, öffnete Ha Be R. seine amtliche Ledertasche und holte Stefan Bollmanns „Die literarische Hausapotheke“ hervor. Darin befanden sich „hochwirksame Texte“, wie es auf dem Beipackzettel stand, „für alle Lebenslagen, insbesondere die belastenden, konfusen, turbulenten, leidvollen“. Ha Be R. verabreichte uns erstmal 400 mg „Steppenwolf“ gegen innere Zerrissenheit und salbte uns von oben bis unten mit Ovid und Seneca ein. Dann wandte er sich wieder den Regalen zu, wir stolperten, innerlich und äußerlich jetzt wieder untereinander und miteinander verbunden, in einer Reihe hinter ihm her, während er wieder mit seinem Bleistift an den Regalen entlang strich – und plötzlich erstarrte.
„Ha“, rief er und wedelte mit seinem Stift vor dem Regal mit den Neuerscheinungen herum, „pah!“, sein Kopf wurde ganz rot, in der Kombination mit dem grauen Anzug sah er aus wie ein Streichholz. „Ich wusste es“, schrie er jetzt und zog ein paar richtig dicke Schinken aus dem Regal und stapelte sie vorwurfsvoll auf dem Boden, dann stampfte er noch mit dem Füßchen auf. Nachdenklich studierten wir die Buchtitel, die da am Boden vor uns lagen: „Pulver“ von Johann Reißer, „Rausch“ von Nuran David Calis, „Strahlen“ von Verena Stauffer und „Entzug“ von Christoph Peters, irgendwie standen wir akut auf dem Schlauch, das war doch alles hochwirksame deutschsprachige Gegenwartsliteratur, aber da hatte Ha Be schon sein Handy gezückt und auf die Speeddial-Taste gedrückt, er klemmte sich das Telefon unters Kinn und schrieb heftig in sein Heft.
„Ja, Püppi, stell mich mal zum Chef rein“, sagte er und seine Stimme klang plötzlich ganz anders, und irgendwie kam es uns jetzt doch komisch vor, dass ein Mann in diesem Alter noch ein Praktikum machen musste. „Ja, Chef, Sie hatten vollkommen recht“, sagte Ha Be jetzt und schlug die Hacken zusammen, „Haschrebellen sind se auch noch, am besten – genau, genau – am besten – nein, Chef, wer, wenn nicht Sie – ja, gut, ich sichere hier inzwischen die Lage und Sie kommen am besten sofort vorbei.“ Er legte auf, ließ das Handy im Anzug verschwinden und schaute uns an. „So, Freunde der Sonne“, sagte er, „das Spiel ist aus“, zog ein Absperrband aus der Tasche und wollte es gerade um das erste Regal wickeln, da flog die Tür auf und vor uns stand tatsächlich der leibhaftige Wolfram Weimer, der größte Kulturstaatsminister aller Zeiten. In Wirklichkeit war er sogar noch größer als im Internet, wir kannten ihn ja nur als „Weimatar“, als KI-Modell, das wir hier zur spirituellen Führung als Betriebssystem auf sämtlichen Geräten installiert hatten, sowie natürlich als Autor des verkannten Meisterwerks „Kopfpilz“, in dem er unerschrocken die Grenzen romantischer Eiterlyrik ausgeweitet hatte. „Und schlingen unsere Leiber / schlemmen unsere Fleischer / erschlagen unsere Zeiter / und schlagen auf uns selber ein / zum Töten sind wir uns zu fein / verdampfter Lieberschleim“, riefen wir ihm ergeben zur Begrüßung entgegen, aber er zuckte nur kurz mit dem Mundwinkel und betrat wortlos unseren Keller, in dem er leider nicht aufrecht stehen konnte, so groß war Weimer.
Mit abgeknicktem Kopf begann er, durch die Gänge unseres Archivs zu wandeln, zog hie und da einzelne Bände zur Prüfung heraus, und warf sie hinter sich auf den Boden, wo sie Ha Be, bevor wir noch ein Muster für Weimers Auswahl erkennen konnten, aufhob und in einen Arztkoffer steckte. Schon nach einigen Minuten war er zielsicher in den gefährlichsten Ecken unseres Archivs angelangt, in die auch wir uns normalerweise nur trauten, wenn wir uns vorher mit einer doppelten Dosis Sloterdijk geimpft hatten, und wo die Regale so eng standen, dass sogar wir uns klein machen mussten. „Boah, ist das eng hier“, sagte Weimer jetzt mit fester Stimme, „ihr müsst dringend mal die Meinungskorridore breiter machen! Ich zeige euch mal, wie das geht!“, rief ein paar hochwirksame magische Komposita, das war seine Superkraft: „Hirnbusen!“, rief er, „Tafelsilber!“, „Tugendterror!“, „Tegernsee Summit!“, und alleine durch die Kraft der freien Rede weitete sich der Diskursraum so gewaltig, dass am Ende des Ganges ein kleiner vergitterter Raum sichtbar wurde, offenbar eine geheime Gefängniszelle, die das Ministerium, wie wir jetzt erst erkannten, bei uns versteckt haben musste.
Darin saß ein ordentlich gekleideter Herr mit Acetat-Brille und blauem Anzug, der uns fröhlich willkommen hieß: „Ah, wusste ich doch, das suchende Auge der Staatsmacht im Kampf gegen Hass und Hetze kennt keinen verborgenen Winkel!“ „Herr Fleischhauer“, grüßte Weimer zurück, „was machen Sie denn hier?“ und zu Ha Be R. sagte er streng: „Das muss ein Irrtum sein, gucken Sie noch mal nach, ob uns gegen den verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse vorliegen.“ Und während Ha Be aufgeregt in einer Akte blätterte, wandte sich Weimer wieder jovial an den berühmten Kolumnisten.
„Das lässt sich bestimmt gleich klären, oder haben Sie auch ‚Deutschland verrecke‘ gefordert? Scherz!“. „Natürlich nicht“, sagte Fleischhauer, nur ‚Deutschland erwache‘, aber in aufklärerischer Absicht, das ist nicht strafbar.“ „Warum bist du dann hier?“, trauten auch wir uns jetzt wieder zu fragen. „Ach, ich habe mich selbst eingesperrt, für meine Talkshow ‚Keine Talkshow‘. Ich konfrontiere da ja meine Gäste mit meinen sehr erwartbaren Meinungen, und irgendwie muss ich ja dafür sorgen, dass sie mir nicht rauskommen, wenn ich sie schon argumentativ nicht festnageln kann. Schlau, oder?“ „Genial!“, jubelte Weimer, „das ist genau meine Idee von Meinungsfreiheit!“ und wollte sich schon festketten, aber Fleischhauer guckte skeptisch. „Die klassischen Berufspolitiker, die einfach das Parteiprogramm abspulen, sind eher nicht so geeignet“, sagte er. „Der ideale Gast will entweder alle Menschen zum Verzicht aufs Fleisch bewegen oder das Auto aus der Stadt verbannen oder alle Erben enteignen.“
Auch uns hatte derweil eine unbändige Streitlust überfallen, eine tief empfundene Sehnsucht nach ehrlichem Eingesperrtsein, und als wir gerade einen handfesten Schlagabtausch beginnen wollten, um uns als Kandidaten für die Sendung zu bewerben, ritt beherzt eine kampfeslustige Frau in superzeitgemäßen Gummistiefeln heran. In der einen Hand hielt sie eine Mistgabel, in der anderen die Verfassung, und nachdem sie sich energisch vom Pferd geschwungen hatte, zündete sie sich eine Zigarette an und sagte: „Ich könnte vom Persönlichkeitsprofil ganz gut reinpassen“. Es war niemand anderes als die weltberühmte Brandenburgerin Juli Zeh.
„Momentan gibt es die Sehnsucht nach Personen, die ein bisschen atypisch für den Politikbetrieb sind, was das Auftreten und die Rhetorik betrifft“, erklärte sie. „Man bräuchte jemanden, der in dieser sogenannten Polarisierung nicht klar einem Lager zugeordnet ist“, fuhr sie mit ihrer Rede fort, aber da ging sie schon Fleischhauer hart, aber fair an: „Hast du nicht zugehört? Das ist keine Konsens-Show! In Zeiten polarisierter Positionen ist es wichtig, dass wir polarisierte Positionen haben!“ „Lass mich mal ausreden, du, du, du – Mann!“, gab sie es ihm, „ich rede doch gar nicht von deiner Show, in Talkshows werde ich echt schon genug eingeladen, ich rede vom Amt des Bundespräsidenten. Danach hat mich zwar niemand gefragt, aber ich wollte trotzdem dringend sagen, dass ich jetzt gerade keine Zeit habe, weil ich das mit der Doppelbelastung aus Beruf und Familie nicht in Einklang bringen könnte.“ Sie zog noch mal an ihrer Zigarette und drückte Ha Be R. die Verfassung in die Hand, der sofort interessiert hinein blätterte, sich Notizen in seinem Büchlein machte und dann beides in seinen Arztkoffer steckte. „Aber ihr könnt mich schon mal einplanen, wenn meine jüngere Tochter Abitur gemacht hat, bin ich vielleicht bereit, mein Hauptaugenmerk auf die großen gesellschaftlichen Baustellen zu richten, also in sieben oder acht Jahren!“ Nachdenklich rammte sie die Mistgabel in den Boden und fing direkt an, ein bisschen umzugraben und aufzuspießen, sie schien da offenbar eine große gesellschaftliche Baustelle gefunden zu haben.
„Ich bin mit einer starken Demokratieverliebtheit aufgewachsen“, sagte sie dann, und wieder hatte sie wirklich niemand hier unten danach gefragt, aber gegen starke Gefühle konnte man halt nichts machen, die mussten raus, das kannten wir aus Büchern. „Viele sehen die Demokratie ständig bedroht, von früh bis spät und durch alles“, fuhr Juli Zeh fort. „Ich denke, sie ist vor allem bedroht, wenn man Meinungen nicht hört. Das halte ich für schädlich.“ Diese Meinung schien zumindest Wolfram Weimer gehört zu haben, er ging direkt auf Juli Zeh zu, nahm ihr liebevoll die Mistgabel aus der Hand, schaufelte ein paar Neuzugänge aus den Regalen, setzte sich drauf, so dass seine Knie seine Ohren berührten, Hauptsache, dass er so aber weiter gut Meinungen hören konnte, und schaute Zeh in die Augen. „Ich bin auch total demokratieverliebt“, sagte er, „und meinungsverliebt sowieso, darf ich Ihnen mal eins meiner Gedichte vorlesen? Oder wollen wir nicht mal in einer öffentlichen Dialogveranstaltung über Kunst- und Meinungsfreiheit diskutieren? Wir könnten auch ein Eis essen gehen oder Tretboot fahren. Ich heiße übrigens Weimer. Wie in Demokratie.“ „Zeh. Wie in DU“, antwortete Juli Zeh, „aber das ist ja gar nicht wichtig, superzeitgemäß und wichtig wäre es, dass jetzt eine Frau Bundespräsident wird. Aber es soll natürlich nicht das entscheidende Kriterium sein. Identitätspolitische Fragen sind wichtig, aber sollten nicht die Priorität haben.“
Da flog die Tür auf und eine Frau mit elegantem Kassengestell kam herein. „Das sehe ich komplett anders“, rief sie, „ich identifiziere mich schließlich seit Jahren, und zwar als Frau und Ostdeutsche und Demokratin und Angela Merkel. Und jetzt sage ich euch mal die Wahrheit: Ein immer größer werdender Teil der Ostdeutschen will diese Demokratie nicht mehr.“ Ha Be blätterte schweißgebadet in seinen Aufzeichnungen nach Hinweisen, das kam ihm doch alles sehr verfassungsfeindlich vor, Fleischhauer wurde kurz ohnmächtig, aber wir holten geistesgegenwärtig eine Dose Biermann und ein paar Hefter-Pflaster aus der Hausapotheke, und als die bekennende Ostfrau unsere Panik bemerkte, beschwichtige sie uns, so gut sie konnte: „Diese Worte sind nicht zu groß, obwohl sie freilich ziemlich groß und zweifellos einschüchternd und auf den ersten Blick mindestens erschreckend wirken“, sagte sie, und als sie merkte, dass uns auch das nicht beruhigte, fuhr sie fort: „Ich bin keine Aktivistin, ich bin keine Politikerin, ich will die Welt nicht retten. Ich bin eine Autorin, die von sich sagen würde, auch das Handwerk einer Journalistin zu beherrschen.“
Offenbar hatte sie eine Art Quiz mit uns vor, das heiterte uns schnell auf, und wir begannen zu raten: „Bist du vielleicht Inka Bause?“, sagte Zeh und piekste sie zärtlich mit der Mistgabel, aber die Ostfrau reagierte nicht. „Bist du Cindy aus Marzahn?“ fragte Weimer, aber auch das schien nicht zu stimmen. „Ich hab’s!“, sagte Ha Be R., „du bist Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann!“, da endlich reagierte die geheimnisvolle Dame: „Ich weiß es doch selbst nicht mehr!“, schluchzte sie und begann zu weinen. „Der Ort, der bisher meine Heimat war, ist plötzlich zu einer Insel inmitten eines blauen Meeres geworden. Ein Eiland, eine Oase gar? Nun frage ich mich, wer ich war? Wer ich werden würde? Hatte ich doch mehr als mein halbes Leben lang über den Osten nachgedacht, geschrieben. Manche behaupten, ich hätte dabei auch für den Osten gesprochen. Aber galt das noch? Konnte das, was ich einst schrieb und dachte, noch gelten?“
Da konnten wir ihr jetzt irgendwie aber auch nicht weiterhelfen, wir waren doch auch nur ein paar Leute vom Archiv auf einer Oase in einem Meer von Büchern oder so ähnlich. Oder wer waren wir? Oder würden wir werden? Eigentlich hätte uns das Ha Be erklären können, der hatte ja eifrig mitgeschrieben, aber er hatte sich inzwischen auf das Pferd von Juli Zeh geschwungen, seinen Chef huckepack genommen und war davon gezottelt, der eigenen Zukunft entgegen, und auch Zeh ritt auf ihrer Mistgabel nach Hause, für die nächsten sieben bis acht Jahre oder bis wieder jemand anrief, um sie zu fragen, ob sie sich irgendwas auch schon mal gefragt hätte.
Also schraubten wir ein paar Flaschen Mineralwasser auf, tranken erst mal einen kräftigen Schluck, räumten die Bücher, die Weimer aus den Regalen gemistgabelt hatte, wieder zurück auf ihre Plätze, die ganze Streitlust war irgendwie verflogen, nicht einmal Jan Fleischhauer hatte noch Bock auf Polarisierung und Selbsteinsperrung und war verschwunden, wir fegten noch schnell den Meinungskorridor aus, schlossen das Archiv, nagelten aber vorher noch ein Gedicht außen an die Tür, und das ging so: „Im Osten geht die Sonne auf, / die Meinungsfreiheit dabei drauf, / Im Süden dreht sie ihre Bahn, / und dort, wo einmal Rehaug’n warn, / im Westen, statt noch was zu wagen, / darf man kaum etwas noch sagen, / Im Norden aber, von ganz oben, / wird Kunst ganz amtlich abgeschoben.“ Denn so was wird man ja wohl noch mal dichten dürfen.
Source: faz.net