Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober und der Krieg in Gaza haben auch in Deutschland eine politische Lagerbildung verstärkt. Es wundert nicht, dass sich diese Polarisierung in klaren Positionen zur Berichterstattung über den Nahostkonflikt niederschlägt. Forscher der Uni München haben dies nun in einer repräsentativen Umfrage belegt: Nur etwa ein Viertel der Deutschen hält der Studie zufolge die Nahostberichterstattung für ausgeglichen, 30 Prozent finden sie zu proisraelisch, neun Prozent zu propalästinensisch, nur 27 Prozent finden sie ausgewogen, 35 Prozent trauen sich hier kein Urteil zu.
Genauso wenig überrascht, dass das seit Jahren schwindende Vertrauen der Menschen in „die Medien“ nicht unbedingt im Minenfeld der Nahostberichterstattung zurückgewonnen wurde: 43 Prozent der Befragten gaben an, dass sie der Berichterstattung der etablierten Medien über das Thema Nahostkonflikt „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ vertrauen.
Wie aber ordnet man diese Ergebnisse ein? Die Münchner Studie ist methodisch sorgfältig und umsichtiger als viele andere. Ihr ist bewusst, dass die Antworten der Befragten natürlich auch Ausdruck ihrer allgemeinen Haltung ist. Interessant ist daher vor allem, wie die unterschiedlichen Lager die Ausgewogenheit der Berichterstattung sehen: Von denjenigen, die sich als propalästinensisch beschreiben (16 Prozent) attestierten 78 Prozent den Medien eine proisraelische Verzerrung.
Umgekehrt nahm nur ein Drittel der proisraelischen Befragten (20 Prozent) die Berichterstattung als propalästinensisch wahr. Bei der Präsentation am Mittwoch in Berlin machte Medienforscher Carsten Reinemann, der Leiter der Studie, außerdem sehr klar, dass in der Umfrage eben keine tatsächlichen Verzerrungen ermittelt wurden, sondern die Wahrnehmung der Berichterstattung, also gewissermaßen eine gefühlte Unausgewogenheit.
An die Studie könnte man Fragen anschließen
Und doch lässt sich die suggestive Wirkung solcher Zahlen kaum verhindern: Allzu leicht lassen sie sich als Beleg interpretieren, dass die Medien tatsächlich parteiisch berichten; oder zumindest, dass sie die Meinungen von Teilen der Bevölkerung – die „Ängste und Sorgen“, wie es in anderem Kontext oft heißt – nicht abbilden, egal wie voreingenommen diese wiederum sind.
Welche Probleme es wirklich in der Berichterstattung gibt, kann man dabei schon deshalb schwer sagen, weil in der Studie nicht ermittelt wurde, was genau die Befragten proisraelisch oder propalästinensisch fanden: den Hinweis, dass sich viele Angaben nicht überprüfen lassen? Oder das häufige Fehlen dieses Hinweises? Die Wortwahl? Die mangelnde Kritik an der israelischen Regierung? Oder die Abwesenheit Hamas-kritischer Stimmen aus Palästina? Und was heißt es am Ende, wenn die Kritik aus dem palästinensischen Lager so viel lauter ist? Finden diese Leute die Berichterstattung so parteiisch, weil sie den Medien weniger vertrauen? Oder vertrauen sie den Medien weniger, weil sie sie so parteiisch finden? Setzt sie die Geschlossenheit, mit der sie die Berichterstattung bemängeln, ins Recht? Oder gucken sie einfach weniger differenziert auf die Berichte?
An viele Ergebnisse dieser interessanten Studie ließen sich ähnliche Fragen anschließen. Leider muss man befürchten, dass die meisten sie als Antwort verstehen.
Source: faz.net